Zeitung Heute : Wo sich die Armut versteckt

Cordula Eubel Dagmar Rosenfeld

In Deutschland haben mehr als 900 000 Erwerbstätige ein so niedriges Einkommen, dass sie zusätzlich Arbeitslosengeld II erhalten. In welchen Berufsgruppen sind die Verdienstmöglichkeiten besonders gering?


Unter den 5,21 Millionen Menschen in Deutschland, die momentan Arbeitslosengeld II (ALG II) beziehen, sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit mehr als 900 000 Erwerbstätige. Dass Menschen eine Arbeitsstelle haben und trotzdem ALG II bekommen, klingt nach einem Widerspruch – ist aber Realität. Das Einkommen dieser 906 000 Personen ist so gering, dass sie aufstockend Transferleistungen vom Staat erhalten – als Grundsicherung für den Lebensunterhalt. Fast die Hälfte von ihnen hat eine voll sozialversicherungspflichtige Stelle. „Das sind die working poor“, sagt Arbeitsmarktforscher Alexander Spermann vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. Das heißt: Diese Menschen erhalten für die Arbeit in ihrem Beruf Stundenlöhne, die nicht ausreichen, um davon leben zu können.

Besonders im Dienstleistungssektor sind niedrige Löhne keine Ausnahme: So erhält eine Frisörin in Berlin in der untersten Tarifgruppe nur 3,38 Euro pro Stunde – im Monat also einen Bruttoverdienst von 544 Euro. Ihre Kollegin in Brandenburg bekommt sogar nur 2,75 Euro oder 464 Euro im Monat. 78 Prozent der Erwerbstätigen, deren Einkommen nicht ausreichen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeiten in der Dienstleistungsbranche. Gefolgt vom produzierenden Gewerbe (fast zwölf Prozent) und der Bauwirtschaft (mehr als sieben Prozent).

Die andere Hälfte der Erwerbstätigen, die ALG II erhält, verdient brutto weniger als 400 Euro im Monat – in der Regel sind das Minijobber. Wer einen Minijob von 400 Euro hat, darf davon 160 Euro anrechnungsfrei behalten. In dieser Gruppe der geringfügig Beschäftigten erzielen mehr als 50 Prozent nur ein Einkommen, das unter 200 Euro im Monat liegt. Für Arbeitsmarktforscher Spermann sind das „Tarnkappenarbeitsverhältnisse“. „Diese Menschen haben sich im Arbeitslosengeld II eingerichtet. Sie demonstrieren Arbeitsbereitschaft, damit sie vom Jobcenter in Ruhe gelassen werden“, sagt Spermann. Sie stocken also eher ihr Arbeitslosengeld auf, als dass sie aufstockendes Arbeitslosengeld erhalten.

Für viele dieser Menschen würde sich ein Vollzeitjob nicht lohnen, sagt Arbeitsmarktexperte Hilmar Schneider vom Institut zur Zukunft der Arbeit. „Sie würden sich schlechter stellen, wenn sie stattdessen Vollzeit unsubventioniert arbeiten würden. Deshalb arbeiten sie nur so viel, wie nötig ist, um das verfügbare Einkommen mit Teilzeitarbeit und ergänzendem ALG II zu optimieren.“

Die Bundesagentur ermittelt, wer Anspruch auf unterstützendes ALG II hat. Ob jemand bedürftig ist, hängt nicht nur vom Einkommen ab, sondern auch von Besitz und Wohnkosten. Geprüft wird, ob Vermögen vorhanden ist – also zum Beispiel Schmuck, Sparbücher und Aktien. Ebenso, ob andere Personen, die in dem Haushalt leben, über Einkommen verfügen. Reicht unterm Strich der Gesamtverdienst für den Lebensunterhalt nicht aus, kann aufstockendes ALG II gezahlt werden. Als Richtwert gilt: Kinderlose, die im Monat mehr als 1200 Euro brutto und Menschen mit Kindern, die mehr als 1500 Euro verdienen, haben keinen Anspruch auf ergänzende Leistungen.

Schon vor der Hartz-IV-Reform, der Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe, erhielten Geringverdiener unterstützende Leistungen vom Staat. Zuletzt waren es 470 000 Erwerbstätige, die aufstockende Sozial- oder Arbeitslosenhilfe erhielten. Seit 2005, also mit dem Start von Hartz IV, hat sich die Zahl verdoppelt. Arbeitsmarktforscher Spermann vermutet, dass heute mehr Menschen ihren Anspruch auf Unterstützung geltend machen, weil das Jobcenter weniger abschrecke als das Sozialamt. „Die versteckte Armut geht dadurch zurück.“

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