Zeitung Heute : Wofür brauchten sie sein Leben?

Trank nicht, rauchte nicht, schuftete bloß. So kannte Ernst Jennrich junior seinen Vater. Unschuldig wurde der vor 50 Jahren in der DDR hingerichtet. Sein Schicksal war, am falschen Ort gewesen zu sein.

Ina Weisse[Magdeburg]

Er war schon auf dem Heimweg. Aber sein Heimweg führte ihn aufs Schafott. Am Nachmittag des 17. Juni 1953 radelt Ernst Jennrich gegen 16 Uhr 30 an der Volkspolizei-Kaserne am Magdeburger Draisweg vorbei. Der 42-Jährige kommt direkt von der Haftanstalt Sudenburg. Er ist einer der Letzten, der den Platz vor dem Zuchthaus verlassen hat, russische Soldaten waren angerückt und hatten das Feuer auf die Menge eröffnet. Drei Menschen kamen dabei um.

Richter: „Wo waren Sie, als die sowjetischen Panzer erschienen?“

Jennrich: „Herr Richter, ich war vor der Haftanstalt hier.“

Richter: „Was haben Sie gemacht, als die Panzer eintrafen?“

Jennrich: „Da hab ich nichts mehr gemacht.“

Seit 14 Uhr ist der Ausnahmezustand über die Stadt verhängt. Es herrscht Grabesstille. Wie überall in der DDR war der Ruf des Volkes „Nieder mit der SED“ durch Waffengewalt zum Schweigen gebracht worden. Aber die Vopos, die hier draußen am Stadtrand Posten schieben, wissen noch nicht, dass der Aufruhr schon niedergeschlagen ist.

Mag sein, dass die Euphorie der vergangenen Stunden noch in Jennrich nachhallt, der Hass, die Wut. Nie wurde geklärt, was er den Wachen vom Fahrrad aus ins Gesicht sagte. Hätte er doch bloß geschwiegen. Vielleicht wäre er seinem Schicksal entgangen. Ein unbedachter Moment nur, die Schattenlinie ist überschritten. Danach gibt es nichts mehr, was ihn hätte retten können.

Während des folgenden Disputes mit der Polizei wird er von einer Frau erkannt und seine Reden als angebliches Schuldgeständnis denunziert. Die Staatssicherheit weiß nun: Beim Versuch, die Sudenburg zu stürmen, ist der Jennrich jedenfalls dabei gewesen. Drei Polizisten wurden erschossen. In einem Schauprozess vor dem Magdeburger Bezirksgericht versucht man, ihm die Tötung des Hauptwachtmeisters Gaidzik unterzuschieben. Doch die Beweisaufnahme ergibt: Als die tödlichen Schüsse fielen, konnte Jennrich noch gar nicht am Tatort gewesen sein. Wegen solcher Lücken in dem Konstrukt reicht es am 26. August nur für ein „Lebenslänglich“. Sechs Wochen später in der Berufungsverhandlung vom 6. Oktober wird der Schuldspruch in ein Todesurteil verwandelt. Vom selben Gericht, ohne weitere Beweisaufnahme. Am 20. März 1954 kommt der Gärtner Ernst Jennrich, Arbeiterkind, Kriegsversehrter und Vater von vier Söhnen im Alter von 17, 14, 13 und 10 Jahren, unters Fallbeil, hingerichtet für eine Tat, die er nicht beging. Ein deutsches Leben, ein deutscher Tod.

Mangel, Angst und Eiferer

Als sie ihn in der Nacht zum 19.Juni um halb drei aus seiner Wohnung abholen, hat er kaum noch Zeit, seinen Kindern zuzuflüstern: „Euer Vater hat nichts Unrechtes getan.“ Wolfgang, der Älteste, und „ich waren noch wach und lagen zitternd in den Betten“, erzählt Jennrichs zweitjüngster Sohn, der wie sein Vater Ernst heißt. 50 Jahre ist es her, aber es kann einfach kein Vergessen geben „wenn der eigene Vater in Handschellen abgeholt wird, wie ein Verbrecher, und nie mehr wiederkehrt“. Wohin sie ihn schleppten? Keiner konnte es sagen. Was sie ihm antun würden? Man hatte das Schlimmste gehört. Wird er wiederkommen? Sie ahnten, es würde niemals sein.

Allen Anfeindungen und Erniedrigungen zum Trotz hat der Sohn immer an ihn geglaubt. Noch heute ist ihm anzumerken, wie verzweifelt er sich als Kind an den Satz geklammert haben muss: Mein Vater hat nichts getan. Denn so ist er ja aufgewachsen: mit der Schmach, in den Augen seiner Umwelt der Sohn eines Mörders zu sein. Als müsse er ihn immer noch gegen die furchtbare Anschuldigung in Schutz nehmen, beteuert er, er habe bestimmt keinen Grund gehabt, über den Vater zu klagen. Der war zuletzt als Gärtner in der LPG „Einheit“ angestellt. „Trank nicht, rauchte nicht“, schuftete bloß. „Wir hatten alles, Kleidung, immer satt zu essen.“ Darauf kam es damals an. Dafür wird er ihm immer dankbar sein.

Richter: „Sie haben es nicht mal für nötig befunden, eine Tageszeitung zu lesen.“

Jennrich: „Ich lese die Tageszeitung, Herr Richter. Ich muss aber wiederholen: Ich habe nicht viel Zeit, weil ich immer gearbeitet habe.“

Richter: „Das sind alles keine Einlassungen dafür. Wir haben bestimmt auch keine Zeit. Aber mir mal die Leitartikel in der Zeitung anzusehen, dafür ist immer Zeit.“

Jennrich: „Ich habe aber noch siebeneinhalb Morgen Pachtacker nebenher bearbeitet.“

Richter: „Angeklagter, dann sind Sie bestimmt nicht derjenige gewesen, der nichts auf den Tisch zu bringen hatte.“

Jennrich: „Darum, weil ich dieses nicht konnte, mir was kaufen, habe ich mir zusätzlich diese Lebensmittel zum nötigsten Falle selbst erzeugt.“

Die Familie lebte im Nordwesten von Magdeburg in der Junkers-Siedlung. Es gab genug Nachbarn, die weniger hatten. Missgunst und Neid gediehen in dem Klima von Mangel, Angst und kommunistischem Eiferertum. Einige gingen soweit, den Vater zu denunzieren, nimmt der Sohn an. Dieselben, die später für die Mutter mit den zwei jüngsten Söhnen, ihn und Klaus, kein gutes Wort hatten, „kein Mitleid, nur eisiges Schweigen“. Aus der Dokumentation der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Brief mit dem Stempel „geöffnet am 23.11.53“: „An die Geheime Staatspolizei: Der Jennrich ist ein alter bewusster Nazi. Wir sind Ihnen dankbar, dass sie uns dieses Element aus den Augen schaffen und fordern strengste Bestrafung.“ Am Tag seiner Verurteilung schrieb das „Neue Deutschland“: „Der Faschist Jennrich erhielt seine gerechte Strafe. Die Werktätigen der DDR wenden sich voll Abscheu von diesen Mordbanditen und Drahtziehern des 17. Junis ab.“

Ernst Jennrich war kein Aufrührer. Er wollte nicht mal einer sein. Man muss sich ihn als einfachen Arbeiter denken, dessen Redlichkeit zu seiner persönlichen Tragödie wurde. Wie so viele andere muss er naiv an ein Grundrecht auf Streik und Beteiligung am 17. Juni geglaubt haben.

Richter: „Ja hatten Sie denn auch einen Grund zu streiken? Wollten Sie auch streiken?“

Jennrich: „Ich… bin ein Mensch, der zur Masse gehört als Arbeiter.“

Richter: „Also nun sagen sie mir weiter entscheidende Fehler unserer Regierung, die sie bewogen haben, auf die Straße zu gehen, Angeklagter Jennrich.“

Jennrich: „Ich habe das mitgemacht, was die Masse gemacht hat.“

Mitgerissen von der kurzen rauschhaften Utopie des 17. Juni. Die Forderung nach Freiheit und Gerechtigkeit richtete sich gegen die neuen Machthaber, die im Namen der Arbeiter die Arbeiterschicht verrieten.

Die Sprache der Unmenschen ist exakt protokolliert in Rundfunkaufzeichnungen, die damals zu Propagandazwecken von spektakulären Prozessen mitgeschnitten wurden. Ziel derartiger Inszenierungen war die Vernichtung eines Menschen durch die Auslöschung seiner Persönlichkeit. Wer jemals diese Stimmen hörte, der wird sie nicht mehr los. Die demütige Stimme Jennrichs, der sich – durch Vorhaltungen und Unterstellungen in die Enge getrieben – verzweifelt, unbeholfen versucht zu verteidigen. Eiskalt der geifernde Ton des Richters Sieber.

Jennrich: „Herr Richter, ich muss Ihnen da sagen: Ich habe da verkehrt gehandelt. Ich hatte nicht die Überlegung dazu.“

Richter: „Ja liegt denn das an der Schulung? Wenn nur geschulte Menschen in der Lage wären zu erkennen, was gut ist und was böse ist, dann sähe es traurig aus.“

Jennrich: „Es mag sein, dass ich mich in meinen Aussagen nicht so ausdrücken kann wie ein anderer Mensch, wie ich vielleicht gerne möchte, aber ich kann den Sinn nicht fassen.“

Gleich neben der Wahrheit ist die Lüge am glaubhaftesten. Nach dieser Regel arbeitet die SED-Propagandamaschinerie. Tatsächlich hatte sich Jennrich während der Kämpfe um das Zuchthaus Sudenburg in einer Weise verhalten, die ihn zum Opfer der Rachejustiz prädestinierte.

Von der Menge der Demonstranten – um die Mittagszeit waren in Magdeburg bis zu 400000 Menschen auf den Straßen – eingesogen in die Auseinandersetzungen vor der Sudenburg, hatte er plötzlich einen Karabiner in der Hand. Bis zum bitteren Ende wird er beteuern, er habe gezwungenermaßen einmal in die Luft geschossen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.

Richter: „Was ist weiter passiert?“

Jennrich: „Ich wollte nicht, dass geschossen wird, da schrie die Menge: ‚Nein? Dann schieß du!’ Da habe ich mich durchgerungen und gesagt: ‚Na du gibst’n Schuss ab.’“

An zwei Prozesstagen mit Aufbietung von zehn Zeugen versucht die Anklage zu beweisen, dass er es war, der dem Volkspolizisten Gaidzik gezielt eine tödliche Kugel in den Kopf schoss. Doch die Aussagen ergeben ein anderes Bild: Gaidzik starb gegen 11 Uhr vormittags. Da war Jennrich noch gar nicht am Tatort, sondern noch von der Möbelfabrik in der Lübecker Straße – wo seine Frau arbeitete – in Richtung Stadtmitte unterwegs. Eingekeilt zwischen den Demonstranten, sein Fahrrad schob er mit.

Staatsanwalt: „Er hat diesen Menschen getötet, weil dieser das Ehrenkleid der Volkspolizei trug. Der Mensch Gaidzik interessierte ihn gar nicht. Die Gesellschaft muss vor dieser Person und seinen Verbrechen für alle Zeit geschützt werden. Aus diesem Grunde beantrage ich die gesetzmäßig zulässige Todesstrafe.“ Herzzerreißende Schreie, Tumult. Die Angehörigen werden auf Anweisung des Richters aus dem Gerichtssaal entfernt. „Else“, ruft Jennrich seiner Frau flehentlich nach.

Die beiden haben sich nur noch einmal wiedergesehen. Das war am 6.Oktober 1953 an der Halberstädter Straße im Gerichtssaal Nummer fünf. Die SED brauchte Schuldige. Auf Betreiben der berüchtigten Justiz-Ministerin Hilde Benjamin wird das Todesurteil ausgesprochen.

„Vertraulich. Lieber Genosse Spank… Wir sind der Ansicht, dass bei Jennrich Todesstrafe angemessen ist. Mit sozialistischem Gruß. Hilde Benjamin.“

Der Prozess dauerte keine 15 Minuten. „Der Angeklagte hat die Kosten des Verfahrens zu tragen.“ Bei einem Schöffen regt sich das Gewissen. Er legt Widerspruch ein. Seine Unterschrift unter dem Urteil fehlt.

Drei Wünsche

Bis zu dessen Verkündung musste Ernst Jennrich in einer Arrestzelle warten. Sie ist im Magdeburger Gerichtsgebäude erhalten, einen Quadratmeter groß. Ohne Licht, nur ein Stuhl steht drin. Der Angeklagte musste sich setzen. Entsetzlich das Krachen, wenn die Tür zu fliegt. Man glaubt für immer. Durch das Guckloch fließt ein winziger Strahl weißes Licht. Als Jennrich aus der Dunkelheit an den aufgeputschten Zuschauern vorbei in den Gerichtssaal zurückgeführt wurde, konnte er nichts sehen, die Helligkeit blendete ihn.

Im November stellt Jennrich ein Gnadengesuch an den Präsidenten der Deutschen Demokratischen Republik. Auf fast sieben Seiten schreibt er in ungelenker Sütterlinschrift um sein Leben, bleibt dabei, dass er noch nie, auch nicht als Soldat, einen Menschen getötet habe, „noch weniger, dass ich auf meine Arbeiter schieße“. Er schließt mit dem erbarmungswürdigen Satz: „Ich der Ihnen um Gnade bittende Gärtner Ernst Jennrich“. Präsident Wilhelm Pieck lehnt am 8. Februar 1954 endgültig ab.

Über seine letzten Stunden in der Dresdener Todeszelle weiß man wenig. Nach dem Formblatt für Vollzugsprotokolle „wurde dem Angeklagten eröffnet, dass… das gegen ihn… verkündete Todesurteil um 4.30 Uhr am 20.3.54 vollstreckt werde.“ Er wird nach seinen Wünschen befragt. „Der Verurteilte bat um Zigaretten, Schreibpapier und etwas zu Trinken.“ Dann der Gang zur Richtstätte, festgehalten in den dürren Worten einer eiskalt arbeitenden Justizmaschinerie. „Um (Angabe der Uhrzeit fehlt) wurde der Ernst Jennrich… vorgeführt. Der Staatsanwalt stellte die Personalien des Vorgeführten Ernst Jennrich fest, die der Verurteilte Ernst Jennrich bestätigte. Darauf wies der Staatsanwalt den Scharfrichter an, seines Amtes zu walten. Verkündung dauerte 6 Sekunden. Der Scharfrichter vollstreckte das Todesurteil gegen den Verurteilten Ernst Jennrich um 4 Uhr. Der Akt dauerte 5 Sekunden.“ Der Totenschein, ausgestellt in Dresden am 20. März, kam mit der Post. Diagnose „Herzversagen und Pneumonie“.

Bleierne Zeit. Der Vater war für immer fort, der Familie blieb die Verzweiflung und die nackte Not. Die Mutter kam mit ihren beiden Jüngsten in eine Einraumwohnung nach Magdeburg-Neustadt. Else Jennrich lebte weiter, aber ihr Leben war vorbei. Der Sohn hat angekämpft gegen die Leerstellen im Bewusstsein. „Ich habe immer nach dem Vater gesucht.“ Lange Zeit besaß er nicht mal ein persönliches Foto, nur das „Verbrecherfoto“, wie Ernst Jennrich das nennt, das damals überall in den Zeitungen zu sehen war. Es zeigt einen Mann mit erloschenem Blick, der sich aufgegeben hat.

Ein Hinweis in roter Tinte

1958 lernte der junge Ernst Jennrich seine jetzige Frau Bärbel kennen. „Ich war froh, dass sie einen wie mich überhaupt zum Freund nahm“, sagt er und lächelt ihr innig zu. 1959 fuhren sie nach Dresden. Ein Bekannter hatte ihnen erzählt, was damals Staatsgeheimnis war: Wer von den Politischen nach Dresden kam, wurde hingerichtet, eingeäschert und auf dem Friedhof Tolkewitz namenlos verscharrt. „Der Friedhofsgärtner führte uns hin und verschwand. Er hatte wohl Mitleid mit uns, weil wir so jung waren.“ Es muss ein Schock für den 19-Jährigen gewesen sein, als er vor dem Gräberfeld stand. Eine kleine Grasfläche, so einsam, so verlassen, wie die Toten. In Reihe C, Feld III war die Urne mit der Einäscherungsnummer 135286 am 11.2.57 beigesetzt worden. Erst heute kann das mit sauberer Tintenschrift geführte Buch der Sammelbeisetzungen eingesehen werden. Jennrich trägt die Nummer 410, verstorben an Pneumonie, in roter Tinte ist der Zusatz „PO“ (polizeiliche Zuführung) beigefügt.

Niemand kann aus dem Schatten der Geschichte treten. Das Urteil wird am 20.August 1991 aufgehoben, Ernst Jennrich posthum rehabilitiert. Hätte er nicht zum Helden erklärt werden müssen, als die Wende kam? In den Augen seiner Kinder hätte es nichts mehr genützt.

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