Zeitung Heute : Wo ist Gott?

Der Tagesspiegel

Für die einen ist Gott ein Marionettenspieler, der die Fäden in der Hand hält. Wir wären demnach die Marionetten, die sich nach Gottes vorbestimmtem Plan bewegen. Für andere ist Gott ein Uhrmacher, der den Mechanismus geschaffen hat, ihn aufzog und ihn dann aus eigenem Antrieb laufen ließ. Nachdem die Welt und ihre Naturgesetze ins Leben gerufen worden seien, greife Gott nicht mehr in die Abläufe ein und wir selbst bestimmten unser Geschick. Für wieder andere ist Gott der Inhaber eines Supermarktes, der uns den Eintritt erlaubt und uns unsere eigene Wahl treffen lässt, doch am Ende mit einer Checkliste wartet. Für wieder andere ist Gott unser Gewissen, das tief in uns ist und uns ständig in eine bestimmte Richtung drängt. Es sei stets mit uns, höre aber nicht immer auf uns.

All das lernt man, wenn man das Rabbinerseminar absolviert. Ich war ein junger jüdischer Theologe in Nord-London auf der Suche nach Gott. Was ich zunächst fand, waren jedoch die religiösen Positionsbestimmungen von Menschen, die vor uns darüber nachgedacht haben, wo Gott wohnt. Zwischen den Buchdeckeln war Gott nicht.

Mein Lehrer Lionel Blue hat mich getröstet. Er meinte, es tut nichts zur Sache, dass die Menschen unterschiedliche Vorstellungen von Gott haben. Wichtig ist, dass sie einander helfen, in eine engere Beziehung zu Gott zu kommen. Er drückte damit aus, was im ersten Abschnitt des Achtzehnbittengebets gemeint ist: Gott sollte beides sein, der „Gott unserer Vorfahren" und „unser Gott", den wir durch unsere eigene religiöse Suche gefunden haben.

Der mittelalterliche Bibelkommentator und Philosoph Maimonides hat Gott aus jüdischer Sicht folgendermaßen beschrieben: Gott ist der einzige Schöpfer, unsichtbar, körperlos, ewig und einzigartig. Zusätzlich dürfen wir annehmen, dass es eine Beziehung Gottes zur Menschheit gibt.

Gott ist also nicht nur der Gott der großen Entwürfe, der erschafft und Recht setzt, sondern auch der Gott jedes einzelnen Individuums, mit dem jede und jeder in einer persönlichen Beziehung stehen kann.

In einem Zeitalter, in dem es mehr auf die Vernunft als auf den Glauben ankommt, erscheint es vielen Juden leichter, das Handeln und nicht den Glauben in den Vordergrund zu stellen. Selbst wenn der Glaube zum Thema wird, ist es oftmals einfacher, über Gott zu reden als mit Gott. Doch das Judentum erwartet nicht nur, den Geboten Gottes zu folgen, sondern auch zu versuchen, die Stimme Gottes zu hören. Wo also ist Gott?

Es hat lange gedauert, bis ich als Rabbiner gelernt habe, neben der Weisheit der Bücher auch dem eigenen Erleben zu trauen: das Herz begreift, was das Auge nicht sieht und das Ohr nicht hört. Gott ist da, wo wir ihm Platz machen in unserem Leben.

Der Autor ist Dozent am Abraham Geiger Kolleg Potsdam für die Ausbildung von Rabbinerinnen und Rabbinern.

In der Gott-Kolumne von Wolfgang Bings am vergangenen Sonntag wurde im zweiten Absatz aus „Selbstverachtung“ durch einen Setzfehler „Selbstverantwortung“. Wir bitten um Entschuldigung.

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