Zeitung Heute : Wo Treue sich lohnt

Alfons Frese

Die IG Metall vermittelt ihren Mitgliedern bessere Arbeitsbedingungen als nicht organisierten Arbeitern. Wenn das üblich würde, wäre das eine Schwächung des Flächentarifvertrags?

Was soll ich in einer Gewerkschaft? Und was gibt’s für meinen Mitgliedsbeitrag, der etwa ein Prozent des Bruttolohns ausmacht? Zu wenig, sagen sich viele. Allein die IG Metall hat seit dem Jahr 2000 mehr als 300000 Mitglieder verloren. Da liegt es nahe, über eine Bevorzugung von Arbeitnehmern nachzudenken, die der Gewerkschaft angehören. In Gummersbach hat die IG Metall eine Regelung getroffen, die für ihre Mitglieder ein paar tausend Euro im Jahr bringt. Wer nicht in der IG Metall ist, der kriegt auch nichts. Ist das in Ordnung?

Grundsätzlich funktioniert das deutsche Tarifsystem so: Eine Gewerkschaft und ein Arbeitgeberverband handeln für ihre Mitglieder einen Tarif aus. Die Firmen, die dem Arbeitgeberverband ange- hören, müssen ihren Leuten den Tarif zahlen. Ihren Leuten? Nur den Mitarbeitern, die auch Mitglied in der Gewerkschaft sind, die den Vertrag mit unterschrieben hat. Doch freiwillig zahlen die Firmen auch den Nicht-Gewerkschaftsmitgliedern den Tarif – damit alle Arbeitnehmer gleich behandelt werden und nicht alle der Gewerkschaft beitreten, um eine tarifliche Bezahlung zu bekommen.

In den Gewerkschaften wird immer mal wieder über die „Trittbrettfahrer“ geschimpft, die keine Gewerkschaftsbeiträge zahlen, sich schon gar nicht an Arbeitskämpfen beteiligen, und trotzdem in den Genuss des von den Gewerkschaftsmitgliedern erkämpften Tarifs kommen. Deshalb gab und gibt es Überlegungen, wie man den Mitgliedern Vergünstigungen zukommen lassen kann, damit sie auch weiterhin gern ihren Beitrag zahlen und gegebenenfalls in einem Tarifkonflikt zu kämpfen bereit sind. Jetzt hat die IG Metall in Nordrhein-Westfalen ein Dutzend einzelbetriebliche Verträge geschlossen, die für Mitglieder Sonderregelungen wie höheres Entgelt, mehr Urlaub, bessere Altersvorsorge oder höhere vermögenswirksame Leistungen vorsehen. Wenn nämlich ein Unternehmen die IG Metall um eine Abweichung vom Tarifvertrag bittet – meistens geht es um weniger Weihnachts- und Urlaubsgeld und längere Arbeitszeiten –, dann wird darüber verhandelt. Und in den vorliegenden Fällen hat sich die IG Metall eben nur auf eine Verschlechterung eingelassen, weil ihre Mitglieder nicht so viel abgeben müssen wie die Nichtmitglieder.

Macht das Schule? In der IG Metall wird noch diskutiert, die Arbeitgeber sehen den Gleichbehandlungsgrundsatz verletzt und Detlef Wetzel, IG-Metall-Chef in NRW, will den Flächentarif eigentlich schützen: „Wir wollen Abweichungen vom Tarif verhindern, und der Mitgliederbonus ist dabei eine Hürde für die Arbeitgeber“ – denn die müssten Unruhen unter der gespaltenen Belegschaft fürchten. Doch das Kalkül ist riskant. Der Arbeitgeber kann auch seinen Arbeitgeberverband verlassen und ist dann nicht mehr daran gebunden, was Verband und Gewerkschaft vereinbaren.

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