Zeitung Heute : Wo Lkw La Ola fahren

Helmut Schümannn gibt mit Truckern WM-Gas

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Gert Klinge ist Niederländer. Er lebt bei Antwerpen in Belgien und fährt mit 430 PS Wasserbetten durch Deutschland und Österreich. Wir trafen ihn in Bad Dürrenberg, auf einem Autohof. So ein Autohof ist eigentlich eine Stätte des Grauens. In Bad Dürrenberg an der A 9 gibt es eine Tankstelle, ein Restaurant, wenn man Autobahn-Restaurants Restaurants nennen will, einen Parkplatz, auf den laut Parkplatzwächter 122 Lkw passen, ein „Gameland“, in dem Billardtische stehen, Dartscheiben hängen und etliche Geldspielautomaten blinken. Und es gibt ein „Erotikparadies“, laut draußen angepinselter Werbung das einzige Erotikparadies an der Autobahn. Keine Ahnung, ob das stimmt.

Optisch ist Gert Klinge ein Klischeetrucker: lange blonde Haare, muskelbepackt, das Gesicht gegerbt, um den Hals ein Goldkettchen, an dem ein kleiner, goldener Anhänger hängt, das Miniaturmodell einer Chopper. Zu Hause fahre er Chopper, sagt Gert Klinge, die Vordergabel habe er auf zwei Meter verlängert, das Hinterrad sei 28 cm breit, „so ein bisschen Easy Rider ist in mir.“ Der Parkplatzwächter hatte gesagt, dass der Parkplatz bei den WM-Spielen „knackevoll“ sei. Es ist eine Wellenbewegung, eine Lkw-La-Ola: Kurz vor drei, Lkw rollen rein, kurz vor fünf, Lkw rollen raus, kurz vor sechs, LKW rollen rein, kurz vor acht, Lkw rollen raus, kurz vor neun, Lkw rollen rein, kurz vor elf, die meisten Truckerfahrer gehen schlafen.

Es ist nicht sehr laut vor der Großbildleinwand, die meisten Fahrer schauen stumm. „Manchmal trifft man einen, den man kennt“, sagt Gert Klinge, „aber selten.“ Und dann werden keine Truckerlegenden ausgetauscht? Gert Klinge erzählt von Diebstählen, bei denen nachts die Planen aufgeschlitzt werden, und er erzählt von Raubüberfällen, bei denen die Täter Gas ins Führerhaus blasen und dann am matt gesetzten Fahrer vorbei das Cockpit ausnehmen. „Ich habe Gasalarm im Wagen“, sagt er, „muss ich haben, ich habe Laptop im Wagen, Fernseher, alles.“ Lkw fahren sei romantisch, sagt Gert Klinge. Wir sind mal rübergeschlendert zum „Gameland“, aber da war keiner, im „Erotikparadies“ auch nicht. Am Eingang hängt ein bedrucktes T-Shirt, dessen Aufschrift wir hier nur verkürzt zitieren wollen, „... statt kicken“, aber der Aufforderung kommt keiner nach. Die Frau, die im „Erotikparadies“ hinterm Tresen steht, sagt, dass sie kaum noch Umsatz mache seit der WM, „die Fahrer schauen nur noch Fußball und fahren dann weiter.“ Wir fahren auch weiter, nach Halle.

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