Zeitung Heute : Wohnen in der Festung Unser Leben in Riad

Vor kurzem wurde der Amerikaner Paul Johnson in der saudischen Hauptstadt ermordet. Drei Gastarbeiter erzählen von ihrem Alltag.

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Halb fünf morgens. Ich wache auf. Wie immer viel zu früh. Nase und Mund schmerzen. Die Luft in Riad ist zu dieser Jahreszeit unerträglich trocken. Ich bin allein, liege wach im Bett. Als ich herunter ins Esszimmer komme, hat Fatima bereits den Garten gewässert. Fatima ist unsere Haushaltshilfe. Wie fast alle Ausländer in Riad lebe ich in einem speziellen Wohnkomplex, getrennt von den Einheimischen. Insgesamt gibt es in Riad 250 solcher Wohnanlagen. Unsere Siedlung besteht aus 200 großzügig angelegten Häusern, mit zwei, drei Schlafzimmern, Garten, Garage.

Es leben kaum noch Familien hier, viele Villen stehen leer. So wirkt alles noch abgeschiedener. Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg zur Arbeit. Autofahren in Riad, das war schon vor den Attentaten eine der gefährlichsten Sachen, die man sich vorstellen kann. Riad hat pro Kopf die meisten Verkehrstoten der Welt. Um auf die mehrspurigen Highways zu gelangen, muss ich zunächst die Sicherheitszonen passieren. Noch vor zwei Jahren bestand unser Schutz aus einem Wachhäuschen mit zwei Polizisten. Heute gibt es drei streng bewachte Pufferzonen, die die Siedlung vom Rest der Stadt trennen. Ich fahre zuerst durch ein Stahltor, das sich automatisch öffnet und gelange so in die erste Sicherheitszone. Am Straßenrand haben sich Soldaten in Maschinengewehrstellungen verschanzt, dazu mehrere mit Panzerglas geschützte Wachhäuschen. Ich fahre auf ein zweites Stahltor zu, sehr hoch und schwer, man muss es sich wie eine Festung vorstellen. Neben dem Tor Wachtürme, wieder Maschinengewehrstellungen, die Stahlflügel öffnen sich. Um die Siedlung führt eine Ringstraße, sie wird von dicken Betonpollern, Fahrsperren und grünem Stacheldraht geschützt. Ich passiere gepanzerte Armeewagen. Als ich das letzte Stahltor vor der Hauptstraße erreiche, hat die Nationalgarde Wachablösung. Überall Männer mit schweren Waffen, neue Schutzstellungen, Kameraüberwachung. Ich bin draußen. Hier beginnt Riad.

Unsere Siedlung liegt nahe der Imam-Universität, wo auch die Mutawas ausgebildet werden. Die Mutawas sind die staatlichen Sittenwächter. Sie sind für die Einhaltung der religiösen Gebote zuständig. Früher waren sie für uns Ausländer die größte Sorge. Sobald du mit einer Frau gesehen wurdest, die nicht deine Ehefrau war, konnte es Schwierigkeiten geben. Manchmal schrieen die Mutawas auch die Frauen an, wenn die Kleidung den Körper nicht vollständig bedeckte. Es gab Geschichten von Verhaftungen und Auspeitschungen. Das alles wirkt heute, wo die Anschläge Teil unseres Alltags geworden sind, geradezu lächerlich.

Die Straße wird zur Stadt hin dichter befahren, der Verkehr damit immer chaotischer. Jeder fährt gegen jeden. Die Polizei beobachtet das Geschehen, greift aber nicht ein. Sie hält es nicht für ihre Aufgabe, Luxuskarossen zu stoppen, die mit mehr als 200 Stundenkilometern an ihr vorbeirauschen. Kaum einer dieser Verkehrspolizisten kann lesen – weder lateinische noch arabische Schrift. Kontrollen sind deshalb eine groteske Angelegenheit. Die Polizisten schauen interessiert, halten die Fahrzeugscheine falsch herum und nicken dann freundlich. Es ist sicher keine angenehme Sache, derzeit in Riad so einen Job zu machen. Bei einem Monatsgehalt von 700 Dollar riskieren diese Polizisten ihr Leben für eine Gruppe von Ausländern, die ein Zehn- bis Zwanzigfaches verdienen.

Ich nähere mich den beiden Wolkenkratzern im Stadtzentrum. Das Sonnenlicht bricht sich in ihren Glasfassaden, wenn die Luft klar ist und die Wolken vorüber ziehen, ein wunderschöner Anblick.

Die Lage in der Firma wird immer schwieriger. In den letzten Monaten hat unser Büro so viele Mitarbeiter wie möglich nach Dubai ausgelagert. Und weil die einen gehen, müssen wir andere entlassen. Es ist unter diesen Bedingungen fast unmöglich, die Projekte weiterzuführen. Übrig geblieben ist eine bunte Mischung: Philippinos, Inder, Engländer, Süd-Afrikaner. Als ich gegen sechs Uhr abends nach Hause komme, sind zwei Nachrichten auf meiner Mailbox. Ein Anruf von meiner Frau, ein anderer von einem Kollegen. Ein britisches Kamerateam soll in Riad auf offener Straße angegriffen worden sein. Ich rufe zurück und erfahre, dass der Kameramann getötet wurde. Sein Assistent ist schwer verletzt.

Obigen Bericht sandte uns Richard Marshall am 7. Juni 2004. Am 21. Juni meldete er sich noch einmal.

Ich war letzte Woche auf einer Geschäftsreise. Dort erfuhr ich von der Geiselnahme des Amerikaners Paul Johnson durch Al Quaida hier in Riad. Er wohnte in unserer Siedlung. Seine Frau ist Thailänderin – wie meine. Sie wurden Freundinnen, so lernte ich Paul näher kennen.

Wir haben oft zusammen gegrillt, dieses Jahr gemeinsam Neujahr gefeiert. Ich erinnere mich an einen Abend mit Freunden, an dem wir uns heftig gestritten haben. Es ging um die Invasion im Irak. Paul verteidigte sie vehement. Die Europäer am Tisch widersprachen. Wir kamen auf keinen gemeinsamen Nenner. Jetzt sehe ich Pauls Bild in den Zeitungen, sehe seine Frau, wie sie auf CNN um Pauls Leben fleht, sehe ihn mit verbundenen Augen in der Hand seiner Mörder. Ich denke an den lachenden Paul von damals und den Paul in Todesangst. Wir haben viel mit Pauls Frau telefoniert, alle auf seine Freilassung gehofft. Vergebens. In unserem Freundeskreis haben wir oft über die Gefahren gesprochen. Richtig real würden sie wohl erst, wenn sie einen aus unserem nächsten Bekanntenkreis töteten. Nachdem sie Paul geköpft hatten, rief meine Mutter an und weinte. Ich begriff, wie alle jetzt sofort an Tod und Gefahr denken, wenn sie das Wort „Riad“ hören. Meiner Frau geht es natürlich genauso. Sie ist jetzt bei meiner Mutter in Neuseeland. Ich bin immer noch hier, in Riad. Wer weiß, wie lange noch.

Richard Marshall, 35 Jahre. Der Neuseeländer lebt und arbeitet seit vielen Jahren für ein Architekturbüro in Riad. Er war der Nachbar des letzte Woche ermordeten Amerikaners Paul Johnson.

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