Zeitung Heute : Wohin mit den Kleidern?

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Muss ich, wenn ich in einem Kaufhaus Kleidung anprobiere, danach alles wieder dorthin zurückhängen, wo ich es eingesammelt habe? Genügt es nicht einfach, die Sachen hinterher vor der Kabine abzulegen? Zu unhöflichen Verkäufern, die mich deshalb anpfeifen, sage ich: „Arbeiten Sie hier oder ich?“ Auch nicht sehr höflich, ich weiß.

Es ist wirklich ein Skandal, mit wie wenig Verkaufspersonal viele Häuser inzwischen auszukommen meinen. Da ist es durchaus verständlich, wenn Sie sauer sind, sobald eine Verkäuferin Sie zum Aufräumen auffordert. Leider richtet sich Ihr Zorn an die falsche Adresse. Denn aufgrund der überzogenen Personalsparmaßnahmen in Bekleidungsgeschäften sind die verbleibenden Verkäuferinnen oft völlig überlastet. Mich ärgert es auch, wenn ich bereit bin, viel Geld auszugeben und dann auch noch für Hilfsarbeiten angestellt werde.

Trotzdem sollte man den Ärger nicht an den Verkäuferinnen auslassen. Wenn es die Zeit irgend erlaubt, kann man die Sachen schließlich auch zurückhängen. Besser wäre es, Geschäfte mit zu wenig Personal einfach zu meiden und Klamottenkäufe, zum Beispiel während eines Urlaubs, in einem konsumentenfreundlicheren Land zu erledigen. Ich habe schon mehr als einmal auf ein eigentlich schönes Kleidungsstück verzichtet, weil ich nicht bereit bin, vor einer Kasse lange Schlange zu stehen.

Ein Einkauf muss ein Rundum-Luxus-Genuss sein, es ist ja in aller Regel nicht so, dass man nicht bereits ein paar Alternativen im Kleiderschrank hängen hätte. Zum gelungenen Shopping gehört auch, dass man sich nicht Alltagsarbeiten aussetzen muss, die man zu Hause oft genug zu erledigen hat. Unternehmen, die denken, sie könnten ihre Kunden als billige Hilfskräfte einsetzen, sollte man schlicht boykottieren. Unter anderem an dieser Stelle zeigt sich, wie widersinnig es ist, dass so viele Menschen arbeitslos sind, obwohl doch Arbeit vorhanden wäre. Menschliche Ansprache und Assistenz wird hierzulande immer mehr zum Luxusgut verknappt. Das ist überaus traurig und müsste dringend geändert werden. Aber eben nicht von den Verkäuferinnen selber.

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