Zeitung Heute : Wo Mann sich wohlfühlt

Manche denken, die Garage taugt nur zum Parken. Dabei ist sie ein Ort der Selbstfindung. Hier entstehen Ideen, die die Welt bewegen.

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Von Andreas Austilat Schon der Name klingt nach Unheil: Die Reichsgaragenordnung von 1938. Jahrzehnte hat sie Bauherren gegängelt, tut es in manchen Bundesländern heute noch. Denn wer baut, so sah es besagte Ordnung vor, muss Stellplätze schaffen, wenigstens einen. Damit bekam das Auto ein Zuhause. Das Merkwürdige war nur, dass 1938 noch kaum jemand ein Auto hatte. Weshalb der Gedanke nicht abwegig ist, dass es mit der neuen Ordnung, ja, mit der Garage an sich, noch irgendeine andere Bewandtnis haben muss. Dass die Garage also mehr ist als ein bloßer Unterstand.

Sichtbares Ergebnis der Reichsgaragenordnung war – logisch – das massenhafte Aufkommen von Garagen. Und weil sich Frauen vor der Garage traditionell eher fürchten – vor der Tiefgarage sowieso, dunkel wie sie ist, aber auch vor ihrer kleineren Schwester, vielleicht, weil sie Angst haben, das enge Tor nicht zu treffen – entwickelte sich die Garage zu einer reinen Männerdomäne.

Untermauert wird dieser territoriale Anspruch bis in unsere Tage durch allerlei Accessoires. Durch Schilder, die mit Aufschriften wie „Achtung! Kein Feuer, kein offenes Licht“ so tun, als seien in der Garage ganz besondere Abenteuer zu bestehen. Durch Spinnweben in den Ecken und durch Ölflecken auf dem Boden, auf die allenfalls Sand, aber niemals Teppich kommt.

So fügte es sich also, dass es sehr, sehr oft Männer sind, die den Wagen in die Garage fahren. Und, „wenn man aufrichtig ist“, sagt der bayrische Kabarettist und Philosoph Gerhard Polt in seinem Monolog „Die Garage“, „wenn man wirklich aufrichtig ist, dann wird man zugeben, man ist im Grunde seines Lebens viel häufiger in seiner Garage, als man zuzugeben bereit ist. Mal was einladen, mal was ausladen, oder auch sonst …“

In der Garage finden Männer wie Lester Burnham zu sich selbst, sind sie ungestört. Der schwächelnde Held aus dem Film „American Beauty“, gespielt von Kevin Spacey, versucht dort, sich alte Stärke anzutrainieren. Leider ist Burnham eine ziemlich lächerliche Figur. Und wenn Gerhard Polt „Garaschä“ sagt, dann schlägt sich das Publikum vor Vergnügen auf die Schenkel. Während nämlich Laternenparker harte Jungs sind, die im Winter Eis schaben und sich auf kalten Sitzen eine Blasenentzündung holen, haben die mit den „garagengepflegten“ Autos eher ein Imageproblem. Dabei kann solch ein Prädikat beim Autoverkauf ein paar Hunderter bringen, ebenso wie der Rabatt, den die meisten Versicherer einem Garagenbesitzer einräumen. Aber wer seinem Auto ein eigenes Zimmer gibt, der gilt schnell als jemand, der zu seltsamen Prioritäten neigt.

Um so schlimmer, wenn die Garage auch noch hässlich ist. Normalerweise wird sie in den Maßen drei mal acht Meter kartonähnlich errichtet. Nicht selten ist es der Bauherr selbst, der die Garage aussucht, sagt der Berliner Architekt Henry Ripke. Und Ripke versteht etwas von der Materie. Er hat die Berliner Residenz des marokkanischen Botschafters saniert, eine denkmalgeschützte Villa, und sie im Zuge des Ausbaus mit einer Doppelgarage aus sandgestrahltem Beton versehen, die Front mit Schiefer verkleidet, da konnten auch die Denkmalschützer zustimmen.

Meist aber errichtet der Bauherr die Garage erst später, wenn er sich finanziell einigermaßen erholt hat. „Und das Ergebnis“, sagt Ripke, „fügt sich eben oft nicht zu einem schlüssigen Ensemble zusammen.“ Oder anders gesagt: Bei vielen Einfamilienhäusern müssen Besucher die Haustür zwischen der Garage und den Mülltonnen suchen. Dabei ist die Garage doch enorm wichtig, wie das Beispiel Amerika zeigt.

Bis 1934 wurden nur 16 Prozent der neu gebauten Häuser in den USA mit einer Garage ausgerüstet. Um 1950 wurde neben jedem zweiten neuen Haus eine Garage errichtet. Heute sind es 97 Prozent. Einher ging der Aufstieg der USA zur einzigen Supermacht.

Die Erklärung für diesen auffälligen Gleichschritt findet man in Palo Alto, in der Addison Avenue 367. Dort steht die Garage, in der die Geschichte des Silicon Valley begann, der Heimat der amerikanischen Computerindustrie. 1938 nämlich entwickelten William Hewlett und David Packard in diesem unscheinbaren Gebäude ein Tonfrequenzmessgerät und legten damit den Grundstein für ihr späteres Firmenimperium. Der Generator war übrigens eine Auftragsarbeit für Walt Disney. Der hatte seinerseits zusammen mit seinem Bruder Roy Disney in der Garage seines Onkels 1923 mit dem Zeichnen begonnen, heraus kam die Micky Maus.

Erfinder der Garage ist Henry Ford. Der baute in einer Backsteinbaracke in der Bagley Avenue in Detroit sein erstes Auto. Als er fertig war, passte das Ding nicht mehr durch die Tür, also musste er eine Wand wegbrechen. Und ohne Henry Fords Erfindung hätte es womöglich Apple nie gegeben. Steve Jobs und Steven Wozniak planten ihren Rechner zwar in Jobs Schlafzimmer, zusammengebaut haben sie ihn aber in der Garage.

Wie breit das kreative Potenzial ist, das in der Garage zum ersten Mal zur Entfaltung kam, beweist auch die amerikanische Musikszene. Buddy Holly fing 1955 in einer Garage in der 37th Street in Lubbock/Texas an. Und als in den 60ern die British Invasion kam, wie man den Erfolg britischer Bands wie den Rolling Stones, den Kinks und den Yardbirds damals in den USA nannte, hieß die Antwort wieder Garage. So nannte man die rohe Form der Beatmusik, die ohne artifizielle Schnörkel krachend aus den Garagen der Vorstädte schallte, mit der Bands wie The Seeds sich wenigstens vorübergehend einen Namen machten. Bis in die 90er Jahre gab es immer wieder Revivals, die, wenn sie eine gewisse Bodenständigkeit für sich in Anspruch nahmen, mit dem Schlagwort Garage belegt wurden.

Nun ist es nicht so, dass aus deutschen Garagen nur Autos kommen. Stefan Vilsmeier zum Beispiel, Gründer der Medizintechnikfirma Brainlab und 2002 „Welt-Unternehmer des Jahres“ hat in der Garage angefangen. Im Rheingau gibt es sogar einen Winzer, Anthony Robert Hammond, der sich als Garagen-Winzer bezeichnet. Aber Hammond ist halber Amerikaner. Und in Berlin machten einmal ein paar Gangster von sich reden, als sie in Zehlendorf eine Bank überfielen, Geiseln nahmen und dann zur Überraschung aller im Untergrund verschwanden – durch einen vorher von ihnen gegrabenen Tunnel, der in einer Garage hinter der Polizeiabsperrung endete.

Das mag kreativ sein, taugt aber kaum zum Vorbild. Und auf keinen Fall reicht es, den Vorsprung wettzumachen, den die USA auch auf diesem Feld erlangt haben. Was aber könnte man tun, um die Garage attraktiver zu machen? Man könnte zum Beispiel an der äußeren Form arbeiten. Nicht leicht, räumt der Architekt Henry Ripke ein. Persönlich würde er die unsichtbare Lösung vorziehen, die Garage etwa unter dem Haus versenken, was aber eine teure Lösung ist.

„Ein neuer Garagentyp, das ist, als ob man die Kneifzange neu erfinden würde“, sagt der Wiener Architekt Stefan Herold. Er hat es trotzdem getan, gemeinsam mit seiner Frau Sabrina entwarf er das eiförmige Modell Lightline und wurde dafür mit einem Design Award für gute Industrieform ausgezeichnet. Lightline ist aus Beton, die Decke krümmt sich in einem eleganten Bogen zur Spitze hin bis auf den Boden. Die Krümmung sorgt nicht nur für eine stabile Statik nach dem Vorbild der Eierschale, sie kann auch begrünt werden und sieht dann von hinten aus wie ein kleiner Hügel. „Wir wollten mit unserer Garage ein städtebauliches Konzept vorlegen, eine eigene Topographie schaffen und damit der Garage einen Mehrwert geben“, sagt Herold. Die Tür der Herold-Garage sollte aus Polycarbonat sein, nicht durchsichtig aber durchscheinend, damit das Licht von drinnen nach draußen und umgekehrt fällt.

Das Garagen-Ei war ein Ergebnis eines Wettbewerbs der Firma Zapf. Zapf ist in Deutschland Marktführer für Fertigbetongaragen. Den Herold-Entwurf hat die Firma unter dem Namen „Clou“ in modifizierter Form in ihr Programm übernommen. Zum ganz großen Renner hat sich das Produkt aber anscheinend nicht entwickelt, vielleicht, weil das Designer-Stück um die 60 Prozent teurer ist als ein herkömmliches Modell. Die Kunden bevorzugten eher die klassische, eckige Form, sagt Matthias Höhn vom Zapf-Marketing. Wichtiger aber noch als die Form sei die Ausstattung. Da kann man alles kriegen, vom Regenwasserspeicher über Regalsysteme, zugeschnitten für Gartenfreunde oder für das Autozubehör, bis hin zum kleinen Keller unter dem Auto. Vor allem aber geht der Trend zur größeren Garage. Das ist eine gute Nachricht für Erfinder. So eine Doppelgarage bietet doch ganz andere Möglichkeiten.

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