Zeitung Heute : Wo nur der Schnee noch sicher ist

Davos war einst die letzte Hoffnung für Europas Lungenkranke. Thomas Manns „Zauberberg“ spielt hier. Doch nun schließt eine Klinik nach der anderen

Franz Schmider[Davos]

Schneekristalle stieben am Abteilfenster vorbei, die Flocken scheinen im Sog des fahrenden Zuges zu tanzen. Schneebedeckte Hänge, frisch bestäubte Tannen, Schluchten, die der Zug von Tiefencastel her auf alten Steinbrücken überquert und die noch tiefer erscheinen, weil die Augen an den weißen Rändern keinen Halt finden. Eine zauberhafte Landschaft ist das – und es scheint deshalb einleuchtend zu sein, dass so etwas Hässliches wie Tuberkulosebakterien hier nicht leben kann.

Gerade deshalb kommen seit 123 Jahren die Menschen nach Davos, in die höchstgelegene Stadt der Alpen. Lange bevor die Mächtigen und Reichen der Welt sich einmal im Jahr zu ihrem Weltwirtschaftsforum hier versammelten, wurden die Kranken und Versehrten in die Graubündner Berge geschickt. Vor allem aus Deutschland kamen sie. Einer ihrer Landsleute, der Arzt Alexander Spengler, in seiner badischen Heimat wegen seiner Teilnahme an der Revolution von 1848 zum Tode verurteilt, hatte als Erster die heilsame Wirkung der Bergluft entdeckt und 1882 die erste „Volksheilstätte“ gegründet, das Sanatorium Alexanderhausklinik. Ein halbes Jahrhundert später gab es in Davos 24 solche Einrichtungen, die Bündner Luft war für viele von Europas Lungenkranken die letzte Hoffnung.

„Von 1930 bis 1945 war Davos eine einzige Klinik. Hier lebten nur Einheimische und Kranke“, sagt Andrea Meisser, er ist der Chef des Gesundheitsdepartements der Stadt. 1870 hatte der Ort noch keine 2000 Einwohner, 1930 waren es dann 11000. „Wir sind dank der Tuberkulosebehandlung groß geworden“, sagt Meisser.

Damit scheint es nun vorbei zu sein. Heute setzen der Fortschritt der Pharmazie, die angespannte Finanzlage der Krankenversicherungen und der Rückgang der Zahl der Kriegsversehrten der Stadt gleichermaßen zu. „Der Betrieb der Klinik für Dermatologie und Allergie ist eingestellt“, heißt es lapidar auf einem Blatt Papier, das von innen an die Glastür am Eingang der Alexanderhausklinik geklebt wurde. Gewissermaßen von einem Tag auf den anderen wurde das Haus Ende November geschlossen. Rasch darauf folgte das Niederländische Asthmazentrum, im Dezember schloss dann die Valbellaklinik, die der Bundesrepublik Deutschland gehört, und jetzt im März macht auch die Thurgauer Schaffhausener Höhenklinik dicht. Innerhalb weniger Monate verliert Davos also vier von sieben verbliebenen Kliniken. Die Stadt, die einst das Kurhaus Europas war, steht möglicherweise nun selbst an der Schwelle zur Intensivstation.

Davos mag eine besondere Luft haben und einen Nimbus als mondänes Feriendomizil – einen Anspruch auf Schönheit kann die Stadt nicht erheben. Wer den Bahnhof verlässt, steht vor einem Parkhaus, das aussieht, als sei hier mit viel Beton ein Berg befestigt worden. Und im Ortszentrum liefern sich zwei Einkaufszentren einen Wettkampf in architektonischer Einfallslosigkeit. Auch Andrea Meisser weiß um die „Sünden der Vergangenheit“, sagt er, aber er findet, dass ein Blick auf das Bergpanorama doch reichlich Entschädigung bietet: „Wir haben die Schönheit außen herum.“

Meisser, von Haus aus Tierarzt, ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden, muss er doch dem Patienten Davos eine Kur verordnen. Zuerst hat die Entdeckung des Penicillins die berüchtigten Rollkuren auf den Davoser Balkonen überflüssig gemacht, jetzt geben die Gesundheitsreformen in allen europäischen Ländern den Klinikbetreibern den Rest. Keine zwei Prozent der Ausgaben der deutschen Kassen fließen mehr in Kuren, allein seit 2000 wurden 200 Millionen Euro gestrichen. Zudem schicken die deutschen wie die Schweizer Kassen ihre Versicherten lieber in preiswertere Gegenden.

Zuletzt hat die Europäische Klinik-Treuhand und Management AG in Nürnberg als Eigentümer der Alexanderhausklinik unter unrühmlichen Umständen die Notbremse gezogen. Unrühmlich, weil Angestellte und Patienten, die teilweise Monate auf die Bewilligung einer Kur gewartet hatten, an einem Donnerstagabend erfuhren, dass das Haus am Dienstag darauf schließt.

Unauflöslich verknüpft ist der Name Davos mit Hans Castorp, dem Hamburger Patriziersohn aus Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“, der in den „Berghof“ kommt, um seinen lungenkranken Vetter zu besuchen. Aus dem Kurzbesuch werden sieben Jahre, in denen Castorp als Suchender eine Existenz in einer Art Zwischenreich zwischen Leben und Tod führt. Bei den Davosern stieß das Erscheinen des Romans 1924 auf wenig Begeisterung, „vor allem mit dem eher frivolen Teil“ konnten sich seine Landsleute nicht anfreunden, bekennt Andrea Meisser. Doch heute reklamieren gleich zwei Hotels für sich, als Vorbild für den „Berghof“ gedient zu haben. Der „Zauberberg“ sei eine Mischung, sagt Meisser diplomatisch. Beide Häuser sind längst so umgebaut, dass Besucher vergeblich nach Ähnlichkeiten suchen.

Nun aber droht der Zauber des Berges zu verfliegen, von 1000 Arbeitsplätzen in den Sanatorien sind in wenigen Wochen 300 weggefallen, und nur die Wintersportsaison hat bisher verhindert, dass die Zahl der Arbeitslosen rapide angestiegen ist. Jetzt tüftelte eine Kommission unter dem Vorsitz von Meisser an einem Konzept, wie man den Kurort kuriert. Meisser sagt, er ist „zuversichtlich, dass wir den Turn-around schaffen werden“. Es habe eine Art Marktbereinigung stattgefunden, Überkapazitäten wurden abgebaut.

Auch Michael Ohnmacht, Geschäftsführer der Höhenklinik Wolfgang, die Teile der Valbellaklinik und des Niederländischen Asthmazentrums aufgenommen hat und nun über 350 Betten für deutsche und 50 für niederländische Patienten verfügt, sieht Grund für einen gewissen Optimismus. In seinem Haus wurde ein neues europäisches Zentrum für Asthma und Allergie gegründet. Bei schwerem Asthma, Neurodermitis oder Schuppenflechte sei die Höhenkur weiter eine der erfolgreichsten Therapiemöglichkeiten, entsprechend verkündet Ohnmacht fast trotzig: „Der Zauberberg lebt.“ Ganz von alleine allerdings nicht. So müsste man zum Beispiel im Fall der Züricher Höhenklinik hinzufügen: dank der Subvention des Kantons, der jährlich 17 Millionen Franken zuschießt.

Ihren Optimismus, was die Zukunft von Davos als Kurstadt betrifft, begründen Meisser und Ohnmacht zum einen damit, dass das spezielle Klima von Davos für die Linderung einer ganzen Reihe von Zivilisationskrankheiten weiterhin unersetzlich ist. Und dass diese Krankheiten sich häufen.

Gemäß einer Prognose der Weltgesundheitsorganisation leiden in den Industrienationen fünf Prozent aller Erwachsenen und zehn Prozent der Kinder unter Asthma, in 15 Jahren sollen es 50 Prozent sein. Will Davos mit dem bekannt hohen Schweizer Lohnniveau an diesem Markt teilhaben, „müssen wir aber billiger produzieren“, wie Meisser sagt. Was schwer genug ist bei Immobilienpreisen, die über denen von Zürich liegen. Das zweite Standbein werde das „Wellbeing“ sein, eine Mischung aus Kur und Wellness, Anti-Stress-Kuren gegen das Burnout-Syndrom oder Fitnessprogramme für übergewichtige Kinder.

Noch 1948 entfielen 80 Prozent der 1,9 Millionen Übernachtungen auf die Kliniken, zuletzt waren es bei 2,4 Millionen Übernachtungen nur noch 16Prozent. Lag die Vergangenheit der Stadt bei den Schwindsüchtigen und Kriegsversehrten, stehen wohlstandsgeschädigte und umweltgeplagte Großstädter für die Zukunft, Eigenbeteiligung eingeschlossen. Und nicht zu vergessen eben die Touristen, immerhin ist das Skigebiet oberhalb von Davos schneesicher.

Das Medizinmuseum von Davos ist seiner Zeit bereits voraus: Statt wie in der Vergangenheit Sonderschauen über Lungen und Bakterien zu zeigen, ist dort derzeit die Ausstellung „Der Knochenbruch und seine Behandlung heute“ zu sehen.

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