Zeitung Heute : Wo ist Saddam?

Ein Vierteljahrhundert hat er den Irak beherrscht. Jetzt hat der Tyrann seine Macht verloren. Und die Spurensuche beginnt. Die Spekulationen sind zahlreich, Belege finden sich kaum. Aber seine Verfolger geben nicht auf.

Lutz Haverkamp

BAGDAD IST GEFALLEN – DER DIKTATOR VERSCHWUNDEN

Sein Reich ist zerfallen, seine Macht erloschen, Bilder von ihm werden zerstört, Iraker tanzen auf seinen Statuen und die Einwohner von Saddam City nennen ihren Stadtteil umgehend in Al Sader City um. Der schiitische Groß-Ayatollah Mohammed Sadek al Sader wurde 1999 zusammen mit seinen beiden Söhnen in der irakischen Stadt Nadschaf ermordet. Für die Bluttat wird der irakische Präsident verantwortlich gemacht. Die Ära Saddam Hussein ist zu Ende, aber von ihm selbst fehlt jede Spur. Lebt der Diktator überhaupt noch? Und wenn ja, wo hält er sich versteckt?

Gleich zu Beginn des Krieges haben die Amerikaner versucht, Saddam mit einem gezielten Raketenangriff zu töten. Am Montag sollten vier 900-Kilogramm-Bomben im Bagdader Stadtteil Al Mansur das Leben des irakischen Präsidenten auslöschen. Über den Erfolg der Aktionen ist nichts bekannt. Weder gibt es ein glaubwürdiges Lebenszeichen Saddams noch einen Beleg dafür, dass er unter den Opfern der beiden „Enthauptungsschläge“ ist. Washington beruft sich bei diesen Aktionen auf das für kriegerische Konflikte geltende internationale Recht; danach ist es erlaubt, die Kommandeure der gegnerischen Truppen anzugreifen. Als Oberbefehlshaber sei Saddam Hussein somit ein legitimes Ziel. Diese Ansicht wird jedoch von manchen Experten in Zweifel gezogen. Der Völkerrechtler John Quigley von der Ohio State University betont, Praxis vergangener Kriege sei es gewesen, den Staatschef als Angriffsziel auszunehmen.

Die Spekulationen über den Verbleib Saddams schießen indes ins Kraut. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hält auch Syrien für einen möglichen Aufenthaltsort. Es gebe Geheimdienstinformationen, dass Syrien regierungstreue Iraker bei der Flucht unterstütze, sagte Rumsfeld. Darunter seien auch Verwandte von Iraks Präsident Saddam Hussein. Ob Saddam selbst sich dort aufhält, ist aber wohl mehr als zweifelhaft. Wahrscheinlicher ist da schon Saddams Heimatstadt Tikrit. Schon früher zog sich der Diktator in schweren Zeiten in seine Hochburg am Tigris zurück, wo er auf treue Anhänger zählen kann. Mehrere schwer befestigte Bunker könnten ihm in der 170 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Provinzhauptstadt eine letzte Zuflucht bieten. Ein arabischer Sender berichtete, die Republikanischen Garden hätten dort Stellung um die Stadt bezogen. Der Vorsitzende der von Washington unterstützten Oppositionsgruppe Irakischer Nationalkongress, Ahmed Chalabi, vermutet Saddam in der Stadt Bakuba bei Bagdad.

Zahnarzt der Familie gefunden

Andere Gerüchte besagen, der Gesuchte könnte sich in einem der vielen Bunker- und Tunnelsysteme in Bagdad versteckt halten. Der libanesische Parlamentspräsident Nabih Berri setzte Mutmaßungen in die Welt, der irakische Präsident habe sich bei den ersten Angriffen in die nahe gelegene russische Botschaft geflüchtet. Für diese Variante hat es aber keine weiteren Anhaltspunkte gegeben. Vor Kriegsbeginn wurde spekuliert, Moskau habe Saddam vorgeschlagen, freiwillig abzutreten und in Russland ins Exil zu gehen. Belege? Fehlanzeige.

Um später zumindest beweisen zu können, dass Saddam bei einem der Bombenangriffe getötet wurde, sind US-Spezialisten unterwegs, um in den Bombenkratern nach möglichen Gewebespuren des Diktators zu suchen. Da passt es ins Bild, dass der für gewöhnlich gut informierte israelische Internetdienst „Debkafile“ berichtet, Offiziere des amerikanischen Geheimdienstes CIA hätten in der Nacht zu Donnerstag den Zahnarzt der Familie Hussein ausfindig gemacht. So könnten im Zweifelsfall über die Patientendaten menschliche Überreste aus Bombenkratern per DNA-Analyse eindeutig Saddam zugeordnet werden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben