Wohnen : Der Hausfreund

Thomas Bernhard nannte seinen Hof „Existenzkerker“. Der Duft seines Parfums liegt noch in der Luft. Ein Hausbesuch zum 80. Geburtstag

Glücklicher Besitzer, zurückhaltender Bewohner. Thomas Bernhard vor seinem Haus.
Glücklicher Besitzer, zurückhaltender Bewohner. Thomas Bernhard vor seinem Haus.Foto: akg-images / Brigitte Hellgoth

Wäre Thomas Bernhards Haus so, wie er Häuser immer geschildert hat, es stünde am Ende der Welt. Düster und von allem abgewandt. Sein Leben lang hat Bernhard mit seiner Einsamkeit kokettiert, hat seine Bücher in Türmen, Kellern, Baracken, Strafanstalten, Kalkwerken angesiedelt, jedes Gebäude kalt und unbehaust wie die Seelenlandschaft der Figuren.

Stattdessen schlängelt sich die Straße zu Bernhards Haus durch die idyllische Hügellandschaft Oberösterreichs, vorbei an hübschen Bauernhöfen. Links der Traunstein, ein Bild von einem Berg. Und irgendwann mittendrin kommt es, das Haus in Ohlsdorf. Er nannte es seinen „Arbeits- und Existenzkerker“.

Perfektionist. Thomas Bernhard baute seine Möbel selbst und beherbergte eine Bar im Kleiderschrank. Die Bilder stammen aus „Thomas Bernhard – Leben und Werk in Bildern und Texten“ (Residenz Verlag).
Perfektionist. Thomas Bernhard baute seine Möbel selbst und beherbergte eine Bar im Kleiderschrank. Die Bilder stammen aus „Thomas...Fotos: Erika Schmied

Krach mit dem Nachbarn, dem Schweinezüchter

Der Nachbar ist so nah, dass man zwischen den beiden Häusern nicht mit dem Auto durchkann. Auch ihn kennen wir von Bernhard: Es ist der Bauer, dessen Schweine dem feinsinnigen „Theatermacher“ im gleichnamigen Stück den letzten Nerv rauben. Dieselben Schweine, über die sich der Schriftsteller so lange bei seinem Verleger Siegfried Unseld ausließ, bis dieser 200 000 Schilling (etwas mehr als 21 000 D-Mark) herausrückte, damit der Bauer seinen Schweinestall woanders hinbaute.

Heute steht die Garage des Nachbarn weit offen. Auf einem Tischchen liegen schmale Bücher mit gelbem Umschlag. Der Bauer, ein freundlicher weißhaariger Alter, hat irgendwann selbst angefangen zu schreiben. Über seinen 1989 gestorbenen „eigentümlichen Nachbarn“, der am 9. Februar 80 Jahre alt geworden wäre und hier überall präsent ist. Und die Sache mit den Schweinen. Die war nämlich ganz anders. Weder habe er Bernhard „mit dem Bau einer Schweinemastanstalt vor meinen Fenstern“ erpresst, wie Bernhard 1972 seinem Verleger schrieb. Noch habe er 200 000 Schilling als Ausgleichszahlung verlangt. Sondern nur 100 000. Die Differenz sackte der Dichter ein.

Die Bar versteckte Thomas Bernhard im Kleiderschrank.
Die Bar versteckte Thomas Bernhard im Kleiderschrank.Foto: Erika Schmied

Es gibt kaum einen Schriftsteller, dem es so wichtig war, Häuser zu besitzen

„Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“, lautet einer der berühmtesten Sätze Thomas Bernhards. Nichts ist bei Bernhard so, wie es scheint. Fest steht: Es gibt wohl kaum einen Schriftsteller, dem Hausbesitz so wichtig war wie ihm.

1965 kaufte er für das Preisgeld des Bremer Literaturpreises das Haus in Ohlsdorf und restaurierte es von Grund auf. Ein paar Jahre später erwarb er ein zweites Bauernhaus in der Nähe und richtete es ein. Gewohnt haben dort allerdings nur ein paar Gäste. Dann noch ein drittes, in das eigentlich Ingeborg Bachmann hätte einziehen sollen, wozu es aber nicht kam. Bernhard kaufte einige Hektar Wald und zwei Neubauwohnungen im Städtchen Gmunden. Sogar Möbel entwarf der Schriftsteller selbst. Tische, Schränke und Lampen, schlicht und funktional wie skandinavische Designklassiker.

In den Briefen, die er an seinen Verleger Unseld schrieb, ging es sehr oft um Geld. Um Vorschüsse, Darlehen, Tantiemen, 40 000 Mark hier, 200 000 Schilling da. Geld, das Bernhard brauchte, um Kredite für seine Häuser aufzunehmen oder um Kredite abzubezahlen. Wenn Leute schreiben müssen, fangen sie oft an, im Haus zu werkeln, um sich abzulenken. Bernhard hingegen schrieb, um Häuser zu haben. Und er hatte seine Häuser, um zu schreiben. Immer mehr elitäre Grundbesitzer bevölkern seine Werke, von den reichen Sauraus in „Verstörung“ bis zum Schlossbesitzer Murau in „Auslöschung“.

Alles voll mit Antiquitäten. Thomas Bernhard sammelte mit großem Eifer, als wolle er sich eine großbürgerliche Vergangenheit zukaufen.
Alles voll mit Antiquitäten. Thomas Bernhard sammelte mit großem Eifer, als wolle er sich eine großbürgerliche Vergangenheit...Foto: Erika Schmied

Das Haus sieht aus, als sei Bernhard nur kurz zum Bäcker gegangen

Vor 22 Jahren ist Thomas Bernhard gestorben, doch sein Haus in Ohlsdorf wirkt, als sei der Dichter nur schnell Brötchen holen gegangen. Im Hof steht der Mercedes, im Schrankzimmer hängen Mäntel und Anzüge, auf einem Koffer klebt noch ein Swissair-Etikett. Auch Bernhards Schuhe stehen da, Gummistiefel, Pantoffeln, Maßschuhe, sorgfältig geputzt wie alles hier. Die Putzfrau, die für Thomas Bernhard arbeitete, macht auch heute noch sein Haus sauber.

Im waldgrün gefliesten Bad nimmt die nette Dame, die im Auftrag der Thomas-Bernhard-Gesellschaft durch die Zimmer führt, ein Fläschchen von einem Regal. Sie schraubt es auf und lässt die Besucher daran riechen. Bernhards Aftershave, Pitralon. Intensiver Geruch nach Kampfer erfüllt die Luft, was ein bisschen gespenstisch ist. Vor allem aber ist das sehr österreichisch: Seine Toten verklärt und überhöht man. Und schnüffelt gleichzeitig an ihren intimsten Dingen herum.

Wobei Bernhard das einkalkuliert oder sogar beabsichtigt haben dürfte. Zu Unseld sagte er wenige Wochen vor seinem Tod, sein Wohnhaus sollte ein Museum werden. Und zwar genau so, wie es ist. Mit den Büchern und der Schreibmaschine. Mit den Trachtenhüten, dem alten Fernseher und den vollen Getränkeflaschen auf dem Kühlschrank. Mit der Küche, die mit ihrem vielen Edelstahl sehr professionell aussieht, obwohl Bernhard nie kochte. Sogar das Kalenderblatt vom 12. Februar 1989, Bernhards Todestag, hängt in einer Ecke. Es wurde erst postum abgerissen – der schwerkranke Bernhard war vor seinem Tod in eine Wohnung in die Nähe seines Halbbruders und Arztes Peter Fabjan gezogen.

Die Vormieterin verbrachte ihren Lebensabend in der ausgebauten Scheune

Von außen wirkt das Bernhard-Haus wie ein für die Gegend typischer Vierkanthof. Hell getüncht, kleine Holzfenster, Rosengarten. Ein altes Gewölbe mit einer alten Mostpresse, ein nagelneuer Stall mit betonierter Tränke, in dem man jederzeit Schweine halten könnte. Bernhard musste den Stall bauen, weil er sonst Ärger mit den Behörden bekommen hätte. Das Haus war als Landwirtschaftsgebäude bestimmt. Neben der Scheune eine kleine Einliegerwohnung. In der verbrachte, wie das auf dem Land so üblich ist, die Vorbesitzerin ihren Lebensabend. Sechs Jahre lang lebte die greise Bäuerin Tür an Tür mit dem Dichter. Der kokettierte gerne mit dem Landleben. „Thomas Bernhard vgl. Bauer zu Nathal“ ließ er auf seinen Traktor schreiben. Und in seinem Reisepass stand: „Landwirt“.

Drinnen ist dann alles anders. Holzdielen, antike Möbel. Kommoden, ein Ohrensessel, Gästebetten aus der Barockzeit. Sorgfältig arrangierte Silberdosen, edles Teegeschirr der Augarten-Manufaktur. An den Wänden alte Stiche und ein Gemälde von Kaiser Joseph II. Hier sieht es aus wie bei einem Landadeligen, der sich als Bauer gibt. Und dessen Möbel das Erbe einer sehr alten Familie sind.

Sind sie aber nicht, Bernhard hat sie über die Jahre zusammengekauft. Tagelang konnte er die Antiquitätenläden der Umgebung abklappern, er kaufte Bauernschränke genauso wie Bilderrahmen aus dem Biedermeier. Es ist, als habe Bernhard sich eine Vergangenheit erschaffen, die er als zwischen Verwandten und Vormund hin und her geschobenes Kind, das seinen Vater nie kennengelernt hat, nie hatte. Eine Inszenierung.

Bewohnt hat er die zehn Zimmer im oberen Stockwerk nicht. Bernhard saß oft an der Schreibmaschine oder im Ohrensessel. Nur selten schlief jemand in den jahrhundertealten, viel zu kurzen Gästebetten. Wenn Leute ihn besuchen wollten, tauchte Bernhard meistens bei seinem Nachbarn unter.

Bernhard sammelte Antiquitäten

Wohnungen und Häuser von Schriftstellern bekommen ihre Aura oft im Nachhinein, wenn man das Werk kennt und die Figuren in die Häuser hineinlesen kann. So wie man Brechts Haus in Buckow mit anderen Augen sieht, wenn man weiß, dass dort die „Buckower Elegien“ entstanden sind. Bei Bernhard ist es umgekehrt: In seinem Haus erkennt man keine Figuren. Es ist vielmehr so, als habe Bernhard seinen Figuren hinterhergelebt, all diesen entrückten Geistesmenschen aus den guten Familien, die von ihren Ländereien leben konnten. Und jedes Ölbild brachte ihn seinen literarischen Großbürgern und Großgrundbesitzern wieder näher.

Das Thomas-Bernhard-Haus in Ohlsdorf ist von April bis Oktober jeweils samstags, sonn- und feiertags von 14 bis 18 Uhr geöffnet, ansonsten nach Vereinbarung. www.thomasbernhard.at

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