Zeitung Heute : Wo Ringelnatz den Nachtigallen lauschte

Der Brixplatz an der Reichsstraße gilt als eine der schönsten Parkanlagen Berlins. Ehrenamtliche Helferinnen pflegen das Grün und wollen den Originalzustand rekonstruieren

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„Es sang eine Nacht ... / Eine Nachti ... / Ja Nachtigall am Sachsenplatz / Heute morgen. – Hast du in Berlin / Das je gehört? – Sie sang, so schien / Es mir, für mich, für Ringelnatz ...“, schrieb der Dichter und Kabarettist Joachim Ringelnatz in den 30er Jahren. Damals wohnte er am Sachsenplatz in Westend. Nachtigallen sind im Sommer noch zu hören, der Platz aber heißt heute Brixplatz und gilt als einer der schönsten Plätze Berlins. „Er ist ein gartenbauliches Kleinod. Wer ihn kennt, ist in ihn verliebt“, sagt Silvia Neumann. Zusammen mit anderen engagierten Frauen bemüht sie sich seit 2003 in der Parkinitiative Brixplatz um die Erhaltung des Gartendenkmals.

Der von 1919–1921 nach Entwürfen des Charlottenburger Gartendirektors Erwin Barth angelegte Platz drohte vor einigen Jahren seinen einzigartigen Charakter zu verlieren. Barth hatte in einer ehemaligen Kiesgrube, inmitten des geplanten Viertels Neu-Westend, einen märkischen Landschaftspark angelegt: mit typischen Pflanzen und Landschaftsformen wie einem Buchenwald, einer Heidelandschaft, einer Felsformation aus Rüdersdorfer Kalkstein und drei kleinen Seen. Barth legte Sichtachsen an und ließ Bänke an den Aussichtspunkten aufstellen.

Jede der vier Ecken gestaltete Barth anders: ein Spielplatz in der einen, ein Platz mit Bänken in der anderen. Unterhalb des Gartentempels sprudelten Kaskaden über künstlich angelegte Felsen. In der vierten Ecke gab es einen botanischen Lehrgarten. Vor allem dieser war völlig verwildert und benötigte viel Pflege. Unter Anleitung der Bezirksfachgärtnerin Angela Dämmrich hat die Initiative wieder 350 verschiedene Arten von Kräutern und Heilpflanzen in den Beeten angelegt.

Es scheint paradox: Um den natürlichen Charakter des Parks mit Wildpflanzen zu erhalten, ist viel Arbeit nötig. Laub harken und wegschaffen, Wege befestigen, die Seen säubern, Bänke streichen. „Zu tun gibt es genug“, sagt Silvia Neumann. Die Initiative trifft sich montags auf dem Platz. Für ihr ehrenamtliches Engagement erhielt sie in diesem Jahr den Erwin-BarthPreis des Bezirks. Jetzt ist die Wiederherstellung der Kaskaden geplant. Dafür müssen verrottete Rohre erneuert werden, sagt Silvia Neumann. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz habe die Finanzierung zugesagt.

Auch Barth erhielt postum gerade eine Ehrung: An seinem 125. Geburtstag wurde am 28. November im Lietzenseepark eine Gedenkplatte für den ehemaligen Charlottenburger und Berliner Gartendirektor enthüllt. „Seine großartigen Platz- und Parkanlagen tragen bis heute viel zur Attraktivität unseres Bezirks bei“, sagt der Charlottenburg-Wilmersdorfer Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler. Barth entwarf unter anderem den Lietzenseepark, den Karolingerplatz, den Mierendorffplatz und den Volkspark Jungfernheide.

Barth gilt als einer der wichtigsten Vertreter im Gartenbau der frühen Moderne. Er verwirklichte seine künstlerischen und sozialen Ideen und förderte den Volksparkgedanken. Als erster Ordinarius seines Faches in Deutschland hatte er den Lehrstuhl für Gartenkunst an der Landwirtschaftlichen Fakultät inne. Schon Anfang 1933 geriet er in Konflikt mit den Nazis und befürchtete die Einweisung in ein Konzentrationslager. Barth starb im Juli 1933 durch Selbstmord.

Der Brixplatz oder Sachsenplatz wurde ein begehrter Wohnort. Viele Prominente zogen in die Mietshäuser, vor allem an der Südseite. Im Haus Nummer 1 wohnte der Komponist Paul Hindemith. Der Boxer Max Schmeling lernte am Sachsenplatz Nummer 12 seine Frau, die Schauspielerin Anny Ondra, kennen. Im selben Haus wohnten Ringelnatz und der Schauspieler Willy Forst. Ringelnatz war mit Freunden häufig in der bis heute existierenden Kneipe „Westend-Klause“ am Steubenplatz zu Gast – wenn er nicht gerade der Nachtigall lauschte. In einem irrte er allerdings: Östlich der Elbe gibt es keine Nachtigallen. Die Vögel, die hier so schön singen und fast so aussehen wie die Nachtigallen, heißen Sprosser.

Die Parkinitiative sucht noch Helfer für die Pflege der Anlage. Telefon: 0175 997 18 22, Internet: www.parkinitiative-brixplatz.de

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