Zeitung Heute : Wo rede ich mit meinem Chef?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Kürzlich gab es bei uns ein großes Fest aus Anlass des Firmenjubiläums. Bevor ich ging, sprach ich meinen Chef noch auf eine wichtige Präsentation an, die kurz bevor stand. Eigentlich habe ich gute Vorschläge gemacht, weil sich manches verbessern ließ. Trotzdem hat er irgendwie ungewöhnlich schroff und unhöflich reagiert. Wie verhält man sich in so einer Situation?

Stellen Sie sich mal vor, Sie wären an der Stelle Ihres Chefs und empfänden eine ganz normale menschliche Vorfreude auf das Fest. Sie wollen gemeinsam mit den Mitarbeitern einen netten, entspannten Abend verbringen und die Arbeit mal für einen Moment vergessen. Sie haben es sich verdient, denn sonst gäbe es ja kein Jubiläum.

Anfangs gelingt es tatsächlich, in ein paar lockeren Small-Talk-Runden die Kollegen mal von einer anderen Seite zu erleben. Aber plötzlich fängt einer an, ein Arbeitsproblem zu thematisieren. Dann kommt der Nächste, der etwas will. Der Übernächste will sich eigentlich nur profilieren, tut das aber mit äußerster Penetranz. Plötzlich sind Sie als Chef, vielleicht sogar als Gastgeber gefangen in komplizierten und womöglich auch noch alkoholisierten Personalgesprächen. Halten Sie das für eine angenehme Situation? Wohl kaum.

Wenn Ihr Chef Ihnen unhöflich erschien, dann hat er damit nur auf Ihre eigene Unhöflichkeit reagiert. Ihr Verhalten, so wie Sie es beschreiben, gehört zu den Todsünden im Reich des guten Benehmens. Niemals soll man einen festlichen Anlass missbrauchen, um Chefs oder Kollegen mit Arbeitsproblemen zu traktieren. Schließlich liegt der Sinn solcher Feste darin, dass man sich mal entspannt auf andere Art kennen lernen kann. Wenn Sie die Lösung eines Problems als so dringlich empfinden, dass sie nicht bis zum nächsten Morgen warten kann, zeigen Sie damit vor allem, dass Sie nicht ausreichend gut organisiert sind. Falls Sie sich nur profilieren wollten, haben Sie sicher das Gegenteil erreicht, schon weil Sie einen bedauerlichen Mangel an Sensibilität offenbart haben. Lassen Sie beim nächsten Fest die Arbeit ganz aus dem Spiel. Dann werden sie selber auch mehr Spaß haben und umso entspannter an die nächsten Aufgaben herangehen.

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