Wohnen : Gras wie Holz

„Bambus ist ungeheuer gutmütig“, schwärmt Designer Markus Schell von seinem asiatischen Rohstoff, aus dem er sehr klar konturierte Möbel entwirft. Auf den Bambus als Werkstoff kam er durch Zufall.

Gutes entsteht manchmal eher zufällig. So wie die Bambusmöbel von Markus Schell. Der Mann ist Architekt, aber zwischendurch hat er immer mal wieder Lust, gleichsam zur Entspannung, Einrichtungsgegenstände zu entwerfen. Da kommt es schon mal vor, dass der ein oder andere Werkstoff bei ihm herumsteht. 1999 war es eine Möbelbauplatte aus Bambus. Dass aus ihr etwas wurde, hat viel mit Monsieur Vuong zu tun. Der Mann führte ein vietnamesisches Lokal, in dem Schell Stammgast war. Man freundete sich an, und ab und zu schaute Monsieur Vuong auch bei Schell vorbei. Dort sah er die Platte und fand, daraus ließen sich doch ideale Hocker für sein Lokal machen. Einfache Sitzgelegenheiten, wie sie in den Straßenlokalen in Saigon oder Hanoi üblich sind. Interessante Idee, dachte sich Schell – und legte los.
Nachdem er auch eine Ferienwohnung auf Hiddensee mit Sideboards, Schränken, Tischen und sogar einer Küche aus Bambus möbliert hatte, hielt er das Thema für erledigt. Doch irgendwie sprach sich herum, wie interessant diese Bambusmöbel sind. Immer öfter fragten Leute nach, wo man denn diese Dinge kaufen könnte. Ein Label musste her. Die „Gesellschaft für bessere Möbel“ wurde gegründet – die Produktion konnte beginnen. Die Platten im Format 1,20 mal 2,40 Meter werden aus China importiert und in einer Stuttgarter Behindertenwerkstatt zu Möbeln verarbeitet. Das zeitlose Design im Bauhaus-Stil gibt Schell vor. Schlichte Tische entstehen, Hocker, die sich zu Sitzbänken zusammenstellen lassen, Beistelltischchen im Dreiersatz.
Schell fasziniert der Werkstoff aus vielerlei Gründen. „In der Zeit, in der ein Meter Eiche entsteht, kann ich 20 Meter Bambus ernten“, sagt er. Dazu binde der schnell wachsende Rohstoff auch noch viel mehr CO2. „Es ist ja kein Holz, sondern Gras“, erklärt Schell. Da seien die Fasern viel dichter gepackt und daher ist so ein Möbel extrem belastbar. „Bambus ist ungeheuer gutmütig“, schwärmt der Experte. Dazu komme der samtene Eindruck. In der Tat fühlt sich die Tischoberfläche so gut an, dass man immer wieder darüber streicheln möchte.
Durch die zarten Streifen und vor allem durch die Wachstumsknoten ergibt sich eine interessante Maserung, einzig von der Natur vorgegeben. Manchen Kunden gefällt das nicht. „Einer fragte mal, ob man diese Knoten nicht wegbeizen könnte“, erzählt er. Schell schüttelte den Kopf und riet: „Dann sollten Sie sich gleich einen Holztisch kaufen.“
Ein billiges Produkt ist es nicht. Schon die Herstellung der Platten ist schließlich sehr aufwendig. Dafür werden die Bambusrohre aufgeschnitten und zu Streifen zersägt. Die einzelnen Streifen werden dann zu Platten verleimt, geschliffen und eingeölt. Das alles hat selbst in China seinen Preis, eine Herstellung in Deutschland wäre undenkbar. „Wir hatten anfangs Angst, dass Ikea Bambus für sich entdeckt“, erzählt Schell. Aber auch die hätten es wohl nicht geschafft, den Einkaufspreis wesentlich zu drücken. Alle zwei Jahre entwirft Markus Schell zwei, drei neue Objekte. Kantig sind sie immer, denn „runde Formen sehen durch die vorgegebene Streifenmaserung komisch aus.“
So schlicht und schön die einzelnen Objekte sind, so schwierig ist es, sie mit anderen Möbeln zu kombinieren. Es gilt, wie bei den Bauhausdesignern, die Losung: Weniger ist mehr. Das gefällt einigen. „Es gibt inzwischen einen Fankreis für diese Möbel, und den Leuten ist der Preis relativ egal“, sagt Schell. Wohl auch, weil so ein Bambustisch ein Leben lang hält.

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