Zeitung Heute : Wo sie Recht haben, haben sie recht

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„Insgesamt ist nicht mehr als ein Fünftel von der Reform geblieben“, sagt Hans Zehetmair, der Vorsitzende des Rats für die deutsche Rechtschreibung – und das, obwohl es dem zuletzt 39-köpfigen Gremium nur um ein „moderates Ausgleichen der Unebenheiten und Ungereimtheiten“ gegangen sei. Wie weit die Reform jetzt zurückgedreht wird, ist allerdings umstritten: Zwar hat der Rat in den Monaten seit seiner Konstituierung Mitte Dezember 2004 vor allem zur Getrennt- und Zusammenschreibung weit gehende Änderungen vorgeschlagen. Aber in vielen Fällen handelt sich um Kann-Bestimmungen, die es vor der Reform auch schon gab: Es bleibt weiterhin richtig, kaputt machen oder sitzen bleiben getrennt zu schreiben. Aber wer einen übertragenen Gebrauch erkennt, kann diese Wörter auch wieder zusammenschreiben, ohne damit einen Fehler zu machen: etwas kaputtmachen oder wegen schlechter Noten sitzenbleiben. Auch kennenlernen soll man jetzt wieder zusammenschreiben können.

Auch in der Groß- und Kleinschreibung sollen mehr als Kleinigkeiten geändert werden, jedoch gilt auch hier: Häufig wird die Schreibung in den strittigen Fällen lediglich liberalisiert: Recht haben, nach der Reform von 1996 alternativlos großzuschreiben, kann wieder recht haben geschrieben werden, muss aber nicht. Das gilt auch für das s chwarze Brett, das als Tafel für Bekanntmachungen auch wieder Schwarzes Brett heißen darf.

Die eingängigen Faustregeln, mit denen die Reformer deutschen Schülern das Schreibenlernen leichter machen wollten, bleiben bestehen: Substantive werden immer groß geschrieben und Verb und Verb schreibt man stets getrennt – um die beiden am meisten diskutierten Streitfälle zu nennen. Die Experten im Rechtschreibrat haben jetzt allerdings genau gefragt, ob es sich bei den neuen Großschreibungen auch wirklich um Substantivierungen handelt. Dieser Überprüfung hielt das für viele leidige Leid tun nicht stand: War dies nach der Reform die alleinig mögliche Schreibweise, ließ die Zwischenstaatliche Kommission, Vorgängergremium des Rechtschreibrats, parallel dazu auch die Schreibweise leidtun zu. Jetzt aber soll die Großschreibung ausgeschlossen sein: Denn leid ist hier kein Substantiv und auch kein Adjektiv – das die vor der Reform geltende Getrenntschreibung rechtfertigen würde (leid tun) – sondern ein Verbpartikel. Und der darf nicht vom Verb getrennt werden. Deshalb soll es nur noch leidtun heißen. Dasselbe gilt nach den Vorschlägen des Rats für eine Reihe von Fällen, darunter eislaufen , kopfstehen, nottun oder wundernehmen.

Falsche Substantivierungen entdeckte der Rat auch bei Reform-Schreibweisen wie Pleite gehen oder Feind sein : Künftig sollen „Wörter, die vorwiegend prädikativ gebraucht werden“, klein geschrieben werden: Die Firma wird pleitegehen; ich bin ihm feind. Beim übertragenen Gebrauch will der Rat die Schreibweise ebenfalls nicht durchgehend liberalisieren. In eindeutigen Fällen wie jemanden fertigmachen, etwas feststellen oder jemanden politisch kaltstellen will der Rat die „ausnahmslose Zusammenschreibung bei neuer Gesamtbedeutung“.

Wenn die KMK die Empfehlungen bei ihrer Sitzung in dieser Woche annimmt, müssen Schüler nach den Sommerferien also einige Rechtschreibregeln neu lernen. Deshalb wird es voraussichtlich eine Übergangsfrist von einem Jahr geben, bis Fehler in diesen Bereichen auf die Note angerechnet werden.

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