• Wo ist Tristans Mörder? Der grausame Tod des Schülers ist ohne Beispiel in der Kriminalgeschichte – eine Spurensuche

Zeitung Heute : Wo ist Tristans Mörder? Der grausame Tod des Schülers ist ohne Beispiel in der Kriminalgeschichte – eine Spurensuche

Jürgen Schreiber

Von Jürgen Schreiber

Niemand hört Tristan schreien. Tausende sind in seiner Nähe, als der Schüler zur Hauptverkehrszeit beim Bahnhof Frankfurt-Höchst ermordet wird. Es ist am 26. März 1998, er ist genau 13 Jahre, fünf Monate und 23 Tage alt.

Der Zeiger in der Wartehalle springt auf 17 Uhr 05: Mit ungläubiger Bestürzung nähern sich die mit jeder erdenklichen Tötungsart vertrauten Beamten der Mordkommission seiner Leiche. Später bürgerte sich in Artikeln der Satz ein, der alles sagen sollte: Das Opfer habe „wie ein abgeschlachtetes Tier dagelegen“. Für die Hinrichtung wählte Tristans Peiniger eine 112 Meter lange Unterführung, die das Gleisfeld quert. Die Röhre fasst den Liederbach und einen Fußpfad. Der schwarze Trichter, der das Entsetzliche ansaugte, ist ein besonders trostloser Platz zum Sterben. Sofern man die enge, hallende, modrig riechende Finsternis nicht scheute, war der Stollen eine Abkürzung. Ihn zu nehmen kam einer Mutprobe gleich. Der Junge dürfte von dem Schleichweg angezogen und abgeschreckt worden sein wie Kinder, die beim Verstecken mit Angstlust die dunkelste Ecke wählen.

Jeder Fall ist fürchterlich. Aber keiner gleicht diesem Verbrechen, das Rudolf Thomas mit der „Soko Tristan“ immer noch aufzuklären versucht. Der Erste Hauptkommissar, der zur rituellen Gesprächseröffnung in Zimmer 364 des Präsidiums die Pfeife stopft und den Besucher wachsam durch die Brille mustert, fahndet seit über vier Jahren mit bis zu 100 Kollegen nach einem Unbekannten. Von dem weiß er im Grunde nur mit Bestimmtheit: „Er ist in größtem Maße geisteskrank.“

Der Leiter der Mordkommission ist seit dem 18. Lebensjahr Polizist. 30 Jahre dient er beim K11, einem Team von Fahndern, „die schon ziemlich alles gesehen haben“. Was er bei 40 versuchten und vollendeten Morden jährlich an Elend erlebt, reicht für eine Galerie des Schreckens: „abgetrennte Köpfe, Arme, Hände“, der Zustand manches Getöteten ist der Presse nur geschönt zu schildern. Dann kam dieser März-Donnerstag 1998.

Ein dunkles Geheimnis

Der Chef hatte Feierabend, saß daheim in Rödelheim, das Abendessen auf dem Tisch. Eben spielte er mit den schwarzen Katzen Max&Moritz und den Artgenossen Cindy&Bert. Für die Namen Letzterer geniert er sich; man habe sie vom Tierheim übernommen. Da kam der Alarmruf. Unheil lauerte, weit über das Übliche hinaus kündigte sich Abartiges an: „Am Tatort sieht es sehr merkwürdig aus, ein totes Kind, übel zugerichtet!“ Auch Rudolf Thomas wählt in den folgenden Stunden drastische Bilder, „damit Sie verstehen, wovon wir reden“ – von einem Irren, der die Grenze des Sagbaren überschritt.

Von der Wohnung braucht er zehn Minuten bis Höchst. Im Polizeibericht steht, es sei zehn bis zwölf Grad warm gewesen. Zur „relevanten Zeitspanne“ zwischen 15 Uhr 30 und 16 Uhr herrschte gute Sicht. Jedoch nicht am Schauplatz, dem selbst am helllichten Tag zappendusteren Tunnel. Obwohl die Zugänge längst vergittert sind, ist es ein frösteln machendes Areal. Solange dem Täter sein dunkles Geheimnis nicht entrissen ist, geistert der Schatten des unschuldigen Tristan herum, Opfer eines Verbrechens, welches die Staatsanwaltschaft „das schrecklichste der Frankfurter Kriminalgeschichte“ nennt. Vorbei an der Werbung „Leben ist schön“ durchstreift man das Gebiet mit einem Gefühl der Bedrohung, ertappt sich beim Umsehen, denn der gesuchte Irre läuft frei herum. In Kneipen liegen Bierdeckel mit dem Aufdruck „Frankfurt sucht einen Mörder“.

Es gibt keine Zeugen. Sein Freund B. sieht Tristan zuletzt gegen 14 Uhr am Bahnhof. Drei Stunden später findet die Polizei einen Verstümmelten. Im Büro knistert die Luft vor Stille, Rudolf Thomas schildert das unvorstellbare Grauen: Mitten in Höchst (zur fraglichen Zeit verkehrten 16 S-Bahn-Linien, diverse Züge, Dutzende Busse, herrschte dauerndes Kommen und Gehen), war einer mit teuflischer Fertigkeit am Werk. Er zwingt Tristan in einen Unterarmwürgegriff. Noch im Freien zieht er von hinten das Messer mit einem Schnitt von Ohr zu Ohr durch die Bubenkehle, trennt fast den Kopf vom schmächtigen Körper. Beim Gemetzel im Bach läßt er den Schüler in der schwachen Strömung ausbluten. Das knöcheltiefe Rinnsal lief laut Thomas „rot“ vom stoßweise aufschießendem Blut.

Es gab kein Entkommen

Kampfspuren fanden sich nicht. Vor dem Tunnelmund lag ein Zwei- Mark-Stück im Gras. Man mag sich Tristans Angst nicht ausmalen, schutzlos Einsamkeit und Martyrium preisgegeben, wie er war, als der vergehende Nachmittag ihn dem Tod auslieferte. Gleich, ob er den Killer hinter sich schnaufen hörte, gleich, ob der ihn abfing und ins Gebüsch zerrte – es gab kein Entkommen. Rumpelnde Züge hätten jeden Schmerzenslaut übertönt.

Der Kripo bot die von ihr filmreif ausgeleuchtete Gruft gleichzeitig einen Anblick zum Heulen und Speien: Vor dem Hintergrund der mit Graffiti beschmierten Wände lag der Knabe auf dem Rücken. Ein zerbrechlicher, grotesk zugerichteter Leichnam, Beweis für die Perversion seines Peinigers. „Das Entdeckungsrisiko hat den Täter nicht gejuckt. Er ließ sich 20 Minuten Zeit.“ In dieser Spanne macht er sich an ihm zu schaffen, säbelt linksseitig Muskelfleisch ab, entnimmt die Hoden, steckt die Körperteile ein.

Fügt man die jammerwürdigen Details zu einem Bild, sieht man in Tristan das Opfer eines Rituals. Der Fahnder spricht von einer „bestimmten Systematik des Vorgehens", deutlichen Merkmalen des Schächtens, Schlachtens und, in Konsequenz, des Aufessens. Es geschah zwei Tage vor Neumond, wenige Tage vor dem islamischen Opferfest, Fingerzeige für die polizeiliche Annahme: „Der Täter stammt wahrscheinlich aus einem anderen Kulturkreis.“ Das Zerteilen, ein Ausweiden fast am öffentlichen Ort, verglich die Soko weltweit mit anderen Gräueltaten. Es gibt dazu keine Parallele. Thomas kennt das Gesicht des Mörders nicht, aber die Handschrift ist die eines Monsters mit dem Repertoire des Unberechenbaren. Der Mann mit dem Messer muss metzgern können, „er hat gemacht, was er konnte“.

Kriminalisten arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten. Demnach bewegte sich der Täter von Süd nach Nord durch die Unterführung. Es war Tristans Nachhauseweg. Der Schlächter ging in Richtung von zwei Kindern, die zur fraglichen Zeit zum Tunnel kamen. Im Zwielicht nahmen die beiden eine ihnen unheimliche Gestalt wahr, rannten in Panik vor dem Schattenriss zurück, um Hilfe zu holen. Das dauerte. Zwischenzeitlich stob der Täter Richtung Westen in die Liederbacher Straße, makaber genug Tristans Adresse. Sein Vater kam zu eben dieser Zeit von der Arbeit heim. Niemandem fiel der Flüchtende auf, der nasse Hosenbeine und Schuhe gehabt haben muss wie der Tote.

Rudolf Thomas hat nicht gezählt, wie oft er zum Tatort zurückkehrte, das Feld auf der Suche nach der erlösenden Antwort durchmaß. Oder wie oft er sich mit seinen Leuten über die Farbfotos beugte beim Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen. Wie sie erörterten, noch und noch, „haben wir was übersehen?“ 13500 Spuren sind abgearbeitet, der Fall überlagert alles, was ihm kraft Amtes begegnete. Jeder gute Detektiv erlebt die Stagnation als persönliche Niederlage. Er auch. Den Chef plagt die Vorstellung: „Der Täter sitzt vor unserer Nase, und wir sehen ihn nicht. Warum fällt er nicht auf?“

Dem Verfolger ließ er nichts außer „Spur Nummer 1“: einen blutigen Fingerabdruck auf Tristans Deutsch-Sprachbuch. Die Schulsachen lagen verstreut im Gras der „killing zone“, der Täter leerte den Rucksack des Fünftklässlers aus. In einem Heft wischte er die blutige Klinge ab, der Umriss der Waffe mit geriffelter Schneide, Küchenmessern ähnlich, blieb zurück. Erst ein Jahr später taucht der Ranzen 30 Kilometer entfernt in Niedernhausen wieder auf, am Wanderweg zum Eselskopf. Eine tschechische Deutschlandkarte, Preis 6 Euro 50, sowie ein blauer Müllsack waren drin. Aber kein Hinweis auf das Fleisch des Opfers.

Seit dem März-Mord ist für Rudolf Thomas nichts mehr, wie es war. Sicher, es stehen weitere 160 Kapitalverbrechen am Main in der Statistik. Aktuell hat er „ein halbes Dutzend hochkarätiger Mordverfahren gleichzeitig“ auf dem Tisch. Aber kein Tag verging, ohne dass er in Gedanken bei Tristan war, die bohrende Erinnerung „wird man nicht mehr los“. Seine Hartnäckigkeit in der Sache lässt eine Verpflichtung gegenüber dem Gemarterten spüren. Sein Bild prägte sich ihm fotografisch ein. Auch die Sorge vor einer „Rückfalltat“ verlässt ihn nicht, die latente Anspannung wegen des im Tatmuster angelegten Wiederholungszwangs. Ein Albtraum: Der Mörder greift sich erneut Beute.

Alle halten den Atem an

Privat versucht Thomas seinen Gewohnheiten treu zu bleiben, zieht Tomaten, Pap- rika und Gurken im Gewächshaus. Der Kassenprüfer des Schrebervereins „Fuchstanz“ rühmt sich eines grünen Daumens, „das Ge- müse gedeiht prächtig“. Er wandert gern und angelt Hechte und Zander in der Kiesgrube bei Stockstadt, „das entspannt unheimlich“. Während er im Büro von den Hobbys erzählt, eine historische Weltkarte hinter und den Stadtplan an der Wand vor sich, fällt ihm plötzlich ihr Gemeinsames auf. „Ich kann dabei allein bleiben wie meine Katzen.“

Der Erste Hauptkommissar bemüht sich, ruhige Gewissheit auszustrahlen, die ruhige Gewissheit des geduldigen Jägers. Trotzdem ist es, als würden beim Jaulen von Martinshörnern im K11 alle den Atem anhalten, er besonders. Thomas spürt im Ringen mit dem Bösen das Bewusstsein eines Defizits. Der „Horrorfall“, von dem er in starkem Frankfurterisch berichtet, entwickelte sich „zum Super-Gau“. 1998, im Angesicht des Ausgelöschten, meinten sie, „der Fall ist leicht zu lösen“. Unter Profis, erklärt er und schenkt Tee aus dem Keramikkännchen nach, gelte nicht die Devise „Ach, du lieber Gott, wie furchtbar, sondern, wie arbeite ich den Tatort sauber ab.“

Sich vollkommen gefangen nehmen zu lassen von der Arbeit bedeutet nicht, frei von Gefühlen oder innerer Bewegung zu sein. Es ist ein probates Mittel, um das Elend nicht zu nah an sich heranzulassen. Oder der Bitterkeit nachzugeben, die steter Umgang mit der abgewandten Seite des homo sapiens fördern könnte. Sonst müsste man sich das Gehirn zermartern über die Frage „Was ist der Mensch?“ und resignieren in Leid und Kummer. Er beherrscht für sich selbst die Abspaltung perfekt. „Ich habe noch von keinem einzigen Fall geträumt.“

Rein von der Statur her ist er einer mit breiter Brust, scheinbar unerschütterlich, Schnauzer und Bäuchlein wirken vertrauensbildend. Ein starker Willenszug um den Mund, die hartnäckige Bestimmheit des Vortrags bezeugen seine Energie. Der gelernte Starkstromelektriker ging in jungen Jahren nicht zur Bundeswehr, sondern machte Polizeidienst – und blieb. Er stieg vom Revierpolizisten zum K-11-Leiter auf. Thomas legt Wert darauf, ein „echter Frankfurter Bub“ zu sein, von einem Bürgersinn motiviert, für den die Stadt einst bekannt war. Männer, die ihn kennen, berichten, über die Jahre sei bei ihm die zarte Melancholie eines Menschenforschers hinzugekommen. Wie in alten Krimis erhellt im Gespräch das Pfeifenanzünden ab und an sein Gesicht, der Blick schwer, wissend, skeptisch.

Wie war die Lage? „Durch den Tunnel gingen nicht allzu viel Menschen.“ Er dachte, „da finden sich Spuren“. Man legte den Bach trocken, setzte Hunde und Sonden ein. Aus dem Monströsen ergab sich die bei allem Entsetzlichen tröstliche Annahme: „Wir haben es mit einem psychisch Kranken zu tun, der in seiner Auffälligkeit erkennbar ist.“ Die Festnahme schien nur eine Frage der Zeit, „das war der große Irrtum“. Mittlerweile läuft die größte Massenuntersuchung von Fingerabdrücken hierzulande. Es ist der letzte Versuch, in den Zeiten von DNS mit der klassischen daktyloskopischen Reihenuntersuchung den Täter aus der Menge zu fischen. Nötigenfalls sollen in Frankfurts Westen 14400 Personen im Alter zwischen 18 und 49 Jahren ihre Prints abgeben. Wo immer auf der Welt einschlägige Datenbanken existieren, von Vietnam bis Usbekistan, ist „Tristan-Spur1“ hinterlegt, der wichtigste Beweis zur Identifizierung des Täters. Jeder neue Eingang beim BKA wird mit dem Höchster Fall abgeglichen. „Wenn er irgendwo gerollt wird“ (erkennungsdienstlich behandelt), „haben wir ihn.“ Einmal spürten sie in Frankreich einen Verdächtigen auf, der „zu 99 Prozent“ den Analysen entsprach. Er war am Main gewesen, konnte schlachten. Zur Tatzeit lag er in einer Prager Klinik.

Es gibt viele Hypothesen. Die wichtigste stammt von BKA-Profilern. Ihre Studie siedelt den Psychopathen im Tunnel-Umkreis an, „er lebt in diesem Bereich“. Die Annahme lässt ihn im Radius von einem Kilometer zum Tatort wohnen, entsprechend 15 Gehminuten. Der Einzelgänger ohne festen Partner werde schnell aggressiv und raste aus. Eventuell sei er früher als Tierquäler in Erscheinung getreten.

Diesem vagen Umriss steht das Wissen gegenüber: Sein Opfer liegt auf dem Höchster Friedhof, Feld 11 an der nördlichen Umgrenzung. Tristans letzte Ruhestätte unter Birken, mit drei ewigen Lichtern, von Bodendeckern gesäumt, Plastik-Margeriten in der Vase. Anrührend das steinerne Herz mit silbernen Schmetterlingen auf dem Grab, Symbole von Freude und gaukelnder Leichtigkeit, aber auch Zeichen des Vergänglichen. Die Inschrift, herzzerreißend: „Tristan, geboren 1984, ermordet 1998.“ Vater, Oma, Pfarrer, ein Schulfreund und drei Journalisten folgtem dem weißen Sarg.

Wer war Tristan? Sein Papa sagte in seiner einzigen Sellungnahme, er könne sich nicht vorstellen, dass der Junge „irgendeinem Menschen Anlass gab, ihn so schrecklich umzubringen“. Ihn quält die Frage nach „dem Warum“. Für die Kripo ist der Hübsche mit Engelsgesicht und Pagenschnitt „der klassische Opfertyp“. Klein und schmal, eher für sich. Auf der Gasse kompensierte er Ängstlichkeit durch ein loses Mundwerk. Seine Kluft aus schwarzen Adidas-Hosen, Bomberjacke und Turnstiefeln entsprach dem, was man haben musste. Er entbehrte sonst viel im kurzen Leben, war mit Verlust und Schmerz vertraut. 1995 ging die Mutter in den Freitod, der Vater schaffte, Tristan war ein Schlüsselkind.

„Wir kriegen ihn“

Als hätte sich alles gegen ihn verschworen, leitet eine Notlüge das Ende ein. Am Tattag meldet sich Tristan mit Rückenschmerzen in der Sindlinger Ganztagsschule ab, er müsse zum Arzt. Mit dem blauen 55er-Bus fährt er gegen 13 Uhr 45 die paar Minuten zum Bahnhof Höchst, wo er oft herumstromerte. Dann das letzte Telefonat mit dem Vater und, warum auch immer, Richtung Tunnel. Dort war er mal „gerippt“, ausgeraubt worden. Deshalb bunkerte er seine Zigaretten davor im Gebüsch.

In der Unterführung kreuzt sich schicksalhaft sein Weg mit dem des Mörders. Und von Stund an der des unentwegten Rudolf Thomas mit dem eines Phantoms, dem er sich für die Suche anverwandeln muss. Verschwand der Täter samt sozialem Umfeld ins Ausland? Lieferte ihn die Familie in die Psychiatrie ein? Doch die Polizei hat keinen Zugang zu den Patientendaten, für Thomas „die größte Lücke unserer Ermittlung“.

Er hätte den Beruf verfehlt, würde er „die Flinte ins Korn werfen“. Thomas ist keiner, der sich „von ein paar 1000 Spuren erschlagen lässt“. Der Job förderte eine Beharrlichkeit, die man stählern nennen könnte. Auch nimmt er es nicht als böses Omen, dass sein erster Mordfall anno ’70 trotz des auf der Tatwaffe gefundenen Fingerabdrucks ebenfalls ungeklärt blieb. Dem Ansturm von Zweifeln wehrt er mit Leidenschaft, ohne die er sein aufreibendes Amt nicht aushielte. Mehr noch, er hadert mit sich: „Was mich am meisten ärgert, ist, dass ich ihn noch nicht erwischt habe.“ Also sucht Sisyphos weiter, setzt Bilder zusammen, verwirft sie, formt neue, taucht wieder und wieder in ferne, entlegene Gedankenwelten ein. Er macht sich Mut: „Wir kriegen ihn.“

Mehr als Thomas lieb ist, zwingt ihn sein größter Fall in die Öffentlichkeit. Die merkwürdige Dialektik des Jobs setzt die eigene Bedeutung in ein Verhältnis zur Schwere der Taten. Er, der sich am liebsten ausschweigt, erzählt um der Sache willen Reportern in einer Bescheidenheit von sich, die man Politikern wünschen möchte. Der Kriminalist sitzt in einer anspruchslosen Stube, Schaumstoff quillt aus dem Stuhl. Dirndlmalerei hängt an der Wand, im Schrank steht die grüne Reihe „Leitfaden zur Spurensicherung“. Die Totenmaske einer Ertrunkenen schaut ihm über die Schulter. Das ganze Ambiente drückt aus: Ich stecke meinen Genauigkeitssinn in die Arbeit.

„Toi,toi, toi“, Thomas klopft auf Holz: Der Mörder habe vier Jahre nicht mehr zugeschlagen. Aber wenn er nicht gestorben sei, „ist er ja irgendwo da draußen!“ Er deutet aus dem Fenster hinaus auf die Stadt.

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