Zeitung Heute : Wo Menschen zu Göttern werden

Die Pyramidenstadt Teotihuacan nördlich von Mexiko-Stadt fasziniert mit mächtigen Bauwerken und einst farbenprächtigen Wohnquartieren

Ortrun Egelkraut
2000 Jahre Geschichte . Blick von der 48 Meter hohen Mondpyramide auf die „Calle de Muertos“. Diese breite „Straße der Toten“ ist gesäumt von einer Vielzahl kleinerer Tempel, Paläste und Plattformen sowie von fliegenden Händlern. Foto: picture-alliance / maxppp
2000 Jahre Geschichte . Blick von der 48 Meter hohen Mondpyramide auf die „Calle de Muertos“. Diese breite „Straße der Toten“ ist...Foto: picture-alliance / maxppp

„Mexiko ist ein fantastisches Land, voller Magie. Man glaubt nicht, dass diese Welt existiert, bis man sie selbst erlebt hat.“ Wenn Rolando Villazón von seinem Heimatland erzählt, gerät er ins Schwärmen. Der Star-Tenor mit Wohnsitz in Paris liebt Mexikos einzigartige Mischung und die extremen Kontraste, besonders in der Hauptstadt. „In der Kathedrale fühlt man sich in die spanische Kolonialzeit zurückversetzt, das Opernhaus Bellas Artes ist total französisch beeinflusst, sogar die Metro-Station daneben sieht aus wie in Paris. Und dann setzt du dich ins Auto und stehst wenig später vor den Pyramiden von Teotihuacan, wo dir vor Staunen der Mund offen bleibt.“

Teotihuacan ist „Mexikos geheimnisvolle Pyramidenstadt“, so der Titel der kommenden Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, und die meistbesuchte archäologische Stätte des Landes. Nur 50 Kilometer von der pulsierenden Metropole Mexiko-Stadt entfernt tritt erst einmal Stille ein. Mit offenem Mund und großen Augen staunen wir über die monumentalen Pyramiden, die Weite der perfekt geplanten Stadtanlage, das harmonische Gesamtbild inmitten einer Landschaft aus kahlen Hügeln, rötlichbrauner Vulkanerde und dunkelgrünen Kakteen und Agaven – als wäre die Stadt Teil der göttlichen Schöpfung.

Das empfanden mehr als 700 Jahre vor uns wohl auch die Azteken. Sie machten die Ruinenstadt, die zur Zeit der Azteken schon seit rund 700 Jahren verlassen war, zu ihrem Pilgerziel und zum Schauplatz ihrer Schöpfungsgeschichte. Denn nur hier, so überliefern aztekische Gesänge, konnten die Götter ihren Ursprung haben. Teotihuacan bedeutet in Nahuatl, der blumigen Sprache der Azteken, der „Ort, an dem die Menschen zu Göttern werden“ oder schlicht „Stadt der Götter“. So erlebten die geheimnisvollen Gottheiten aus Teotihuacan in der aztekischen Kultur mit aztekischen Namen ihre Auferstehung. Tlaloc etwa, der Regengott, und Chalchiuhtlicue, die Göttin der Flüsse, Lagunen und Meere, waren gemeinsam für fruchtbare Böden und reiche Ernten zuständig. Die beiden größten, ehrfurchterheischenden Bauwerke ernannten die Azteken zu heiligen Bergen der Sonne und des Mondes.

Die Sonnenpyramide ist mit 63 Metern Höhe, einer Seitenlänge von 215 Metern und einem Volumen von etwa einer Million Kubikmetern die drittgrößte Pyramide der Welt. Die Mondpyramide bringt es auf beachtliche 48 Meter Höhe. Von oben hat man einen grandiosen Überblick. Schnurgerade verläuft die „Calle de Muertos“ Richtung Süden. Diese breite „Straße der Toten“ ist gesäumt von einer Vielzahl kleinerer Tempel, Paläste und Plattformen sowie von fliegenden Händlern, die hier Kunsthandwerk anbieten, angelehnt an antike Vorbilder. Etwas zurückgesetzt erhebt sich dazwischen die Sonnenpyramide, die Hauptfassade dem Westen, der untergehenden Sonne zugewandt. Ursprünglich waren alle Bauten mit Stuck verkleidet, mit Skulpturen verziert und mit leuchtenden Farben bemalt.

Einen Eindruck vom dekorativen Reichtum gibt ein Palastkomplex nahe der Mondpyramide. Auf skulptierten und inkrustierten Säulen im Palacio de Quetzalpapálotl sind Vögel und Schmetterlinge dargestellt, im Palacio de los Jaguares und seinem Untergeschoss farbenfrohe Wandmalereien mit Jaguaren, Papageien und gefiederten Schnecken zu bewundern. Steinerne Schlangenköpfe und -körper sowie Masken des Regengottes Tlaloc schmücken den „Tempel der Gefiederten Schlange“, der die „Ciudadela“ im Süden dominiert. Den Namen „Zitadelle“ erhielt dieses festungsähnliche Ensemble aus Plattformen, Tempeln, Treppen und Höfen im 20. Jahrhundert von einem der ersten Archäologen.

Eigentlich waren die Azteken im 14. Jahrhundert die ersten Archäologen – und die ersten Grabräuber in Teotihuacan. Viele Kunstwerke, so steinerne Masken, Keramikgefäße, Götterfiguren und Tierdarstellungen aus verschiedenen Materialien fanden bei der Ausschmückung ihrer eigenen Tempel oder als Opfergaben weitere Verwendung. Die Azteken kopierten auch den Baustil Teotihuacans, wie er sich etwa am aztekischen Templo Mayor wiederfindet. Dieser Große Tempel wurde 1978 im historischen Zentrum von Mexiko-Stadt ausgegraben. Seither kamen dort immer wieder sensationelle Funde ans Licht. Bereits seit 100 Jahren sind in Teotihuacan Archäologen am Werk. Ihre Entdeckungen, Forschungen und Erkenntnisse haben im Laufe der Zeit wie bei einem Puzzle ein anschauliches, wenngleich noch lückenhaftes Bild dieser geheimnisvollen Hochkultur zusammengefügt, von der man bis heute nicht weiß, wer die Menschen waren und welche Sprache sie sprachen. Grabungsfunde der letzten zwei Jahrzehnte, darunter zahlreiche geopferte Gefangene, belegen unterdessen, dass Menschenopfer zu den Ritualen und Krieg zum Alltag gehörten.

Teotihuacan entstand um 100 v. Chr., wurde zur größten und einflussreichsten Metropole auf dem amerikanischen Kontinent und nach einem verheerenden Brand um 650 n. Chr. aufgegeben. Vermutlich war ein Aufstand der unterdrückten Massen die Ursache. Zu ihrer Blütezeit hatte die Stadt mehr als 160 000 Einwohner. Zur Elite zählten neben den Herrschern, über deren Ordnung man bisher kaum etwas weiß, Priester und Krieger. Es folgten Händler, Handwerker und Künstler und schließlich Bauern und Arbeiter. Die Stadt unterhielt lebhafte Handelsbeziehungen in alle Himmelsrichtungen. Ob aber der Stadtstaat andere Zivilisationen wie die Maya oder die Zapoteken militärisch beherrschte oder lediglich vorbildlich beeinflusste, ist ungeklärt. Handelsgüter waren u.a. Keramikprodukte, Steinarbeiten sowie Messer und Speerspitzen aus Obsidian. Importiert wurden u.a. Jade, Muscheln, Schnecken und Federn und offenbar auch auswärtige Künstler und Handwerker, für die in Teotihuacan eigene Wohnviertel samt Werkstätten eingerichtet wurden.

Während im weitläufigen Zeremonialzentrum Wandmalereien nur vereinzelt oder in Fragmenten erhalten sind, überraschen die überwiegend rot bemalten Wände der Wohnhäuser. Auch Spuren von Schwarz, Gelb, Grün und Blau sind vorhanden. Neben abstrakten Motiven, geometrischen Mustern, Blüten und Pflanzen faszinieren vor allem die detailfreudigen Darstellungen von Tieren, Gottheiten und Kriegern in voller Kampfmontur. Wie ein Comic erscheint das „Paradies des Tlaloc“.

Für den „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch, der in den 1940er Jahren in Mexiko im Exil lebte, war dies der „lustigste Garten Eden, den Sie sich vorstellen können.“ Ortrun Egelkraut

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