Zeitung Heute : "Wochenshow on tour": Fast wie im Fernsehen - Pannen peppen Gewohntes auf

Tina Angerer

Die Erfurter Messehalle ist ein riesiges Sofa. Tausende von Menschen haben sich dort getroffen, um gemeinsam fernzusehen. Zwei große Leinwände sind die Glotze. Nach Werbeblock und Vorspann kommt Ingolf Lück auf die Bühne zwischen den MegaFernsehern und brüllt "Herzlich Willkommen zur Wochenshow in Erfurt". Das Fernsehen ist auf Tournee.

Eine richtige Bühnenshow soll es sein, mit Improvisationen und lokalen Bezügen. Auch Erfurt bekommt einen eigenen Gag - Ingolf mutmaßt, woran Goethe und Schiller in Weimar gestorben sind: an der Thüringer Rostbratwurst. "Jede Show wird ein bisschen anders sein" lautet das Versprechen von Wochenshow-Produzent Ralf Günther. Reicht da ein Bratwurst-Witz? Das Publikum johlt ohnehin genau dann, wenn alles ist, wie zu Hause.

Bastian Pastewka tänzelt in die rote Samt-Deko, stellt sich im hautengen schwarzen Shirt und mit abgespreizten Fingern auf und sagt sanft. "Hallo, liebe Liebenden". So muss es sein. Da kocht Erfurt. Auch wenn jeder die Geschichte von Briskos Pearcing an delikater Stelle schon mal gesehen hat. Den Song "Born to be wild" in tuntiger Brisko-Schneider-Manier durften die Fans schon im Dezember in "Briskos Jahrhundertshow" sehen. Und an Markus Maria Profitlich interessiert auch hier vor allem der dicke Bauch, den er mehrmals nackt zeigen darf, etwa als wimmernder Peter beim Strippen. Abgewandelt wird meist nur im Notfall. Nach dem obligatorischen Nachrichtenüberblick kann Ingolf seinen Spruch nicht aufsagen, weil er gerade beim Umziehen hinter der Bühne ist. Also zeigen die Bildschirme, was jetzt kommen muss: "Danke Anke!"

Die Klassiker werden diesmal musikalisch aufgepeppt, damit das Publikum was zum Mitklatschen hat. Markus Maria Profitlich gibt Tom Jones, Anke singt als Uschi einen Blues und Ingolf Lück ist Peter Maffay. Doch die Gesangseinlagen in der Live-Show sind längst nicht alle live. Erst als das Playback mal abstürzt, lässt sich Ingolf Lück zur Live-Improvisation herab. Und als Anke Engelkes Regine Hildebrand beim hektischen Bühnenauftritt die angeklebte Nase herunterfällt und Frau Hildebrand empört und wütend "Hey, meine Nase ist weg" plärrt, ahnt man, was eine Live-Show sein könnte. Doch Engelke ist meist vollauf damit beschäftigt, ihr Soll an Kult zu erfüllen. Bevor sie endgültig den Abgang aus der Wochenshow macht, muss sie auf Tour ihre Figuren verabschieden. Über eine halbe Stunde des insgesamt zweistündigen Programms verbringt sie deshalb als Ricky auf dem Pop-Sofa.

Da kommt leise das Bewusstein durch, dass die gesamte Show ohne Engelke von null anfangen muss, egal, wer die Nachfolge der einzigen Frau in der Crew antreten wird. Der Engelke-Abschied könnte denn vielleicht noch als Zugpferd für die verbleibenden Auftritte funktionieren. Das könnte man auch brauchen: Die Erfurter Messehalle ist längst nicht ausverkauft. Aus ursprünglich 13 angekündigten Auftritten sind acht geworden. Der schwerste steht am 4. Juni in der Berliner Waldbühne an. "Wir haben absichtlich ein bisschen größere Hallen und Bühnen gewählt, sonst wären wir sofort ausverkauft gewesen", rechtfertigt Produzent Ralf Günther. Ingolf Lücks Einschätzung klingt realistischer: "Berlin ist der schwierigste Markt. In die Waldbühne gehen richtig viele Leute rein. Und wenn es regnet, zahlt keiner siebzig Mark, um sich da hinzustellen." Da ist das Sofa dann doch bequemer.

Nach der letzten Nummer springen viele auf und wollen die Halle verlassen. Keiner ruft nach Zugabe, obwohl eine vorbereitet ist. Warum auch. Ist ja Fernsehen. Da kommt doch Werbung, und man zappt weg.

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