Zeitung Heute : Wo wechsle ich meine Linsen aus?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Ich muss regelmäßig meine Kontaktlinsen wechseln, weil sonst die Augen brennen. Dabei lagere ich zwischendurch die Kontaktlinsen auf der Zunge, beträufele sie mit Kontaklinsenflüssigkeit und setze sie wieder ein. Als ich das kürzlich während einer Besprechung machte, regte sich eine Kollegin auf, weil sie das unhygienisch und überhaupt ungehörig fand.

Wie lange gehen denn Ihre Besprechungen? Drei Stunden? Vier? Oder noch länger? Und was passiert, wenn man mal zur Toilette muss? Darf man sich kurz entschuldigen? Ihre Methode des Kontaktlinsenwechselns scheint mir mindestens originell zu sein, insofern mag es aus Ihrer Sicht verständlich sein, dass Sie da gern Publikum dabei haben. Warum muss man die Linsen überhaupt zwischenlagern? Würde es nicht reichen, die Hände mit einem Desinfektionstuch zu säubern, dann erst die eine rauszurupfen, zu beträufeln, wieder einzusetzen und genauso mit der nächsten vorzugehen? Okay, jeder hat seine eigene Art, mit so was umzugehen, und die soll ihm auch gestattet sein. Allerdings kann ich Ihre Kollegin sehr gut verstehen. Wenn in unserer Konferenz die Kollegen anfingen, mit ihren Linsen auf der Zunge zu jonglieren, würde ich das sicher auch unnötig exhibitionistisch und unappetitlich finden. Sie fühlen sich in Ihrem Körper wohl und finden nichts weiter dabei, eher etwas intime Handlungen in den Besprechungsraum zu verlegen. Ich würde trotzdem unbedingt dafür plädieren, sich an ein Waschbecken zurückzuziehen oder, wenn es gar nicht anders geht, die Linsen vorab zu wechseln. Egal, ob die Augen dann schon brennen oder nicht. Beim Handy lädt man den Akku ja auch auf Vorrat auf, damit er nicht im falschen Moment versagt.

Apropos Handy. Wenn man heute mal kurz raus muss, um was auch immer zu tun, braucht man gar nicht mehr einen notwendigen, aber vielleicht peinlich wirkenden Toilettengang vorzuschützen. Es reicht völlig aus, so zu tun, als habe der Vibrationsalarm einen superwichtigen Anruf annonciert. Schon hat man einen makellos karrierekompatiblen Grund, den Raum zu verlassen und die brennenden Augen einer wohltuenden Eigenspeichelbehandlung zu unterziehen.

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