Zeitung Heute : Wo keine Orangen blühen Die Ukraine als Vorbild? Nicht für Weißrussland

Jan Pallokat[Brest]

Erst, als Kutschko weggeht, als er abgelenkt ist, murmelt einer hastig den Satz: „Ich bin froh, dass ich die Arbeit habe.“ Deutlicher wird keiner. Kutschko ist hier der Aufpasser. Er trägt eine Eisenbahneruniform.

Keiner im Umspurwerk von Brest, an der Grenze zu Polen ganz im Westen Weißrusslands, bekundet Sympathie für das, was gerade im Nachbarland Ukraine geschehen ist. Im Gegenteil, als Alexander Kutschko dabeisteht, sagt einer der Männer: „Die Ukrainer werden mit der Zeit schon sehen, was sie davon haben.“ Aber das ist auch kein Wunder. Es wäre Anlass für eine Kündigung, denn bei der weißrussischen Eisenbahn ist der Staat der Chef, und der hätte viel dagegen, wenn sich seine Arbeiter ein Beispiel an den Menschen in Kiew nähmen.

Brest ist ein Ort zwischen Ost und West, hier werden die Fernzüge von einer Spurweite auf die andere umgesetzt. Hier stoßen zwei Gleissysteme aneinander, im Westen sind die Gleise schmal, im Osten sind sie breit. Man kann von Brest aus nach Moskau fahren und Irkutsk oder nach Prag und Brüssel. 192 Arbeiter fertigen täglich 20 Züge ab. Kutschko, der Aufpasser, sagt: „Das ist ein sehr verantwortungsvoller Job, und alle Arbeiter wissen das.“ Es klingt ein bisschen wie eine Drohung.

So ein Chaos wie in der Ukraine werde es in Weißrussland nicht geben, sagt Kutschko, außerdem sind „hier schon alle orange“. Es ist ein Scherz, die Schutzanzüge der Eisenbahner haben diese Farbe.

Präsident Alexander Lukaschenko hatte Anfang des Jahres gesagt: In Weißrussland sei eine Revolution ausgeschlossen, wie auch immer man sie nennen möge. Es werde keine Orangen- und erst recht keine Bananenrevolution geben.

Zuvor, im Oktober, hatte er in einem umstrittenen Referendum das Volk darüber abstimmen lassen, ob es ihm eine dritte Amtszeit ermöglichen wolle. Nach offiziellen Angaben kamen 77 Prozent der Stimmen für eine entsprechende Verfassungsänderung zusammen. Eine nachträgliche, unabhängige Wählernachbefragung kam auf 48 Prozent. Mehrere hundert Menschen demonstrierten damals in Minsk gegen Lukaschenko. Die Demonstration wurde gewaltsam aufgelöst.

Die Staat ist allgegenwärtig, er schottet das Land nach außen ab. Der Präsident sagt, er sehe „schädliche“ Einflüsse aus dem Westen. Weißrussische Kinder aus den Strahlengebieten bei Tschernobyl sollen deswegen dieses Jahr zur Erholung nicht mehr nach Deutschland fahren dürfen. Das Regime schaltete das polnische Fernsehen im Kabelnetz westweißrussischer Städte ab – auch in Brest. Das polnische Fernsehen ist so etwas wie ein Fenster in den Westen. Aber auch russische Programme müssen nun, bevor sie in Weißrussland ausgestrahlt werden, auf kritische Äußerungen über den Präsidenten hin überprüft werden.

Die meisten Menschen in Brest verstehen Polnisch. Früher gehörten Teile Weißrusslands zum Königreich Polen. „Wir haben alle Freunde in Polen, und es gibt Wirtschaftskontakte seit Jahrzehnten“, sagt Tatsiana Kosik vom grenzübergreifenden Informationszentrum in Brest. Draußen auf der Straße aber weist noch immer ein überdimensionaler Bronze-Lenin mit ausholender Geste den Weg. Seine Hand zeigt nach Osten.

Im Brester Umspurwerk aber wird sich bald etwas verändern, ein kleiner, vielleicht lächerlicher Schritt hin zu einer Öffnung nach Westen, aber ein erster. Bisher war das Waggonumsetzen sehr aufwändig und umständlich, 40 Jahre lang benutzte man Hebebühnen dafür. Nun testet das staatliche Eisenbahnunternehmen eine Technik, die das automatisch macht.

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