Zeitung Heute : Wölfe made in Oberlausitz

Der Tagesspiegel

Cottbus. In Tierparks gehören Wölfe zu den argwöhnisch beobachteten Tieren. Wenn sie ihre Zähne zeigen, zucken die meisten Besucher zurück. „Rotkäppchen-Syndrom“ nennen Experten diese ebenso unbegründete wie unlöschbare Angst vor den scheuen Tieren. Deshalb löst jede Meldung über vermehrtes Auftreten von Wölfen in freier Wildbahn Schrecken aus. Doch genau dies geschieht derzeit in Brandenburg, wenn auch nur in einer ganz bestimmten Gegend: dem östlichen Grenzgebiet zu Sachsen.

Der Ort für eine internationale Wolfskonferenz war kürzlich nicht zufällig an den Rand des Truppenübungsplatzes Oberlausitz in der Nähe der Gemeinde Weißkeisel gelegt worden. Hier gibt es schon seit zehn Jahren Spuren von Wölfen. Förster und Jäger erzählen hier immer wieder davon. Die Tiere schwimmen durch die Neiße oder überqueren bei einer Eisdecke den schmalen Fluss. Die eigentliche Sensation für die Fachleute aber war die Mitteilung des Bundesforstamtes, der Bundeswehr und des sächsischen Umweltministeriums über den ersten Nachwuchs bei einem Wolfspaar in Deutschland. „150 Jahre nach der Ausrottung des Wolfes in Deutschland ist diese Tierart nach Deutschland zurückgekehrt“, sagte Sachsens Umweltminister Steffen Flath. Dieser „Schatz“, wie er das Wolfsrudel bezeichnete, müsse pfleglich behandelt werden.

Schon im Herbst 2000 waren auf dem fast täglich genutzten Übungsplatz sechs Raubtiere gemeinsam beobachtet worden. Später fanden Waldarbeiter eine Höhle, in der die Jungen höchstwahrscheinlich zur Welt gekommen waren. Aus Furcht vor einem Ansturm von Neugierigen wurde die Nachricht nicht an die große Glocke gehängt. Auch jetzt mahnt die Brandenburger Biologin und Wolfsexpertin Gesa Kluth zum Abwarten: „Nichts tun und nur beobachten.“ Eine Ausstattung mit elektronischen Sendern komme nicht in Frage. Sie beschränkt sich darauf, die Wolfslosung - wie die Hinterlassenschaften der Tiere genannt werden - auf dem Übungsplatz einzusammeln. Auch so genannte Wolfsrisse, also Überbleibsel von verspeisten Frischlingen oder Rotwild, werden zur wissenschaftlichen Untersuchung in Plastikbeuteln mitgenommen.

Das Naturkundemuseum in Görlitz, wo die Proben landen, gab schon Entwarnung: Im Kot fanden sich keinerlei Hinweise auf die Tötung von Kaninchen und anderen Haustieren. Ohnehin halten sich Wölfe abseits von Siedlungen, sagt Imke Heyter vom Wildpark Schorfheide bei Groß Schönebeck. „Sie sind scheu, so dass von ihnen keinerlei Gefahr ausgeht.“ In ihrem Wildgehege lebt unter anderem der dreibeinige Wolf „Naum". Vor zweieinhalb Jahren war er in Ossendorf bei Eisenhüttenstadt eingefangen worden. Die Verletzung muss er sich in einer Falle in Polen oder bei einer anderen Gelegenheit zugezogen haben. Nach Angaben der Forschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft in Eberswalde wurden seit 1990 in Brandenburg rund 20 Wolfsbeobachtungen gemeldet. Meist Einzeltiere, die von Westpolen aus neues Terrain erkunden. Für ganze Rudel außerhalb des Truppenübungsplatzes gebe es keine Hinweise. In Brandenburg mit seinen ausgedehnten Naturgebieten könnte der Wolf gut überleben. Gefahr vom Menschen droht ihm nicht. Isegrim genießt Artenschutz. Claus-Dieter Steyer

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