Zeitung Heute : Wohl fühlen ohne Schuhkartons

Der Tagesspiegel

Die Gesellschaft Historisches Berlin (GHB) hat nicht nur einen neuen Vorsitzenden, sondern auch ein neues Domizil: Im Prinzessinnenpalais, unter einem Dach mit dem Operncafé und seiner neuen Bar. „Hier treffen wir uns regelmäßig zu unseren Vorträgen und Diskussionsabenden“, sagt Holger Heiken, der Neue an der Spitze. Der Mann macht einen bescheidenen, aber zielstrebigen Eindruck und setzt den Gast in Erstaunen. Heiken, der einer Gesellschaft vorsteht, die das Schloss zurückhaben möchte, koste es, was es wolle, outet sich als Fan moderner Architektur. Er kommt aus Nassau und ist weder Denkmalpfleger noch Historiker, sondern Kriminaloberkommissar beim Landeskriminalamt. Als er 1997 nach Berlin kam, war er vom Zustand der Stadt „regelrecht schockiert“: Die Abrisswut und die Architektur der 60-er und 70-er Jahre haben etwas Desolates hinterlassen, die Bausubstanz war schlecht, und mancher Neubau nach Art eines Schuhkartons führte bei dem Hobby-Fotografen zu tiefer Unzufriedenheit.

In der Gesellschaft, die vor elf Jahren gegründet worden war, fand Holger Heiken Leute, mit deren Gedanken er sich anfreunden konnte. Heute zählt die Gesellschaft 1850 Mitglieder, davon 297 Architekten. „In der GHB sind Menschen, die für eine Stadt eintreten, die ihre Werte zu schätzen weiß“. Das schließt eine menschenfreundliche moderne Architektur mit ein, wenn sie für sich keinen Ausschließlichkeitsanspruch erhebt. Und was, bitte, lassen die Historien-Freunde als gute Architektur gelten? Heiken nennt das Kollhoff-Haus am Potsdamer Platz (Anklang an traditionelles Bauen) und die Neuen Hackeschen Höfe (kleinteilig, vielseitig, mit eigenem Gesicht).

Bei den wöchentlichen Veranstaltungen Dienstagabend kommen 65 Prozent aus dem Westteil. Die GHB sei ein Ort der Aufklärung über geplante Baumaßnahmen und organisatorischer Rahmen bürgerlicher Beteiligung, sagt Holger Heiken: „Viele Berliner sehen uns als Sprachrohr für ihre Interessen“. Und nicht nur die Einheimischen: Ein Nachfahr des Grafen Yorck von Wartenberg meldete sich kürzlich aus Hawaii, eine Berliner Historiographin möchte Mitglied werden, wiewohl sie auf Tenneriffa lebt. Heimatschmerz.

Was die Gesellschaft fordert, steht in einem „Zehn-Punkte-Plan“, mit dem der Regierende Bürgermeister daran erinnert werden soll, „bei der Umsetzung der Koalitionsvereinbarungen die historische Mitte nicht zu vergessen.“ An erster Stelle: die Wiederherstellung des Forum Fridericianum, mit Schloss, und aller Denkmäler, so auch die von Bülow und Scharnhorst neben der Neuen Wache und dem Freiherrn vom Stein unter den „Linden“. Zur Finanzierung der Bauakademie werden „phantasievolle Aktionen zur Gewinnung privater Gelder“ gefordert. Das Schadow-Haus sollte vor dem Verfall gerettet, der Gendarmenmarkt von rummelartigen „Events“ befreit werden. Überhaupt: Wenn sich die Menschen in der Stadtmitte wohl fühlen sollen, „dann nicht zwischen monotonen Rasterfassaden aus Stahl, Glas und Sichtbeton, sondern durch kleinteilige Bebauung.“ Und für Lustgarten und Museumsinsel fordern die Berlin-Historiker „mehr Mut zur Verspieltheit und Schönheit“.

Der Vorsitzende ist ein optimistischer Mensch. Er sagt Ja zu Erneuerung und Erhaltung des Alten und zu neuen Formen, wenn sie sich ins Schöne fügen. Ein Spagat? Je realistischer die Wünsche der Gesellschaft, desto größer ihr Einfluss und ihr Ansehen. Zum Schloss sagt der Vorsitzende: „Ich habe nichts gegen den Palast, sondern eine andere Idee für diesen Platz, und es wäre schön, wenn sich die Palast-Verteidiger auch bei uns sehen ließen...“ Lothar Heinke

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