Zeitung Heute : Wohin mit dem Geschenk?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Ich habe zum Geburtstag ein selbst gemaltes Bild bekommen, das ich aber nicht aufhängen möchte, weil es meinem Geschmack nicht entspricht. Weitere Gaben dieser Art wurden mir schon angedroht. Wie kann ich ohne Verletzung klar machen, dass ich das Bild los werden möchte und keine weiteren Kunstwerke wünsche?

Wenn Sie ziemlich sicher sein können, dass der Schenkende Ihre Wohnung in den nächsten Jahren nicht betritt, dann können Sie es ja einfach stillschweigend entsorgen. Ansonsten stehen Sie vor einem kniffeligen Problem. Darf ich an dieser Stelle mal einen kleinen Aufruf an alle Hobbymaler und sonstigen Bilderverschenker los werden: Bitte erwarten Sie nie, dass Ihre Gaben tatsächlich aufgehängt werden. Feiern Sie es als Erfolg, wenn es so ist, aber bedenken Sie 1001 Gründe, die dagegen sprechen könnten.

Hier nur drei davon: 1. Es hängen schon genug Bilder an den Wänden. 2. Das Bild passt stilistisch oder farblich nicht zur Wohnung. Jedenfalls nicht in den Augen des Beschenkten, und das reicht. 3. Ihr Bild gefällt dem Schenkenden sogar, aber nicht so, dass er es jeden Tag anschauen möchte. Wenn Sie Anlass sehen, den Schenkenden besonders vorsichtig zu behandeln, erfinden Sie doch einfach einen Bekannten, in dessen Wohnung das Bild genau passen würde und deuten an, dass Sie es am liebsten weiterreichen möchten, damit es einen würdigen Rahmen bekommt. Oder sagen Sie, dass es Ihnen gut gefällt, aber leider nicht ins Kunstkonzept Ihrer Wohnungseinrichtung passt, und dass Sie es deshalb in Ehren halten, aber lieber nicht aufhängen möchten, damit die Harmonie des Gesamteindrucks nicht verloren geht. Dieses Argument hat mich selber mal wirksam darüber hinweggetröstet, das Falsche für einen eigentlich vertrauten Menschen ausgesucht zu haben. Natürlich fand ich meine Wahl supergeschmackvoll, weiß aber auch, dass sich über Geschmack eben nicht streiten lässt. Bei Licht betrachtet ist es doch ganz schön vermessen, wenn man davon ausgeht, mit einem selbst gemalten oder selbst ausgesuchten Bild nun unbedingt im Wohnzimmer der Freunde landen zu müssen.

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