Zeitung Heute : Wohltat oder Wucher?

Billige Arznei ist nun viel teurer – doch gespart wird trotzdem

Rainer Woratschka

Gegen die Gesundheitsreform helfen, so könnte man meinen, Beruhigungsmittel. Doch bei deren Kauf dürfte der Adrenalinspiegel des Kunden noch mal so richtig explodieren. 80 Cent kostete das Medikament Diazepam ratio im vergangenen Jahr. Jetzt möchte der Apotheker dafür 9,86 Euro. Mehr als das Zwölffache! Das sei „durch nichts zu rechtfertigen“, schimpft der Bonner Rechtsanwalt Raimund Wimmer. Von seinem Apotheker ließ er sich wutentbrannt eine Liste der zehn extremsten Kostensteigerungen geben und erstattete Anzeige wegen des „Verdachts des Wuchers bei der Preisgestaltung“. Gegen unbekannt, weil – wie er sagt – der Verursacher dieser „Unglaublichkeit“ für ihn nicht so ohne weiteres feststellbar ist.

Die Bonner Staatsanwaltschaft muss das nun natürlich prüfen. Doch über Ermittlungen, womöglich gegen die Bundesregierung, hat sie, anders als das Magazin „Focus“ vorschnell meldete, noch nicht entschieden. Und Ulla Schmidts Gesundheitsministerium gibt sich gelassen. Der Klage werde keine Chance eingeräumt, heißt es. Schließlich würden die Arzneimittel durch die Reform insgesamt nicht teurer, sondern billiger.

Dies bestätigt sogar das gewöhnlich kritische „arznei-telegramm“. Man könne nicht die Preissteigerungen für billige Medikamente als Wucher bezeichnen und die Preissenkungen für die teuren ignorieren, sagt Geschäftsführer Wolfgang Becker-Brüser. Es handle sich nun mal um eine „Mischkalkulation“. Konkret sieht das nach Ministeriumszahlen so aus: Für Arzneimittel mit einem Gesamtumsatz von 17 Milliarden Euro sinken die Preise, für Medikamente mit einem Gesamtumsatz von einer Milliarde steigen sie.

Preissystem steht auf dem Kopf

Ursache dafür ist nach den Worten von Dieter Paffrath, Mitherausgeber des jährlichen Arzneimittelreports und AOK-Vorstandsvize in Schleswig-Holstein, ein „Strukturbruch“ bei der Preisgestaltung. Die neue Preisspannenverordnung habe alles „auf den Kopf gestellt“. So sei der prozentuale Zuschlag, der beim Arznei-Verkauf an die Apotheker geht, durch die Reform nur noch „ein Schatten dessen, was er früher war“. Statt früher bei 25 bis 60 Prozent, liegt er jetzt einheitlich bei drei Prozent. Dafür kassiert die Apotheke pro Medikament einen ebenfalls einheitlichen Aufschlag von 8,10 Euro. Dies verteuert zwar manches Billigpräparat gewaltig, macht aber im Ganzen aus der Sicht des Gesetzgebers durchaus Sinn. Schließlich könnte es, so Paffrath, „die Neigung der Apotheker, möglichst teure Arzneimittel abzugeben, verringern“.

Natürlich bleibe bei Apothekern, die etwa Ärzte mit vielen Aidsfällen in der Nachbarschaft haben, nun deutlich weniger hängen als früher, sagt Becker-Brüser. Dafür profitierten die in der Nähe von Augen- oder Kinderärzten, die eher kostengünstige Arznei verschreiben. Hermann Keller, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes, jedenfalls nennt die Wucheranzeige „völlig haltlos“. Durch das neue Preissystem würden die Kassen pro Jahr um 500 Millionen Euro entlastet. Außerdem mache es innovative Arzneimittel deutlich billiger. Dies ermögliche es den Ärzten, verstärkt auch neue und wirksame Medikamente einzusetzen – was wiederum den Patienten zugute komme.

Rechtsanwalt Wimmer will all dies jedoch nicht einleuchten. Das Argument der Mischkalkulation verkenne, dass von der neuen Preisvorschrift auch zahlreiche Selbstzahler betroffen sind, sagt er dem Tagesspiegel. „Im Freiverkauf gibt es aber kein Solidarprinzip“, sagt er. „Wenn ich ein Schmerzmittel brauche und dafür das Zehnfache bezahlen muss wie vorher, nützt es mir nichts, dass im Gegenzug ein Aids-Medikament billiger geworden ist. Das brauche ich nicht, und das will ich auch nicht mitfinanzieren.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar