Zeitung Heute : Wo ist Hoffnung?

Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. terre des hommes macht sich zum Anwalt der entrechteten Kinder weltweit

Jean Ziegler

Als junger Mann und Jude entkam Edmond Kaiser den Schergen des Vichy-Regimes und der Deportation. Als Untersuchungsrichter in der Armee General Leclercs erfuhr er im Elsass, und später in Deutschland, vom Horror der Nazi-Lager. Nach seiner Emigration ins schweizerische Lausanne gründete er terre des hommes. Er starb mit 82, an der Schwelle des neuen Jahrtausends, in einem Waisenhaus in Südindien. Er hatte sich, wie er mir in unserem letzten Gespräch anvertraute, dorthin begeben, „um die Kleinen zu trösten“. Und er fügte hinzu: „Ich habe nicht mehr die Kraft, die es bräuchte, um ihre Lebensbedingungen zu ändern.“ Edmond Kaiser schreibt: „Öffnete man diese Welt wie einen Kochtopf, ihr Geschrei würde den Himmel und die Erde zurückweichen lassen. Denn weder die Erde noch der Himmel, noch irgend einer von uns, haben wahrhaft die Tragweite des Unglücks der Kinder ermessen, und auch nicht das Gewicht der Kräfte, die sie zermalmen.“ (Dossier Noir/Blanc, Lausanne 1999).

Jeden Tag sterben 100 000 Menschen am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Macht mehr als 36 Millionen im Jahr 2006. Alle sieben Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Alle vier Minuten verliert ein Mensch durch Vitamin-A-Mangel sein Augenlicht. 856 Millionen menschliche Wesen sind dauerhaft gravierend unterernährt, verstümmelt vom Hunger. Der größte Teil dieser Unterernährten, 515 Millionen, lebt in Asien, wo sie 24 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen.

An der Bevölkerung gemessen zollt allerdings Schwarzafrika den höchsten Tribut: 186 Millionen sind dort permanent gravierend unterernährt, das sind 34 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die meisten leiden unter dem, was die Welternährungsorganisation (FAO) als „extremen Hunger“ definiert: Ihre Tagesration liegt im Schnitt 300 Kalorien unter dem Niveau, das ein Überleben in erträglichen Bedingungen ermöglicht. Dieses Massaker spielt sich auf einem Planeten ab, der vor Reichtum überquillt. Auf dem aktuellen Stand ihrer Produktionskräfte könnte die internationale Landwirtschaft problemlos zwölf Milliarden Menschen mit 2700 Kalorien pro Erwachsenem und Tag versorgen. Doppelt so viele Menschen also, wie derzeit auf diesem Planeten leben.So steht es im Bericht der FAO von 2005.

Die Gleichung ist simpel: Wer Geld hat, isst. Und lebt. Wer keines hat, leidet, wird krank. Und stirbt.

Die ersten Opfer dieses Massakers, und gleichzeitig die zahlreichsten, sind die Kinder. Und es ist nicht eine unabänderliche Fatalität, die dieses tägliche Massaker des Hungers bewirkt. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet. Die Weltordnung des globalisierten Kapitalismus ist nicht nur mörderisch, sie ist auch absurd. Sie tötet, aber sie tötet ohne Notwendigkeit.

Wenn ein Kind in der Phase zwischen seiner Geburt und der Vollendung des fünften Lebensjahres keine adäquate Nahrung in ausreichender Menge erhält, dann wird es sein ganzes Leben lang an den Folgen tragen. Durch schwierige, unter medizinischer Überwachung durchgeführte Therapien kann man einen Erwachsenen, der zweitweise unterernährt war, wieder an eine normale Existenz heranführen. Bei einem Kind unter fünf Jahren ist das unmöglich. Durch Nahrungsmangel werden die Gehirnzellen von Kindern irreparabel geschädigt. Régis Debray nennt diese Kleinen „von Geburt an Gekreuzigte“. Es sind Dutzende von Millionen in der ganzen Welt.

Hunger und chronische Fehlernährung sind erbliche Flüche: Jedes Jahr setzen Hunderttausende schwer unterernährter afrikanischer Frauen Hunderttausende unabänderlich geschädigter Kinder in die Welt. Der Fötus ist schon im Mutterleib unterernährt, die Mütter haben keine Milch für ihre Säuglinge. All diese unterernährten Mütter, die dennoch Leben schenken, sie erinnern an jene verdammten Frauen bei Samuel Beckett, die „rittlings über dem Grab gebähren. (...) Einen Augenblick lang funkelt der Tag, dann wird es von neuem Nacht.“ (Warten auf Godot).

Eine Dimension menschlichen Leidens fehlt noch in dieser Beschreibung: die der quälenden, unerträglichen Angst, die jedes Wesen erleidet, das vom Moment des Erwachens an hungrig ist. Wie wird es im Laufe dieses beginnenden Tages die Erhaltung der Seinen sicherstellen, wie wird es sich selbst ernähren? In dieser Angst leben zu müssen ist vielleicht noch schrecklicher als die Erduldung der zahlreichen Krankheiten und körperlichen Schmerzen, die einen unterernährten Körper zerrütten.

In den Favelas Nordbrasiliens haben die Mütter die Angewohnheit, abends einen Topf Wasser zum Kochen zu bringen und Steine hineinzulegen. Im sprudelnden Wasser stoßen die Steine aneinander und erzeugen ein vertrautes Geräusch, das, so hoffen die Mütter, die Kinder in den Schlaf wiegt. Ihren vor Hunger weinenden Kindern erzählen sie: „Das Essen ist gleich fertig.“ Und sie hoffen, dass die Kinder in der Zwischenzeit einschlafen. Kann man die Scham ermessen, die eine Mutter vor ihren hungergequälten Kindern erleidet, weil sie sie nicht ernähren kann? Diese Zerstörung von Millionen von Kindern durch den Hunger ist eisige Normalität; sie geschieht jeden Tag und jede Nacht, auf einem Planeten, der in Wohlstand badet.

In Niger, einem Sahelland von zehn Millionen Einwohnern am Südrand der Sahara, stirbt ein Viertel aller Kinder vor Vollendung des fünften Lebensjahres: an Hunger, an Krankheit, an verseuchtem Wasser.

Ein Viertel aller Kinder, die auf diesem Planeten geboren werden, kommt mit unzureichendem Gewicht zur Welt. Sie werden von Müttern geboren, die selbst unterernährt sind, die nicht in der Lage sind, ihren Kindern die Brust zu geben.

Die Vereinten Nationen unterscheiden zwischen Unterernährung und Fehlernährung. Unterernährung bezeichnet einen Mangel an Kalorien (das Kind bekommt nicht genug Nahrung, um seine vitalen Kräfte zu regenerieren). Fehlernährung dagegen ist ein anderes Übel: Ein Kind kann ausreichend Kalorien erhalten, aber nicht genug Proteine, Vitamine und essenzielle Mineralstoffe. Etwa 100 Millionen Kinder unter zehn Jahren bekommen nicht genug Vitamin A. Für das Immunsystem unverzichtbar.

Millionen von Kindern erhalten nicht genug Jod. Dieses Defizit behindert die Entwicklung des Gehirns. Die Blutarmut, die der Jodmangel auslöst, greift das Nervensystem an. Es ist technisch unkompliziert und finanziell erschwinglich, diese Defizite zu bekämpfen: Durch simple Jodierung des Speisesalzes könnten die oben geschilderten Krankheiten vermieden werden. Bleiben das Wasser und die allgemeinen Hygienebedingungen. Im Jahr 2006 hatten weltweit 126 Millionen Kinder unter fünf Jahren keinen regelmäßigen Zugang zu trinkbarem, unschädlichem, sauberem Wasser in ausreichender Menge, das den von der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Qualitätskriterien entspricht.

280 Millionen Kinder unter fünf Jahren erdulden hygienische Bedingungen (Mangel an Toiletten, Mangel an Wasser für die Körperhygiene, etc.), die zu großem Leid führen: durch Diarrhöe, multiple Infektionen und andere Krankheiten, die durch mangelnde Hygiene ausgelöst werden. Auch die Verbreitung von Aids hängt unmittelbar mit der Unterernährung zusammen. Nahrungsmangel schränkt die Widerstandskräfte des Kindes ein. Millionen aidskranker Kinder in der ganzen Welt, vor allem im subsaharischen Afrika, benötigen dringend Hilfe. Im letzten Unicef-Report vom 16. Januar 2007 heißt es: „Von zehn aidskranken Kindern erhält in Entwicklungsländern nur eines eine Behandlung. Und nur bei einer von zehn schwangeren Frauen wird die Übertragung des HIV-Virus auf das Kind verhindert.“

In Sauvabelin, in der Nähe von Lausanne, in Edmond Kaisers bescheidenem Büro, hing früher ein buntes Plakat. Es zeigte einen kleinen Tiger, und darunter die Worte: „Zärtlichkeit und Entschlossenheit“. Das ist genau das, was terre des hommes tut. Jeden Tag und jede Nacht. In Waisenheimen, Krankenhäusern, Ernährungszentren, Kindergärten, in Straßen und Slums, in Dutzenden leidverwüsteter Länder: Die Organisation tröstet Kinder, sie pflegt sie, sie schenkt ihnen Zärtlichkeit. Kindern, die im Getriebe der Macht zermalmt werden, gewährt terre des hommes Hilfe und Liebe. Gleichzeitig kämpft die Organisation mit Entschlossenheit, Geduld und bewundernswertem Mut gegen die mörderische und absurde Ordnung der Welt. terre des hommes ist die Ehre der Menschheit. Sie verdient unsere uneingeschränkte Solidarität und Bewunderung.

Edmond Kaiser war ein agnostischer Jude, aber er zitierte oft diesen Satz des katholischen Schriftstellers Georges Bernanos: „Gott hat keine anderen Hände als unsere“. Wenn wir die Welt nicht verändern, wird es niemand tun.

Aus dem Französischen von

Jens Mühling

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