Zeitung Heute : Wo steht Kerry?

Es läuft nicht gut für George W. Bush – und davon muss sein Herausforderer doch profitieren. Eine Wahlkampf-Analyse von Howell Raines, dem ehemaligen Chefredakteur der „New York Times“

Howell Raines

Viele Demokraten sind nostalgisch in diesen Tagen. Sie denken an die Ausgelassenheit zurück, mit der Bill Clinton einst Wahlkampf machte. It’s the economy, stupid – das war Clintons Credo. John Kerrys Botschaft dagegen ist: Es könnte irgendwie der Krieg sein, und vielleicht noch ein bisschen die Wirtschaft.

John Kerry muss als Kandidat besser werden, und das, obwohl er ein Kandidat ist, der gegen einen geschwächten George W. Bush antritt. Der amtierende Präsident mag angeschlagen sein, aber jeder, der gegen ihn wettet, würde die Überlegenheit der Republikaner ignorieren, die manche in Anlehnung an die Sowjets auch als „Hammer und Sichel“-Politik bezeichnen. Die Taktik: Zerstöre die Reputation des Gegners durch erbarmungsloses Aussitzen.

Seit Ronald Reagan 1980 gegen Jimmy Carter gewann, wurden Präsidentschaftswahlen immer von Republikanern dominiert, die auf der Suche waren nach einem winzigen Spalt in der öffentlichen Fassade des Gegenkandidaten – und die diesen Riss gefunden und ausgeweitet haben, bis das ganze Gebäude in sich zusammenfällt. Und Bushs Chefmaurer, Karl Rove, hat gerade erst eine Schwachstelle gefunden.

Während Bushs Ruf für ungeschulte Augen eher schlecht aussieht, produziert seine 40-Prozent-Anhängerschaft ein paar versteckte gute Nachrichten für ihn. Es zeigt sich, dass diese Basis der Konservativen aus Kultur und Politik gut zusammenhält – bis jetzt jedenfalls. Die Strategen im Weißen Haus wetten darauf, dass, wenn die USA Irak binnen 30 Tagen verlassen würden, Kerrys Image komplett einstürzen würde.

In den vergangenen Wochen hat Kerry versucht, sein Profil zu schärfen, aber bis heute sind die Ergebnisse nicht besonders ermutigend. Als Amerikas erster Kriegsheld-Kandidat seit John F.Kennedy sollte er die nationale Diskussion darüber anführen, was im Irak alles falsch lief. Aber Kerry hat für seine letzten Reden, die die nationale Sicherheitslage zum Thema hatten, Redenschreiber aus der Clinton-Zeit engagiert – Richard C. Holbrooke, James Rubin, Sandy Berger. Die Reden waren dazu gedacht, Kerrys Kampagne und sein Image zu befeuern und sein anfängliches Votum für den Krieg zu erklären. Das Problem ist nur, dass die Reden sich in den Ministerien gut anhören, aber nicht unbedingt vor den Wählern funktionieren. Die nämlich haben gelernt, nur auf einfache Botschaften zu reagieren.

Bush hat das in einem Fernsehwerbespot in 19 kritischen Staaten vorgeführt. Die Spots zeigten Kerry als jemanden, dessen Position wackelig ist, was den Terrorismus betrifft – weil Bushs Herausforderer zunächst für den patriotischen Akt gestimmt hatte und dann plötzlich Schwierigkeiten damit hatte, Telefongespräche abhören zu lassen. Und die Taktik des republikanischen Wahlkampfs war mit einem Mal überdeutlich: Bush will Kerry als einen Wackelkandidaten vorführen, der sich nicht klar werden kann über irgendein Thema – weder innen- noch außenpolitisch.

All das wirft die Frage auf, was Kerry jetzt tun muss, um den Kampf zu gewinnen. Ich glaube, dass Kerry es schaffen kann, aber ich glaube heute weniger daran als am Anfang seiner Kampagne. Jedes Mal, wenn ich mit einem Journalisten spreche, der ihn begleitet oder über ihn arbeitet, bekomme ich neue Zweifel, ob er wirklich die Wähler erreichen kann.

Ich persönlich finde es einfacher, mit Kerry zu reden als mit Al Gore. Und doch ist Kerry etwas schwerfällig. Und er ist wichtigtuerisch in einer Art, die Gore nicht an sich hat. Bei Gore hast du das Gefühl, dass er lieber arm und cool geboren wäre. Kerry dagegen strahlt das Gefühl aus, dass er ein selbstverständliches Anrecht auf das Amt des Präsidenten hat. Vielleicht hat er einfach zu viel Zeit mit Teddy Kennedy verbracht.

Eine Fernsehkamera funktioniert wie ein Röntgengerät, wenn es darum geht, Wahrheiten zu zeigen, und Kerrys ausladendes Kinn sowie sein Addams-Family-Gesicht verstärken irgendwie den Eindruck, dass dieser Typ nicht nur selbstgefällig, sondern auch pompös ist. Und die Kameras verstärken den Eindruck, dass er sich an das Privileg gewöhnt hat, dass es ihm egal zu sein scheint, wie doof er aussieht.

Nun zu den Dingen, die Kerry tun muss. Der Unterschied zwischen Bush und Kerry ist, dass Kerry den liberalen, mild-wohltätigen Flügel der amerikanischen Partei der Privilegierten vertritt, während George W. den konservativen, gierigen Teil dieser Partei repräsentiert. Kerry muss also herausfinden, wie er eine gemeinsame Botschaft für beide entwickeln kann – bei den Schlüsselthemen Krieg und Wirtschaft.

Der Krieg ist der einfachere Punkt, obwohl Kerry sich in eine Sackgasse manövriert hat, als er seine Opposition zum Vietnamkrieg rational erklären wollte. Der erste und wahrscheinlich unkorrigierbare Fehltritt passierte, als Tim Russert von den NBC-Nachrichten ihm ein Video von 1972 zeigte, auf dem eine Rede Kerrys vor dem Senat zu sehen war. In seiner Rede stellte er einige der Vietnamkrieg-Befürworter als Kriminelle dar. Kerry kniff sofort, als ihn der Reporter nach seiner Meinung fragte. Wie hätte er reagieren müssen? Statt sich für seine extreme Sprache von einst zu entschuldigen – eine Sprache, die damals durchaus üblich war – hätte er sagen sollen: „Tim, was du in dem Video siehst, ist ein junger Mann, der frisch vom Schlachtfeld zurückkommt. Ich trauerte tief um meine gefallenen und verstümmelten Kameraden. Ich steckte wie viele Soldaten in einem moralischen Konflikt über die zivilen Opfer des Krieges. Ich war wütend auf unsere Politiker, die uns in einen Krieg geschickt hatten, aus dem es kein Entkommen gab. Ähnliche Gefühle habe ich heute, wenn ich unsere jungen Männer und Frauen im Irak sterben sehe. Ich bin älter und hoffentlich auch weiser, und als Kandidat meiner Partei habe ich die Pflicht, meine Worte weniger drastisch zu wählen. Ich will eine Regierung, die gleichermaßen stark und weise ist – stark genug, um die notwendigen Opfer zu bringen und weise genug, um nicht unnötig mit dem Leben der jungen Soldaten zu spielen. Ich habe in das Gesicht der Schlacht geblickt, als es meine Pflicht war. Das wird aus mir einen Präsidenten machen, der die Kosten eines Konflikts versteht, und der versteht, wie wichtig es ist, ehrlich zu sein darüber, was wir wissen und was wir nicht wissen im Kampf gegen den Terror.“ Und so weiter, und so weiter. Kerry muss noch lernen, was Bush und sein Vize Dick Cheney perfekt beherrschen, wenn sie auf dem heißen Stuhl sitzen: Sie dominieren das Interview, auch wenn sie weder etwas zu sagen noch zu verkaufen haben.

Jetzt zum harten Teil – der Wirtschaft. In Amerika gibt es das bislang unfairste Steuersystem und das größte Gefälle zwischen Reich und Arm. Sogar ein richtiger Populist hätte Probleme, diese Dinge richtig anzugehen. Die Amerikaner stehen nicht über Kreuz mit den Gesetzen, die die Reichen schützen, weil sie denken, dass auch sie vielleicht davon profitieren könnten. Eine Massenillusion, natürlich, aber eine, die funktioniert, seit Ronald Reagan die Republikaner dazu brachte, ihr vieles Geld auszugeben, statt sich dafür zu entschuldigen. Kerry muss begreifen: Wenn eine Therapie unmöglich ist, muss der Doktor die Welt der Getäuschten entern.

Was bedeutet das für die Botschaft seiner Kampagne? Es heißt, dass er die gleichen Gefühle ansprechen muss, die die Wähler der Republikaner haben – Gier. Anstatt die sozialen Systeme abzudichten, sollte er über ein Rentensystem sprechen, das die Mittelklassewähler davon träumen lässt, eines Tages mittelreich zu sein. Kerry könnte zum Beispiel versprechen, jede Rente so sicher zu machen wie Cheneys Investition in Halliburton.

Diese Strategie wird nicht ohne die Vororte funktionieren. Ich bin kein Wirtschaftsexperte, aber die Gier wird das Volk die Demokraten wählen lassen, genauso wie es jetzt die Republikaner wählt. Vergiss das Hühnchen in jedem Topf. Es ist Zeit für ein Rentner-Mobile Home an jeder Straßenecke.

Sicherlich wird jemand in Kerrys Wahlkampftruppe einen Weg finden, ihn sagen zu lassen: „Das ist mein Plan, den Irak zu verlassen und gegen den Terror zu kämpfen“ und: „Das ist mein Plan, sicher zu stellen, dass niemand im Alter Armut leiden wird.“ Kerry muss sich darüber klar werden: Auch, wenn der Amtsinhaber wie Goofy aussieht und einfältig grinst, er wird gewinnen, bis Kerry etwas zu sagen hat. Um ein Botschafter zu sein, musst du eine Botschaft haben.

Übersetzt von Esther Kogelboom.

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