Wohnen : Ab ins Bad!

Schockierend: Die Deutschen meiden ihr Badezimmer. Dabei beschwören Designer es als neue Wellness-Oase. Zwischen Wunsch und Realität: Ein Report aus der Nasszelle.

Badezimmer sollen zu Wohlfühlzonen werden.
Badezimmer sollen zu Wohlfühlzonen werden.Foto: picture-alliance/ gms

Neulich zu Besuch bei Freunden in Berlin-Mitte. Der Gastgeber bittet ins Bad. Also in einen offenen Raum, in dem sich ein Doppelbett befindet und gegenüber eine riesige Badewanne – freistehend, auf einem kleinen Podest. Der Herr des Hauses verschwindet, um Kaffee zu machen, wir stehen so lange etwas verloren zwischen Bett und Badewanne und gucken uns um. Von der Wanne geht es auf die Terrasse, links davon ist eine Dusche. Aber was heißt in dem Fall Dusche: Es ist ein Kunstwerk aus Mosaikfliesen und Glas, darüber eine Brause, mehr Bewässerungsanlage als Duschkopf. Wohnküche war gestern. Der neue Aufenthaltsraum ist das Bad. Beziehungsweise der Salon d’Eau, wie die Designer dazu sagen.

Seit einiger Zeit geht das ja schon so. In den Badezimmern von Freunden liegen nicht mehr nur verschmuddelte „New Yorker“-Ausgaben oder die Bierflaschen im kalten Wasser. Sondern man steht plötzlich vor Bücherregalen und Blumenkübeln, einmal war da sogar eine Chaiselongue mit rotem Samt bezogen. Bald werden wir im Bad essen, schlafen, Quality Time mit dem Partner verbringen. Wie Angelina Jolie, die sich zum Streiten mit Brad Pitt angeblich immer ins Bad zurückzieht.

Auf der diesjährigen Kölner Möbelmesse ließ sich der Trend zum Wohnbad jedenfalls erahnen. Bäder mit Bettenlandschaften darin, mit Flatscreens und Fernbedienungen. Vollgestellt mit Pflanzen, üppig wie in einem Gewächshaus. Hölzerne Installationen, bei denen man nicht sagen kann, ob das noch ein Wellnessbereich ist oder schon die Lounge eines abgefahrenen Clubs.

Philippe Grohe glaubt zu wissen, warum das so ist. Grohe ist Fotograf aus der Schweiz, seit 2001 ist er Chef der Designermarke „Axor“ und denkt sich Bäder aus. Der Mensch wolle in seinen eigenen vier Wänden die Natur erleben, sagt Grohe, nahe am Wasser sein. Grohe befindet sich selbst gerade nahe am Wasser, er schippert über das Mittelmeer, Fragen beantwortet er vom Segelboot aus.

Grohe schwärmt von Holz und Naturstein im Bad. Von Wannen, „die in ihrer organischen Form an einen natürlichen See“ erinnern oder Armaturen, aus denen „Wasser wie ein natürlicher Wasserfall fließt“. Das hat mit den Designern zu tun, mit denen er zusammenarbeitet. Philippe Starck zum Beispiel. Von dem stammt nicht nur die Zitronenpresse auf drei Spinnenbeinen, sondern auch die Idee vom Wohn-Wasser-Zimmer. Mitte der 90er Jahre nahm Starck eine Badewanne und stellte sie einfach in die Mitte eines hellen Raumes – fertig war der Salon d’Eau.

Kulturgeschichtlich ist das nicht neu. Der Mensch hat beim Baden immer schon gerne andere Dinge gemacht. Der amerikanische Autor Bill Bryson erzählt in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge“, wie im Laufe des 18. Jahrhunderts das ausgedehnte Baden in Mode kam. Erst in diversen Kurorten, dann im eigenen Heim. Ein Prinz von Wales ließ sich in Brighton ein Privatbad in Form eines Pavillons bauen, das mit Meerwasser gefüllt war. Bäder konnten Säle mit parfümierter Luft sein, in denen Statuen standen und Milch und Schlamm flossen. Oder Orte der Abhärtung und Selbstkasteiung. Im viktorianischen Zeitalter schüttete man in die Waschschüsseln gerne Eis und tauchte ein ins Halbgefrorene. Nicht ohne waren auch die ersten Duschen: Der Wasserstrahl war so kräftig, dass man sich eine schützende Kopfbedeckung überziehen musste.

Überall auf der Welt waren Bäder Gemeinschaftsräume. Grohe nennt die japanischen Badezeremonien oder die orientalischen Hamams. In Wien ging man früher gruppenweise ins „Tröpferlbad“, weil es ein Waschbecken meistens nur auf der Treppe gab, die sogenannte Bassena. Die allerdings war ebenfalls das gesellschaftliche Herz jedes Mietshauses, noch heute heißen Gerüchte in Wien Bassena-Tratsch.

In Finnland befindet sich in so gut wie jedem Bad eine Sauna, selbst in der kleinsten Studentenwohnung. Früher haben die Frauen in der Sauna ihre Kinder geboren. Von den alten Römern ganz zu schweigen. Deren Bäder sahen nicht nur aus wie Paläste, es befanden sich auch Bibliotheken, Läden und Friseure darin, Faustballplätze und Bordelle.

Anders der deutsche Durchschnittshaushalt. Das Möbelhaus Interlübke hat im Mai eine repräsentative Studie vorgestellt. „Deutschland privat – so leben und wohnen die Deutschen“, heißt sie. Demnach ist den meisten Deutschen Wohnen wichtiger ist als das Auto und der Urlaub. 76 Prozent leben in kleinen und mittleren Wohnungen. 26 Prozent haben ein Gästezimmer, 99 Prozent ein Bad. Und das Badezimmer ist genau jener Ort, an dem sich die Deutschen am allerwenigsten aufhalten wollen. Auf die Frage, in welchem Raum sie sich am wohlsten fühlen, nannten null Prozent das Bad. In Zahlen: 0! Nur der Flur ist ähnlich unbeliebt. Am schönsten finden die Deutschen es nach wie vor im Wohnzimmer. Ein Wohn-Wasser-Zimmer taucht in der Statistik übrigens nicht auf.

Philippe Grohe hat auch dafür eine Erklärung. Im Bad habe sich die Veränderung nicht so schnell vollzogen wie im Rest der Wohnung. Noch immer würden Badezimmer gebaut, die „eigentlich von gestern sind“. Winzig, und dann steht oft noch die Waschmaschine darin oder das Klo. Das Ganze ohne Tageslicht, dafür mit „Riesenspiegel über dem Waschtisch“ und „unbarmherziger Neonbeleuchtung“. In einer Ecke von oben bis unten gefliest, im kollektiven Gedächtnis verewigt durch die Duschszene in „Psycho“: die Nasszelle.

Kulturbeflissene kennen vielleicht noch den Roman „Das Badezimmer“ des Franzosen Jean-Philippe Toussaint von 1985. Darin beschließt ein namenloser Ich-Erzähler, „noch 27, bald 29 Jahre alt“, eines Tages, den Rest seines Lebens in der Badewanne zu verbringen. Das Lähmende daran hat nicht nur dazu geführt, dass man den Roman als Manifest der Isolation und des Stillstandes gelesen hat. In Paris war sogar von einer „géneration salle de bain“ die Rede, der Generation Badezimmer.

Was kann man gegen die Dämonisierung des Bads tun? Innenarchitekten raten: Lichtdimmer einsetzen, auch mal auf die Wanne verzichten, wenn man ohnehin lieber duscht – oder in einem dieser typischen Berliner Schlauchbäder lebt, in denen man über die Toilette steigen muss, wenn man in die Badewanne will. Wie sagte einst der Designer Jean-Marie Massaud: „Die Leute wollen doch eigentlich einen Strand haben. Einen Strand und Wasser. Die wollen nicht eine Wanne mit Fliesen drumherum.“

Ein Badezimmer ist teuer, es muss nicht einmal aus Kristallen bestehen wie das, was die Glitzersteinfirma Swarovski vor einigen Jahren auf den Markt gebracht hat. 8600 Euro, so hat der Förderverein der Sanitärindustrie 2009 errechnet, geben deutsche Haushalte durchschnittlich aus, wenn sie ihr Bad verschönern. 13 000 Euro sind es sogar, wenn Handwerker daran beteiligt sind. Philippe Grohe sagt, auch mit kleinen Eingriffen sei viel erreicht: mit mehreren kleinen Spiegeln, durch großzügige Ablagen statt „dieser Drahtkörbe“ über Dusche oder Wanne. „Die sind entweder zu klein oder zu grobmaschig“ und würden ihm vorschreiben, „dass ich nur Duschgel und Shampoo abstellen kann“.

Er findet es am besten, wenn sich das Bad zum Schlafbereich öffnen lässt, da es sich schließlich um die beiden privatesten Bereiche des Wohnens handle. Also doch eine Wohn-Bad-Fusion. Wobei die altrömische Tradition des Wohn-Badens ganz neue Fragen aufwirft. Soll man in einem Salon d’Eau eigentlich Freunde empfangen? Wenn ja, wie? Im Bademantel oder gleich in der Wanne, die Blöße mit Badeschaum bedeckt? Dann vielleicht doch lieber die Nasszelle.

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