Zeitung Heute : Wo sich Barsch und Bärlauch gute Nacht sagen

Efficient City Farming in Schöneberg: Das Abwasser einer Fischfarm liefert die Nährstoffe für eine Pflanzenzucht.

Tomaten und Gurken wachsen im Dachgewächshaus, der schmackhafte Buntbarsch für den Balkongrill kommt direkt aus dem Bassin daneben. Dies ist nicht mehr nur eine ferne Illusion. Den Garten und den Fischteich wieder mitten in die Stadt holen, warum nicht? Das sogenannte City Farming findet in Berlin immer mehr Anhänger.

Einer, der sich dieser Idee verschrieben hat, ist Christian Echternacht. Mit Freunden gründete er vor gut zwei Jahren das Unternehmen Efficient City Farming GmbH (ECF), das eine kleine Pilotanlage in der ehemaligen Schultheiss-Mälzerei in der Bessemerstraße in Berlin-Schöneberg betreibt. Inzwischen zählt man zu den Top Ten der Klima-Start-ups in Europa. In Deutschland gehört ECF mit dem ökologisch inspirierten Mix von urbanen Gemüsekulturen und Frischfisch zur Spitze in dieser Kategorie.

„Mit diesem Projekt schaffen wir kurze Wege vom Erzeuger zum Verbraucher, sparen Wasser und schonen das Klima“, erläutert Firmengründer Echternacht, „Wir ernten hochwertiges Gemüse und hervorragend schmeckende Barsche. Insgesamt gesehen, ist das ökologisch sehr sinnvoll.“ Er zählt die gezogenen Gemüsesorten auf: Tomaten, Gurken, Zucchini, Salate, Chilischoten und Gewürze wie Basilikum und Minze. Als Fisch kommt Tilapia, ein früher nur in Afrika beheimateter Buntbarsch auf den Tisch. Die neue Form der Lebensmittelproduktion ist unter der Bezeichnung Aquaponik bekannt geworden. Dabei gilt das Prinzip: „Das Abwasser der Fischzucht ist das Frischwasser für die Pflanzenaufzucht.“ Wie das praktisch funktioniert, konnte man noch bis Mitte Oktober in einer Demonstrationsanlage auf dem Gelände der alten Mälzerei in Berlin-Schöneberg erleben. Inzwischen sind das Gewächshaus und das Fischbassin geleert, denn in der Winterzeit ist der Betrieb in dem kleinen umgebauten früheren Container mit Aufbau nicht möglich.

Das ECF-Team konnte sich mit seinen Kunden in diesem Jahr über einen reichen Ertrag freuen. 90 Buntbarsche mit einem Gewicht von etwa 500 Gramm und jede Menge Gemüse gingen über den Ladentisch. Die Fische waren im Frühjahr mit einer Größe von fünf bis sieben Zentimeter angeliefert worden. Der tägliche Frischwasserbedarf für das etwa zwei Kubikmeter große Becken lag bei elf Litern. Und mit dem Abwasser wurde das Gemüse gedüngt.

Ein paar Schädlinge fanden sich zwar auf den Stauden ein. Die konnte der Gärtner Robert Dietrich aber mit Neemöl aus dem Samen des Niembaumes gut bekämpfen. Der junge Mann hat seine Ausbildung im Botanischen Garten absolviert. Nun steht zum Frühjahr 2014 vielleicht bald noch mehr Arbeit für ihn an. Nach der kleinen Prototyp-Anlage mit rund 30 Quadratmetern, die eher etwas für Enthusiasten ohne kommerziellen Ansatz ist, soll nun Größeres folgen.

Die fünfköpfige Start-up-Crew von „Efficient City Farming“ will, wie der Namen schon sagt, Aquaponik in größerem Maßstab zum Einsatz bringen. Für eine Stadtfarm gibt es auch bereits einen geeigneten Standplatz wiederum auf dem Gelände der alten Mälzerei. In einem Gewächshaus mit einer Nutzfläche von 1800 Quadratmetern könnte eine Ernte eingefahren werden, die sich wirtschaftlich lohnt. ECF rechnet mit einem Ertrag von 35 Tonnen Gemüse und 24 Tonnen Fisch im Jahr. Geplant ist, dass sich Kunden Gemüsekisten bestellen können, die dann ganzjährig mit jahreszeitaktuellen Erzeugnissen Woche für Woche zugestellt werden. Das Abo soll etwa 15 Euro pro Woche kosten. „Bei rund 600 000 Berliner Haushalten, die Bio-Produkte kaufen, dürfte die für die Farm notwendige Zahl von 350 Kisten-Abonnements kein Problem sein“, glaubt Echternacht.

Der Fisch würde dann übrigens tagesfrisch – ohne energieaufwendige Tiefkühlung – direkt an die Gastronomie ausgeliefert werden. Als Sorte möchten die Stadtfarmer gern Barramundi aus der Familie der Riesenbarsche aufzüchten, eine Spezialität, die schon jetzt in Großmärkten als Delikatesse gilt. Zudem haben Einzelpersonen auch 2014 wieder die Möglichkeit, mit einer Barschpartnerschaft für 20 Euro einen ausgewachsenen Fisch im Herbst zum Selbstverzehr aus der Pilotfarm mitzunehmen. Die große Anlage auf dem Mälzerei-Gelände soll im neuen Jahr das Flaggschiff von „Efficient Farming“ werden. Schon jetzt ist das Interesse groß. In dem Venlo-Gewächshaus, benannt nach der Stadt in Holland, werden vier Hydrokultur-Abteilungen für Gemüse und Gewürze eingerichtet. Gleich daneben befinden sich unter einem Dach die Fischbassins. Das mit Ausscheidungen angereicherte nährstoffhaltige Abwasser gelangt mit einem Pumpsystem in die leicht geneigten Rinnen zu den Pflanzenwurzeln, während die festen Bestandteile als Klärschlamm aus den Becken herausgefiltert werden.

Dadurch, dass Verdunstungswasser aus dem Gewächshaus zurückgewonnen wird und in die Fischbottiche retour fließt, entsteht ein geschlossener Wasserkreislauf. Es muss nur eine geringe Menge frischen Wassers hinzugefügt werden. Dafür wird Regenwasser in einer Zisterne unter dem Gewächshaus gesammelt. Für alle Fälle, etwa bei Trockenheit, gibt es einen Frischwasseranschluss. Im Ganzjahresbetrieb benötigt die geplante Anlage Energie. Die soll von einem Blockheizkraftwerk auf Ökogasbasis als Wärme und Strom geliefert werden.

Nicolas Leschke, Geschäftsführer des Unternehmens, beziffert die Baukosten für die Anlage auf etwa 1,2 Millionen Euro. „Wir schaffen mit dieser nachhaltigen Idee einen Mehrwert“, ist er überzeugt und sieht einen weltweit wachsenden Bedarf für hochwertige Lebensmittel. Den Vorbescheid für die Baugenehmigung habe ECF inzwischen erhalten, berichtet Leschke: „Im nächsten Jahr werden wir mit dem Bau beginnen.“

Sein Kollege Christian Echternacht hat das Projekt gerade in Polen auf einem europäischen Start-up-Wettbewerb in der Breslauer Jahrhunderthalle vorgestellt. Der 42-jährige gebürtige Gelsenkirchener arbeitet in seinem Büro in der „GreenGarage“ auf dem Euref-Campus am ehemaligen Schöneberger Gasometer, umgeben von Gründungsinitiativen, die mit neuen Ideen dem Klimaschutz helfen wollen. In Kürze fliegt Echternacht nach San Francisco und nimmt im Silicon Valley an einem Investorentreffen teil. Anschließend wird er in New York City Urban-Farming-Spezialisten das Berliner Aquaponik-Modell vorstellen. Alles fließt.

Mehr im Internet:

www.ecf-center.de

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