Zeitung Heute : Wo sind die Glatzen von Sebnitz?

Der Fall Joseph, zwei Jahre danach: Ermittlungen zu einem Foto

Max Thomas Mehr

Jenen trüben Donnerstag vor zwei Jahren hat Boris Klinge wie einen Gruselroman von Stephen King in Erinnerung. Dabei ist er durchaus von der abgebrühten Sorte: Für die Boulevardpresse Angehörige von Unfallopfern vor die Kamera zerren – auch das gehört zu seinem täglichen Geschäft. „Witwenschüttler“ nennt er sich dann. „Kitschfoto“ heißt die Agentur, die er in seiner geräumigen Berliner Altbauwohnung betreibt.

Damals, vor zwei Jahren, hat die „Bild“-Zeitung morgens ein Kindergesicht auf Seite eins gedruckt mit der Schlagzeile „Neonazis ertränken Kind“. Ein Medienheer fällt in den darauffolgenden Stunden in die sächsische Provinz ein. Auch Boris Klinge soll für eine Zeitung mit einer Reporterin den Tatort erkunden. Viel Zeit haben sie nicht, als sie an diesem Novemberabend die Stadt Sebnitz erreichen. Der Marktplatz, die Eltern in der Apotheke, der Bürgermeister. Am nächsten Tag müssen sie zurück. Das Erste, was der Fotograf wahrnimmt, sind die glatzköpfigen Jungs auf dem Marktplatz, die sich an ihren Bierdosen festhalten, umzingelt von Kollegen, die schneller da waren als er. Ja, Olaf K. und Marko S. stehen, wenn er sich im Nachhinein recht erinnert, schon dabei. Klinges Foto zeigt sie ein paar Stunden später. Das Geschehen, aus dem heraus das Bild entstanden ist, hat den Ort endgültig in Verruf gebracht.

Nicht nur Boris Klinge hat die gespenstische nächtliche Szene mit den beiden Kurzgeschorenen gesehen, auch eine Fernsehkamera hat sie aufgezeichnet. Belegt ist, was Olaf K. und Marko S. des Nachts vor der Apotheke grölen: „Auf dem Rasen liegen Leichen mit aufgeschlitzten Bäuchen, in den Bäuchen stecken Messer mit der Aufschrift: Wir sind besser.“ Dann folgt ein langgezogenes „Düüünaamoo“. Als sie bemerken, dass sie fotografiert werden, brüllen sie noch: „Mach das Licht aus, du Armleuchter.“ Und: „Du stirbst mohoorgen, Schalalalali.“ Schon damals hätte man schnell klären können: Bei dem blutrünstigen Gegröle handelt es sich um Schlachtgesänge der Fans vom Fußballclub Dynamo Dresden. Und mit dem „Armleuchter“ war der Fotograf gemeint, von dessen Blitzlicht sich die Hooligans ertappt fühlten.

Doch damals war nicht die Zeit für derart schlichte Interpretationen. Schließlich hatte die rot-grüne Regierung gerade den „Aufstand der Anständigen“ ausgerufen. Aufgeschreckt von der „Bild“-Meldung, empfanden die Journalisten vor Ort Sebnitz als Inkarnation der schlimmstmöglichen politischen Befürchtungen: ein ostdeutsches Kaff im Ausländerhass – ein ganzer Ort, der den rassistisch motivierten Mord an einem unschuldigen Kind deckt. Welch eine perfekte Story!

Pogromstimmung: Immer wieder zeigen die Nachrichtensender Bilder der anklagenden Mutter, wachsbleich. Immer wieder flimmern auch die Bilder vom grölenden Olaf K. und seinem Kumpel Marko S. über den Bildschirm. Die Talk-Master fragen: „Was ist los in Deutschland?“ Den Bürger auf der Straße beschleicht ein ungutes Gefühl: Sollte es tatsächlich möglich sein in unserem Land? Schon wieder…?

Und so war das Foto der Beleg: In Sebnitz werden die Eltern des ermordeten Kindes noch nach der Tat mit Morddrohungen belegt, nachts, von rechtsradikalen Jugendlichen, in ihrem eigenen Haus.

Vier Tage später, am Montag, war dann plötzlich die Geschichte vom ermordeten kleinen Joseph in sich zusammengebrochen. Gegen seine Eltern wurde wegen Anstiftung zur uneidlichen Falschaussage ermittelt. Doch das Klischee blieb: von Sebnitz, einer Kleinstadt in der sächsischen Provinz, tief im Osten, mit einer offenbar rechten Jugendbewegung, der man zutraut, einen kleinen Jungen zu ertränken, nur weil sein Vater ein Ausländer ist.

Zwei Jahre danach, Spurensuche: Sebnitz zeigt nicht, dass die Arbeitslosigkeit bei 20 Prozent liegt. Sebnitz zeigt auch keine rechte Jugendbewegung. Der Marktplatz ist aufgeräumt. Keine Bettler, keine Glatzen, keine Obdachlosen. Überall neue Holzbänke. Ein sprudelnder Brunnen, eine restaurierte historische Postsäule. Grüne Pfeile weisen den Weg ins frisch sanierte Seidenblumenmuseum und ins neu eingerichtete Afrikahaus. Wo in den Hauptgeschäftsstraßen die Läden leerstehen, werden die Schaufenster von benachbarten Kaufleuten liebevoll dekoriert. Im Rathaus, das letzten Herbst zum Jahrestag eine „Josephswoche“ zum „Mediengau“ veranstaltete, ist jetzt eine Ausstellung über die Weiße Rose zu sehen. An manchen Häusern erinnern kleineTafeln an jüdische Mitbürger, die von den Nazis verschleppt und in Konzentrationslagern ermordet wurden. Auf einer großen Plakatwand wirbt freizügig ein dunkelhäutiges Blumenmädchen für die Stadt: www.sebnitz.de .

In der Szene-Kneipe der Rechten

Die Suche nach der rechten Jugendszene, nach Olaf K. und Marko S., ist schwierig. Erste Adresse: die NPD. Johannes Müller, brauner Stadtrat in Sebnitz, hat gut fünf Prozent für seine Partei geholt. Er ist Mitglied im Landesvorstand, war früher mal in der CDU und während der Wende in der Bürgerbewegung. Gerade hat er mit der PDS gegen die Privatisierung des letzten kommunalen Krankenhauses gestimmt – erfolglos. In Sebnitz kämpft er für den Erhalt jedes alten Hauses und nervt damit den Bürgermeister von der CDU. Der 33-jährige Arzt und Sportkletterer Müller bewundert Reinhold Messner und findet Vaclav Havels Umgang mit den Beneš-Dekreten ziemlich weise. Bei der ersten sächsischen Expedition zum Mount Everest 1996 war er als Arzt dabei. Auch wenn die Sachsen es nicht bis zum Gipfel geschafft haben, so retteten sie doch in jenem berüchtigten Jahr, in dem der Berg sich so viele Kletterer holte, einem Japaner das Leben. Der angehende Kardiologe ist Horst-Mahler-Fan; den einstigen RAF- Gründer hat er schon mehrfach zu Vorträgen ins nahe Pirna geholt. Wenn der NPD-Stadtrat mit der gelehrt wirkenden kleinen, schwarz umrandeten Brille über die Gefahren der Globalisierung, die Macht der multinationalen Konzerne, das Hegemoniestreben der Amerikaner und die undemokratische Einführung des Euro in Deutschland philosophiert, dann gerät beim Zuhörer der politische Kompass schnell ins Trudeln.

Bei der Suche nach den beiden Männern auf dem Foto kann der NPD-Stadtrat – gewandet in einen modischen grauen Anzug – nicht helfen: „Kurzer Haarschnitt, nationale Gesinnung und den ganzen Tag ’ne Bierbüchse in der Hand, das verträgt sich nicht mit der NPD.“ Seltsam.

Zweite Adresse bei der Suche nach Olaf K. und Marko S.: der „Trog“. Abseits des Marktplatzes, in einer Nebenstraße gelegen, wo das Bier noch billig ist, gilt die Kneipe als Treffpunkt der rechten Szene. Auf dem Tresen steht in alten hölzernen Schweinetrögen Salzgebäck. An der Wand hängt ein schwarzes Tuch mit Totenkopf, auf der Theke ist einer von innen ausgeleuchtet. Eine ältere Frau spielt mit einem Stammkunden Dart. Der große Raum ist nur spärlich mit Sitzgruppen aus Sperrholz eingerichtet. Die Atmosphäre hat etwas von einem Jugendclub, doch das Publikum ist dafür eigentlich zu alt. So richtig erkennbar scheinen auch an einem Samstagabend die Glatzen in Sebnitz nicht zu sein. Sicher, die Haare sind meist kurz, aber der Wirt hat einen Pferdeschwanz. Markus Maly fällt dann doch auf. Er hat eine stattliche, kompakte Figur und ist wohl Stammgast. Wer ihn länger beobachtet, merkt schnell, dass er bei den anderen jungen Männern was gilt. Olaf K. und Marko S. erkennt er auf dem Bild sofort. Wie die beiden ist auch er Fußballfan von Dynamo. Doch da enden schon die Gemeinsamkeiten: „Der Olaf, das ist doch ein Schwachstromgymnasiast“, sagt er und meint damit, in der Schule habe der „Sonderbetreuung“ gebraucht. Neulich sei erst wieder etwas über ihn in „Bild“ erschienen. Da ist er doch tatsächlich mit irgendwelchen Kumpels aus dem benachbarten Neustadt für 900 Euro im Taxi nach Paderborn zum Spiel von Dynamo gefahren. Markus fasst sich an den Kopf, sagt, der ist doch bescheuert und seufzt: das viele Geld. Wenn die beiden im „Trog“ auftauchten, müssten sie Angst haben, eins auf die Mütze zu kriegen: Die haben uns doch nur geschadet.

Markus Maly ist 25 und hat nach der Schule eine überbetriebliche Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten absolviert. Seither hangelt er sich von Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu Arbeitslosigkeit, von Aushilfsjobs im Gerüstbau oder im Abriss zur nächsten Maßnahme. Gerade ist er mal wieder arbeitslos. Auch wenn er sagt, dass er nicht mehr mit einer rechten Gruppe identifiziert werden will, so hat er, wie er selber eingesteht, früher für den NPD-Müller Wahlkampf gemacht. Aber: „Der macht ja auch nichts für uns.“ So fährt er doch „lieber zur dritten Halbzeit“ von Dynamo. Da prügeln sie sich mit den gegnerischen Fans. „Ist zwar sinnlos“, sagt er, „macht aber wenigstens Spaß.“

Früher, da waren sie mal 40 Mann. Schon zu DDR-Zeiten fing das an. „Schweißerstiefel“ hatten sie alle, Springerstiefel made in DDR. Doch Olaf K. und Marko S. gehörten nicht dazu. Derzeit gebe es in der rechten Jugendszene von Sebnitz vielleicht einen Generationswechsel. Doch das sei nicht mehr seine Welt, betont Markus Maly. Er schwärmt von den alten Zeiten, von einem gewissen Mirko, um den sich alles gruppierte in der kleinen Stadt. Damals, nach der Wende. Nein, nicht Mirkos Verschwinden, sondern das Alter treibe ihn, wie er sagt, jetzt weg. Spätestens Anfang des Jahres will der Mittzwanziger nach Bayern abwandern, der Arbeit hinterher.

Wer ist Mirko? Kann er zu Olaf K. und Markus S. führen? Der junge Maly winkt ab, der sitzt doch gerade eine zweijährige Haftstrafe in Dresden ab. Mirko ist wohl die „Leaderfigur“ im Sebnitzer rechten Milieu gewesen. Vor einem Jahr wegen des Vertriebs und der Herstellung neonazistischer CD’s verurteilt, ist er vor zwei Monaten als langjähriger V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz aufgeflogen. Der Bürgermeister ist fassungslos, als er davon erfährt.

Eine verlassene Wohnung

Bei der Suche nach Olaf und Marko kann der Leiter des Ordnungsamtes endlich mit einer Adresse helfen. Doch zu Hause trifft man Marko S. nicht. In dem schäbigen dreistöckigen Mietshaus am Rande der Stadt blättert der Putz. Die Hälfte der Wohnungen steht leer. Nur mühsam setzt sich ein Puzzle zusammen. Die allein erziehende Mutter kam schon lange nicht mehr mit ihrem inzwischen 23-jährigen Sohn klar, aber auch nicht mit sich selbst. Erst kürzlich sind sie aus der gemeinsamen Wohnung geflogen, weil sie über Monate keine Miete gezahlt hatten. Vielleicht ein Segen. Nun wohnen Sohn und Mutter getrennt. Beide sind arbeitslos. Marko hat nach der Schule mehrere Ausbildungen angefangen und wieder abgebrochen. Schließlich ein Zufall: Auf dem Markt können zwei junge Männer mit den Handy-Nummern von Marko S. und Olaf K. weiterhelfen. Kleinstadt eben. Sebnitz hat 9000 Einwohner.

Eine Einladung in ein Caféhaus lehnt Marko S. ab. Wir treffen uns auf einem Hof in der Innenstadt. Er trägt einen weißen Adidas-Blouson und einen blondierten Haarschnitt, der nach Beckham-Frisur aussieht und doch ein wenig braver ist. Beim Gespräch trippelt er von einem Fuß auf den anderen. Setzen will er sich nicht. Und auch nicht viel erzählen. Das Foto von damals ist ihm irgendwie peinlich, als Held fühlt er sich nicht. Sie hätten gesoffen und seien dann mit dem Schlachtruf aus dem Stadion durch die Gegend gezogen: „Als der Olaf das Blitzlicht sah, ist er halt ausgeflippt.“ Olaf, das ist der andere. Markos Gesicht glänzt. Er schwitzt, obwohl es ziemlich kalt ist. Am Schluss will er 20 Euro Honorar oder wenigstens zehn, doch als er nichts kriegt, ist es auch egal. In seiner Augenbraue klemmt ein Metallring, sein Handy klingelt.

Olaf K. ist nicht zu erreichen. Entweder geht nur ein Kumpel dran oder die Mailbox. Zwar wohnt der 27-Jährige offiziell bei seiner Oma. Doch da war er seit Tagen nicht. Olaf K. ist längst am untersten Ende des sozialen Sicherungssystems angelangt. Beim Arbeitsamt ist er lange nicht mehr gemeldet.

Sozialhilfe. Das sind für einen allein stehenden Mann 279 Euro. Da er bei seiner Oma lebt, dürften es nur 225 sein. Mit 75 Euro im Monat kann er die Sozialhilfe aufbessern, wenn er 14 Stunden wöchentlich gemeinnützige Arbeit leistet. Doch auf dem Neustädter Friedhof, wo er eigentlich an einer solchen Maßnahme teilnehmen müsste, ist er seit zwei Tagen nicht mehr erschienen.

Zirka 200 junge Männer und Frauen zwischen 18 und 25 beziehen in Sebnitz und Neustadt Sozialhilfe. Zählt man die jungen Erwachsenen hinzu, die arbeitslos gemeldet sind, dürfte die Zahl bei weit über 500 liegen. Genaue statistische Erhebungen gibt es nicht. Die Freude der Arbeitsamts-Chefin darüber, dass im letzten Jahr der Höhepunkt der Zahl der Schulabgänger überschritten wurde, kann man verstehen. Jetzt kommen die geburtenschwachen Jahrgänge, sagt sie erleichtert.

Die Kamera, schreibt die amerikanische Publizistin Susan Sontag in einem Essay über Fotografie, atomisiert die Realität, macht sie „leicht zu handhaben“ und vordergründig. Manchmal können Bilder etwas fixieren, was nicht zu sehen ist. Manchmal kann ein Bild auch etwas zeigen, das es gar nicht gibt.

Der Autor drehte zusammen mit Johann Feindt einen Film über den Fall Joseph. Er läuft unter dem Titel „Sebnitz – die perfekte Story“am 8. November um 22 Uhr 15 bei Arte und am 19. November um 22 Uhr 05 beim MDR.

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