Zeitung Heute : Wohlstand jenseits des Einkommens

Der „Capabilities“-Ansatz in Bildungs- und Gesundheitswesen bewertet Teilhabe an der Gesellschaft

Justin Powell Rolf Rosenbrock
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Hilfe für Finn. Der stark sehbehinderte Junge kann mit Hilfe eines Bildschirm-Lesegerätes mit angeschhlossener Kamera problemlos...

Würde sich der Wohlstand einer Gesellschaft am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bemessen, hätte das Emirat Katar international die Nase vorn, gefolgt von Luxemburg und Norwegen. Rang vier würde das Sultanat Brunei auf der Insel Borneo belegen, wo seit 1988 Parteien verboten sind und der Sultan per Dekret regiert.

Ganz so einfach sollte man es sich mit der Wohlstandsmessung nicht machen. Um den Reichtum einer Gesellschaft vergleichend zu beurteilen, bedarf es weiterer Kriterien. Die Suche nach dem guten Leben beschäftigt Philosophen seit Platon und Aristoteles. Auch heute mangelt es unter Sozialwissenschaftlern nicht an Theorien der Gerechtigkeit. Der Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen und die Rechtsphilosophin und diesjährige A.SK-Preisträgerin Martha Nussbaum haben einen ganz eigenen Maßstab entwickelt, um den Zustand eines Gemeinwesens zu prüfen – weit über ökonomische Kennzahlen hinaus. Kann ein Mensch ein Leben führen, für das er sich aus guten Gründen entschieden hat und das seine Selbstachtung garantiert, fragen sie. Kann er sich bilden, arbeiten und politisch engagieren? Hat er Zugang zum Gesundheitssystem? Steht ihm angemessener Wohnraum zu Verfügung? Verwirklichungschancen (capabilities) haben Sen und Nussbaum ihren Ansatz genannt. Dahinter steckt eine zweifache Annahme: Der Einzelne ist seines Glückes Schmied, aber sein Leben gelingt nur in dem Maße, wie die Gesellschaft ihn dabei unterstützt.

Ob der Einzelne seine Potenziale nutzen und ein selbstbestimmtes Leben führen kann, hängt also entscheidend von den gesellschaftlichen Bedingungen ab. Diese umfassende Sichtweise wird gegenwärtig in vielen Wissenschaftsdisziplinen, aber auch in der Politik, aufgenommen. Dabei zeigt sich, dass Verwirklichungschancen noch immer ungleich verteilt sind. Auch das am 1. Januar 2009 in Kraft getretene Übereinkommen über die Rechte behinderter Menschen der Vereinten Nationen (Behindertenrechtskonvention) zielt auf die Verbesserung von Verwirklichungschancen: Die 8,6 Millionen behinderten Menschen in Deutschland sollen umfassend in ihrer selbstbestimmten Teilhabe an Gesundheit, Bildung und Arbeit unterstützt werden. Die Konvention fordert unter anderem, schulische Bildung möglichst inklusiv zu gestalten. Inklusiv heißt: Alle Kinder, ob behindert oder nicht, werden gemeinsam unterrichtet. Um solche Teilhabe auch behinderter Kinder in Kindergärten und Schulen zu ermöglichen, müssen diese umgestaltet werden.

Doch behinderte Schüler oder Kinder mit Lernproblemen werden in Deutschland vorwiegend an Sonderschulen unterrichtet. Im Schuljahr 2007/2008 lernten 82 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an einer solchen Einrichtung. Trotz des guten Willens und der Kompetenzen sonderpädagogischer Lehrer grenzt die Sonderschule aus und hält den dort unterrichteten Kindern und Jugendlichen Verwirklichungschancen vor. Statt zu Bildungserfolgen führt das deutsche Sonderschulwesen zu Bildungsmisserfolgen: 80 Prozent der Abgänger erhalten keinen qualifizierenden Schulabschluss. Dies wirkt stigmatisierend, reduziert ihre individuellen Entfaltungsmöglichkeiten und nimmt ihnen Chancen – am Arbeitsmarkt und langfristig auf gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe. Deshalb steht das deutsche Sonderschulwesen in der nationalen und internationalen Kritik.

Die Behindertenrechtskonvention richtet sich in radikaler Weise auf die Öffnung und Anpassung von Strukturen – die eine Seite der Verwirklichungschancen. Die andere Seite besteht darin, Menschen anzuregen und zu befähigen, Teilhabechancen auch zu nutzen. Dieser Herausforderung widmen sich in Theorie und Praxis neuere Ansätze der Prävention und Gesundheitsförderung, insbesondere für sozial benachteiligte Menschen. Solche Projekte binden die Betroffenen aktiv und in der persönlichen Umgebung ein, also dort, wo die Menschen leben, arbeiten oder ihre Freizeit verbringen. Prävention beginnt im Alltag.

Das Quartiersmanagement in einem sozialen Brennpunkt ist dafür ein gutes Beispiel. Hier bestimmen Anwohner, Mieter, Gewerbetreibende und Nutzer gemeinsam, welche Regeln im Zusammenleben gelten sollen und für welche Projekte das Budget ausgegeben werden soll. Mit professioneller Moderation kommen zunächst meist elementare Konflikte zur Sprache: Eltern brauchen für ihre Kinder einen Spielplatz ohne Drogenspritzen und Hundekot; Ältere würden gerne Hilfe bei Schularbeiten leisten, brauchen dazu aber logistische Unterstützung und einen Raum; Jugendliche wollen Fahrräder und Skateboards reparieren und suchen dafür Platz und Ausrüstung; die Ladenbesitzer wollen nicht, dass ihre Kunden von Trinkern behelligt werden; das Bürgerbüro mit Sozial- und Schuldnerberatung ist schwer erreichbar; Lehrer klagen darüber, dass viele Schüler ohne Frühstück zum Unterricht kommen. Durch die – überraschend oft erfolgreiche – Suche nach Lösungen lernen die Beteiligten sich nicht nur (besser) kennen. Vielmehr erleben sie auch, dass sie ihre Umwelt nach eigenen Bedürfnissen verändern können. Das macht Mut zu mehr. Resignative Lethargie wird überwunden – die Umwelt wird (wieder) als gestaltbar erlebt.

Das Konzept der Verwirklichungschancen zeigt einen Weg zu mehr Chancengleichheit für ein langes, erfülltes und gesundes Leben – insbesondere für sozial Benachteiligte. Mit den skizzierten Ansätzen kann freilich die ungleiche Teilhabe an den materiellen und kulturellen Möglichkeiten der Gesellschaft nur zum Teil kompensiert werden. Politische Kraft kann das Konzept in dem Maße entwickeln, wie immer mehr Menschen ihre Chancen auf Verwirklichung nachdrücklich und auch gegen Widerstand einfordern, bei uns – und vielleicht auch in Katar und Brunei.

Rolf Rosenbrock leitet die Forschungsgruppe Public Health. Justin Powell ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung „Ausbildung und Arbeitsmarkt"

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