Wohnen : Kunst zum Betreten

Bodenbeläge und Teppiche sehen heute nicht nur schön aus. Sie können spannende Inseln im Raum schaffen und der Einrichtung den letzten Schliff geben.

Der Boden der Zukunft leuchtet. Er besteht aus Glasfasern, aus LEDs, die mit einem Oberflächenmaterial wie dem acrylgebundenen Mineralwerkstoff Corian verbunden sind, und er führt seine Nutzer schnell und effizient zu ihrem Ziel – sei es in Hotels, in Büros oder in anderen öffentlichen Gebäuden. Nicht umsonst heißt das Bodensystem „Ariadne“, so wie die Prinzessin aus dem griechischen Mythos, die Theseur aus dem Labyrinth des Minotaurus half. „Ariadnes“ Design ist klar, modern und ästhetisch. Der Bodenbelag ist flexibel einsetzbar und einfach zu handhaben.
Noch gibt es das clevere System nicht zu kaufen. Doch es gewann den Zukunftswettbewerb der Marke Parador. Internet-User entschieden auf der Plattform Jovoto über die kreativste der insgesamt 184 Konzeptideen. Die Firma für Laminat- und Parkettfußböden vergab unter den Gewinnern Preisgelder in Höhe von insgesamt 15 000 Euro.
Der Wettbewerb zeigt, dass Bodenbeläge heute deutlich mehr können als nur schön auszusehen. Es gab Zeiten, da wurde der Bodenbelag maßgeblich durch die Funktion des Raumes bestimmt. Das gilt schon länger nicht mehr.
„Die verschiedenen Bodenbeläge sind heute nahezu in allen Wohnbereichen einsetzbar“, sagt Onuora Ogbukagu, Pressesprecher der Fachmesse Domotex in Hannover, auf der jedes Jahr 1400 Hersteller ihre Produkte aus der Welt der Bodenbeläge zeigen. „Dank innovativer Versiegelungstechniken lassen sich heute Laminat und selbst Parkett problemlos im Nassbereichen einsetzen.“ Eine Ausnahme bilden höchstens Teppichböden im Badezimmer oder in der Küche.
Doch dass auch diese Vorstellung nicht vollkommen absurd ist, zeigt die französische Edelmarke Tai Ping. Sie produziert unter anderem handgetuftete Teppiche für den Garten und die Terrasse und hat gerade ihre Outdoor Kollektion herausgebracht. Einsetzbar auf Yachten oder Veranden versprühen die Bodenbeläge ein heimeliges Gefühl unter freiem Himmel – und trotzen dabei Wind und Wetter. Weder Regen noch Sonnenstrahlen können den PVC-Fasern aus dem robusten Textilgewebe Batyline etwas anhaben. Die dreidimensional gewebten Oberflächen gibt es mit grafischen oder blumigen Mustern wie bei dem Modell „Desert Snow“, ein runder Teppich in zarter Used-Optik.
Generell kann man beobachten, dass Teppiche nicht vor allem praktisch und pflegeleicht sein müssen. „Heute sind hochwertige Teppiche Designobjekte im Raum“, sagt Onuora Ogbukagu. In moderner und oft puristischer Inneneinrichtung sorge der Teppich für eine Verbindung zwischen Raum und Möbeln. Er drücke Individualität aus und schaffe die nötige Spannung im Raum.
„Mit dem Teppich werden Inseln im Raum geschaffen und klassischerweise Essbereich, Wohnzimmer oder Arbeitsbereich definiert“, sagt Ogbukagu. Dabei wirke die Einrichtung besonders spannend, wenn man mit Gegensätzen spiele, also einen puristischen Esstisch und moderne Stühle mit einem antiken handgefertigten Teppich kombiniere.
Zu den Teppichtrends 2012, die ein Expertenteam jedes Jahr auf der Domotex ausmacht, gehören neben den Stilrichtungen „Nature“ und „Classic“ auch Teppiche in quietschbunten Farben, mit Kaleidoskop-Ansichten, bunten Farbverläufen, Fotoprints oder ethnischen Ornamenten. So ein Teppich zieht die gesamte Aufmerksamkeit in einem Raum auf sich, sorgt aber auch dafür, dass zurückhaltende Möbel zur Geltung kommen. „Im Umkehrschluss gilt: Eine Kombination Couch in Erdtönen und dazu ein Teppich im hellen Braun' ist langweilig“, sagt Ogbukagu.
Manche Teppiche ähneln Kunstwerken. Nicht umsonst haben die Wiener Gebrüder Vartian den Künstler Andreas Reimann verpflichtet, eine Teppichkollektion für sie zu entwerfen. Die handgeknüpften Nepal-Teppiche zeigen Siebdruckarbeiten und Collagen. Sie sind teils bunt, teils schwarz-weiß und voller Details. Ein solches Kunstwerk kann man sich gut an der Wand wie am Boden vorstellen.
Auch Driade, eigentlich spezialisiert auf Designmöbel und -accessoires, hat in diesem Jahr eine Kollektion von Teppichen mit Kunstmotiven vorgestellt. Dazu gehören unter anderem Motive der Künstlerin und Designerin Linde Burkhardt in geknüpfter Form.
Mit knalligen und teils provokanten Mustern macht der Berliner Teppichdesigner Jürgen Dahlmanns auf sich aufmerksam. Sein Label Rug Star feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum. „Wer Teppiche spießig findet, der war noch nie bei Rug Star“, schrieb die Zeitung „Welt“ über ihn. Dahlmanns Teppiche zeigen kreischbunte Bilder, spielen aber auch wie die Kollektion „Persia Copper“ mit traditionellen Mustern.
Eine faire und nachhaltige Herstellungsweise gehört für den selbsternannten „Rug Addict“ zum Geschäft. Seine Teppiche werden in einer Knüpferei im Kathmandu-Tal hergestellt. Sie führen das Siegel „RugMark“, das von Hilfsorganisationen wie der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit ins Leben gerufen wurde. Orientierung beim Kauf ökologisch hergestellter Teppiche bieten außerdem Siegel wie „Step“ oder „Good Weave“.
Der Öko-Gedanke war ausschlaggebend für eine weitere Idee des Parador Zukunftswettbewerbs. So tüftelte ein Teilnehmer ein System aus, mit dem Transportpaletten zu Bodenbelägen verarbeitet werden konnten. Heraus kommt ein interessanter Patchwork-Effekt, bei dem jedes Quadrat seine eigene Geschichte erzählt. LISA FRIELINGHAUS

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