Zeitung Heute : Wo sich das Kapital

Es gibt noch ökonomische Erfolgsgeschichten: In Bratislava siedeln sich Banken und Firmen an. Und ein Jahr nach dem EU-Beitritt fahren Slowaken zum Einkaufen nach Österreich – wegen der günstigen Preise.

Markus Huber

Als die EU ihre Fühler nach Bratislava ausstreckte, hat sie nicht viel Aufhebens gemacht und gleich an der Stadteinfahrt und nur wenige Kilometer hinter der slowakisch-österreich-ungarischen Grenze einen weithin sichtbaren Pflock eingeschlagen. Es ist ein gigantischer Glas- und Stahlpalast, architektonisch irgendwo in der Nähe der Potsdamer-Platz-Arkaden angesiedelt, ein Shopping-Tempel, wie es ihn sonst im Land nirgendwo gibt. Über 100 Geschäfte drängeln sich auf den drei Etagen, Adidas wohnt hier genauso wie Diesel, Gant und Mango. Auch der Name des Einkaufszentrums ist mit Bedacht auf die westliche Klientel klug gewählt: Er heißt „Aupark“, das können sich auch die Österreicher gut merken.

Überhaupt, Österreicher – um sie drehte sich bis vor kurzem hier alles. 60 Kilometer sind es bis Wien, seit dem Ende des Ostblocks und der anschließenden Abspaltung von Tschechien hat sich die 500000-Einwohner-Stadt Bratislava auf ihre Wurzeln als k.&.k.-Krönungsstadt Preßburg besonnen und die Fühler nach Westen ausgestreckt. Gleich als eine der ersten Amtshandlungen wurde eine hypermoderne Autobahn aus dem Zentrum Bratislavas an die zehn Kilometer entfernte österreichische Grenze gebaut – dass die österreichische Seite zumindest verkehrstechnisch nicht mitspielt und die slowakische Autobahn gleich hinter der österreichischen Grenze in einen besseren Feldweg mündet, ist eine andere Geschichte.

Dennoch kamen die Österreicher, und sie kamen in Scharen. Bratislava entwickelte sich über die Jahre zu einem Shopping-Eldorado für die Wiener, deshalb ist die Gegend rund um den Aupark mittlerweile so etwas wie ein Freilichtmuseum der globalisierten Welt. Hintereinander folgen Hornbach, Baumax, McDonald’s, ein bisschen weiter weg hat sich Ikea angesiedelt. Von neun bis 21 Uhr haben die Megamärkte ihre Türen geöffnet, sieben Tage die Woche, von Montag bis Sonntag, die Flexibilisierung der Ladenöffnungszeiten ist in der Slowakei des neoliberalen Ministerpräsidenten Mikulas Dzurinda nicht unbedingt ein Thema.

Doch mittlerweile sind auf den Parkplätzen nur noch selten Wiener Kennzeichen zu sehen. Die Österreicher bleiben weg, weil es hinter der Grenze keine Schnäppchen mehr gibt. Ein Billy-Regal kostet in Bratislava mittlerweile genauso viel wie in Wien. Und die Leute in Bratislava sind sich einig: Der Grund für die Preissteigerungen ist die EU.

Genau ein Jahr ist es her, dass die Slowakei neben neun anderen Staaten zum Mitglied der Europäischen Union aufstieg, und zumindest auf den ersten Blick gibt es wohl kaum ein Land, das vom Beitritt so profitiert hat wie die kleine Slowakei. Die Wirtschaft brummt im 5,4 Millionen-Einwohner-Land, das Wirtschaftswachstum liegt konstant bei sechs Prozent, der Reihe nach siedeln sich die internationalen Großkonzerne hier an, egal ob sie VW heißen, Peugeot oder Kia. Im Moment ist die Slowakei noch so etwas wie die verlängerte Werkbank der Globalisierung, aber die Entwicklung geht bereits weiter. Allmählich wird in der Slowakei nicht nur geschraubt sondern auch geforscht, und auch das, was man im Bereich der Dienstleistung globalisieren kann, siedelt sich in der Slowakei an – vor allem Call-Center entstehen in diesen Tagen, die Kundendienst in deutscher und englischer Sprache für Westeuropa anbieten. Angelockt werden diese Großkonzerne nicht nur durch die enorm niedrigen Lohnkosten in der Slowakei, sondern auch durch die besonders unternehmerfreundliche Politik der slowakischen Regierung, die mit Flat-Tax, Subventionen und enorm billigen Grundstücken für Betriebsansiedlungen momentan aggressiv auf Investorenfang geht.

Die Sache hat nur einen Haken: Vom Aufschwung profitiert fast ausschließlich die Hauptstadt Bratislava im äußersten Westen des Landes. Der Osten der Slowakei rund um die zweitgrößte Stadt Kosice geht währenddessen vor die Hunde. Jeder zweite ist dort arbeitslos, kein Großkonzern hat Interesse, im toten Winkel der EU, hart an der ukrainischen Grenze zu investieren. Durch die dank Flat-Tax sinkenden Steuereinnahmen fehlen dem Staat aber mittlerweile auch die Mittel zur Förderung des Arbeitsmarktes.

Doch in der Hauptstadt Bratislava ist vom Chaos im Osten nichts zu spüren. Im ziemlich kleinen historischen Stadtzentrum rund um die Burg und das Parlamentsgebäude an der Donau haben sich die westlichen, vor allem österreichische Banken nebeneinander eingemietet, die Firmenlogos von Volksbank, Bank Austria, Uniqa oder Wiener Städtische prangen auf den Gebäuden, und es scheint so, als wäre die Donaumonarchie wieder auferstanden. 1600 österreichische Firmen, so geht aus Zahlen der österreichischen Wirtschaftskammer hervor, haben sich in den vergangenen Jahren in Bratislava angesiedelt. Zum Vergleich: In der Ostslowakei waren es gerade einmal 50.

In den vergangenen Monaten eröffnete ein Restaurant nach dem anderen, und auch die meisten der ehemaligen slowakischen Lokale haben sich der neuen Zeit angepasst. Im neuen „Casablanca“, einem Fisch-Restaurant, das früher mal ein einfaches Wirtshaus war, gibt’s nun Hummer und Lachs-Filet. Aus dem alten, ziemlich verwitterten Hotel Carlton wurde ein schickes SAS Radisson mit gutbestückter Bar. Gleich gegenüber, wo früher eine ordinäre Milchbar war, ist nun das „Peoples“ eingezogen, das Preise verlangt, die auch am Berliner Gendarmenmarkt durchgehen könnten.

Die Restaurants und Straßencafés, in denen man Caffè Latte für umgerechnet drei Euro trinkt, sind in diesen Apriltagen dennoch gut gefüllt. Menschen wie Stanislav sitzen hier, der 32-Jährige verbringt seine Mittagspause mit einem Tramezzino und einer Cola in der Sonne, 30 Minuten hat er, dann muss er wieder zurück sein in der Kredit-Abteilung seiner Bank. „Wir alle, die wir hier sitzen, haben von der EU enorm profitiert“ sagt er in fließendem Englisch, „und zwar nicht erst durch den Beitritt, sondern bereits in den Jahren zuvor. Es gibt einen Aufbruch in der Stadt, man kann hier nicht nur gut leben, sondern auch gut verdienen.“ Wenn man ihn ansieht, merkt man das: Die Sonnenbrille ist von Gucci , und der schwarze Anzug mit den gewagt breiten Nadelstreifen war vermutlich ebenfalls nicht billig. Es mag sein, dass in Berlin, Wien und anderswo in Westeuropa die Yuppies ausgestorben sind – im Bratislava der Stanislavs sicherlich nicht. Natürlich wisse er, dass es im Osten des Landes enorme strukturelle Probleme gebe, doch in seiner Lebensqualität beeinträchtige ihn das nicht.

Wie viele Yuppies es in Bratislava gibt, ist schwer zu sagen. Aber die Kaufkraft ist mittlerweile nur noch unwesentlich unter jener von Wien. Nach Prag ist Bratislava die zweitreichste Region der neuen EU-Mitgliedsstaaten. Wer arbeiten will, findet im Bratislava des Jahres 2005 einen Job. Die Frage ist bloß: Reicht das Gehalt, das er damit verdienen kann, für ein einigermaßen anständiges Leben?

Denn durch die Segnungen der Globalisierung hat sich in Bratislava eine Zwei-Klassen-Gesellschaft gebildet, eine klassisch westeuropäische Mittelschicht gibt es kaum. Zu welcher KIasse man gehört, hat in Bratislava aber nicht nur mit der Bildung zu tun, sondern mit dem Arbeitgeber.

Universitätsprofessoren gehen mit rund 1500 Euro im Monat nach Hause, Leute wie Stanislav verdienen in ihrer Bank ein Vielfaches. In Banken und Versicherungen, aber auch in der Informationstechnologie werden mittlerweile Löhne wie in Wien gezahlt, um das Abwandern von gutqualifizierten Mitarbeitern zu verhindern. Und auch bei einfachen Arbeitern geht die Schere zwischen den Besserverdienern an den Fließbändern von VW und Porsche und denen, die dort keinen Job gefunden haben, weit auseinander.

Was das bedeutet, ist in den Wohnvierteln Bratislavas zu erkennen. Abgesehen von der historischen Altstadt, die man zu Fuß in fünf Minuten durchquert hat, besteht Bratislava fast zur Gänze aus Plattenbau-Vierteln. Sie wurden in den 70er Jahren hochgezogen, um Wohnraum für die vielen Arbeiter aus allen Landesteilen zu schaffen, die schon damals nach Bratislava gepilgert sind. Gleich gegenüber des historischen Stadtkerns, am anderen Ufer der Donau, liegt Petrzalka, die größte Plattenbausiedlung, heute eine Schlafstadt für knapp 125000 Einwohner.

Sie ist ebenfalls in den 70er Jahren hochgezogen worden, und seit damals ist mit den Häusern nichts passiert, im Vergleich zu Petrzalka sieht sogar Berlin-Marzahn wie ein architektonisches Schmuckkästchen aus. Die zahlreichen Kinderspielplätze zwischen den grauen Betonburgen sind selbst am späten Nachmittag verlassen, nur vereinzelt lungern Jugendliche auf den Bänken herum.

Doch Petrzalka ist noch lange kein sozialer Brennpunkt, auch wenn die Polizei ein leichtes Ansteigen von Kriminalität und Drogenkonsum registriert. Anders als in den Plattenbauten der Ostslowakei ist der Stadtteil noch nicht zu einem Ghetto für Modernisierungsverlierer verkommen. Arbeiter wohnen hier genauso wie Arbeitslose, und mitten drin leben Menschen wie Ivana Sokolova. Sie ist 53, Professorin für Literaturgeschichte und wohnt seit fast 30 Jahren im achten Stock eines Plattenbaus gleich neben der Autobahn. Drei Zimmer hat ihre 70-Quadratmeter-Wohnung, das muss reichen für sie, ihren Mann, die beiden Töchter und die zahllosen Bücher. Diese stapeln sich im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, und auch auf dem Schreibtisch, der im Flur steht. Ob Frau Sokolova mit ihrer Wohnsituation glücklich ist? Sie hat nie darüber nachgedacht, sagt sie. Auch jetzt, wo im Zentrum und im Vorort St. Georg neue, moderne Wohnungen entstehen, will Sokolova nicht mehr wegziehen – weil sie es sich nicht leisten kann. Eigentumswohnungen mit Quadratmeterpreisen jenseits der 1200 Euro sind für sie unerschwinglich. Im Grunde fühle sie sich ja auch ganz wohl hier, und dass der Mann aus der Nachbarwohnung ein Alkohol-Problem habe, deutet sie lieber nur an. „Es leben so viele unterschiedliche Leute hier, es gibt ein funktionierendes kulturelles Angebot, man kann es also ganz gut aushalten.“ Funktioniert die kommunistische Idee des Plattenbaus also auch im Turbokapitalismus, in dem die Zahl jener, die von den Segnungen der Marktwirtschaft profitieren, immer kleiner wird?

Auch Ivana Sokolova sagt, dass sich seit dem EU-Beitritt der Slowakei vieles in der Stadt geändert hat. Ob zum Besseren oder Schlechtern will sie nicht kommentieren. Sie klagt wie viele andere über die steigenden Preise. Konsumgüter, sagt Sokolova, kauft sie mittlerweile wieder jenseits der Grenze in Österreich – „Bekleidung zum Beispiel ist dort wesentlich billiger.“ Mindestens zwei Mal im Monat, sagt die Professorin, fahre sie mit ihren Töchtern entweder nach Wien oder nach Hainburg an der österreichischen Grenze – von ihrer Wohnung aus sind das gerade einmal 20 Minuten.

Die zentrale Lage wissen viele zu schätzen. Bratislava und vor allem die Plattenbau-Siedlungen hatten in den vergangenen Monaten einen enormen Zulauf zu verzeichnen. So wie in den 70er Jahren, als die Gebäude entstanden, werden sie nun wieder zur Anlaufstation für Arbeitssuchende aus allen Landesteilen, die zumindest für die Startphase bei Verwandten unterschlüpfen, bevor sie eine eigene Plattenbau-Wohnung beziehen.

Gebaut wird bereits emsig an neuen Wohnsilos. Die Ausweitung geht dabei vor allem in Richtung Westen. Kürzlich regte sich sogar Widerspruch aus Österreich gegen einen neuen Flächenwidmungsplan von Petrzalka, der eine Bebauung bis zur Grenze vorsieht. Der Bürgermeister von Marchegg wehrte sich bereits dagegen, dass seine Stadt eines Tages „von Bratislava einverleibt wird: Wir müssen aufpassen, dass es immer noch genügend bezahlbare Bauplätze für unsere Bevölkerung gibt.“ Zumindest einen kleinen Grünstreifen entlang der Grenze, so der Bürgermeister, mögen die Slowaken doch bitte schön lassen.

In anderen österreichischen Gemeinden wie Hainburg oder Kittsee sieht man die Entwicklung gelassener. Dort hatten Slowaken in der Vergangenheit wiederholt Häuser und Baugrundstücke gekauft. Schon träumen die Bürgermeister davon, eines Tages zum Villenvorort der slowakischen Hauptstadt zu werden.

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