Wohnen : Moderner Plattenbau

Die Beine machen den individuellen Charme von Esstischen aus. Ein Blick unter die Platte kann aufschlussreich sein. Verschiedene Materialien werden genutzt, von Beton über Kristall bis hin zu Holz und fili.

Wenn der Designer Alain Gilles über seinen Tisch spricht, dann könnte man meinen, es gehe um einen guten Freund. Durch eine starke Persönlichkeit zeichne er sich aus. Er wirke agil, als sei er ständig in Bewegung. Und je nachdem, aus welchem Blickwinkel man ihn betrachte, variiere auch sein Äußeres. Gilles „Big Table“ besteht aus Holz, Stahl und Kristall. Seinen besonderen Charakter verdankt er jedoch den Beinen aus lasergeschnittenen Stahlplatten. Jede hat eine andere Breite. Je nach Lichteinfall schimmern sie in verschiedenen Farbtönen. Ein wahres Feuerwerk bietet die mehrfarbige Variante in Korallenrot, Orange, Grün und Lila.
Wie bei Alain Gilles Tisch, den die italienische Firma Bonaldo herstellt, will man sich bei vielen Esstischen erst einmal bücken, um zu sehen, was sich unter der Platte abspielt. Natürlich gibt es auch Platten mit einer spannenden Holzmaserung, aus hauchdünnem Blech oder einem schönen Kristall, doch die Tische zum Tanzen bringen im übertragenden Sinne erst die Beine.
Dabei müssen sie nicht einmal schlank und grazil sein. Das Büro Bartoli Design aus Monza hat den Tisch „Still“ ebenfalls für Bonaldo entwickelt. Die Tischplatte aus Holz ruht dabei auf drei konischen Säulen aus Zement. Obwohl der Baustoff in der Regel als hart und technisch empfunden wird, erzeugt er hier ein Gefühl von Wärme und Behaglichkeit. Zusammen mit dem Holz hat er die Eigenschaft, sich durch die Benutzung sanft zu verändern.
Fast poetisch klingt es aus dem Mund der Designer: „Zart wird die Zeit auf ihnen ihre Spuren hinterlassen: indem sie verwendet werden, erwerben die Tische der Kollektion Still' die poetische Note des gelebten Lebens und der antiken Materialien.“
Einen ganz anderen Tisch entwarfen sie für Fiam. Der ausziehbare Tisch „Ray Plus“ ist in Schwarz mit einer Schichtglasplatte oder als transparente Version verfügbar. Sie lässt sich an den Enden ausklappen. Die Tischbeine, die raffiniert schräg zur Platte stehen, sind aus dem gleichen Material. Wem ein Glastisch zu schwer ist, kann ihn auch in einer ultralight Version bestellen.
Wie aus einem Guss wirkt hingegen der Esstisch „Oui“ von Ferruccio Laviani. In der runden Version wird die Platte von einem, in der ovalen von zwei Kegeln getragen. Sie besteht entweder aus Kunststoff oder aus einem spiegelnden Kristall. Ferruccio Laviani, seines Zeichens künstlerischer Leiter bei Kartell, beschreibt den Entwurfsprozess folgendermaßen: „Wenn ich einen Tisch gestalte, dann stelle ich mir erst einmal vor, was er mit einem Raum, mit seinen Besitzern macht. Oft gehe ich dabei von mir selbst aus.“
Ein persönlicher Erfolg ist auch dem Unternehmen Desalto gelungen. Es stellte mit dem Modell „25“ im vergangenen Jahr den nach eigenen Angaben „aller Wahrscheinlichkeit nach längsten Tisch“ vor, der jemals nach einem industriellen Verfahren hergestellt wurde. Er kann bis zu 3,50 Meter ausgezogen werden. Dabei sind die Beine und die Platte nur jeweils 25 Millimeter dick. Der Trick dahinter ist eine hoch moderne Materialmischung aus Aluminium und Karbon, die die Umsetzung des minimalistischen Designs möglich macht.
Schlank und minimalistisch ist auch das Design von Jasper Morrisons „Tagliatelle“-Familie für Alias. Mit der italienischen Bandnudel haben die Tische und Stühle ihre schlanke Silhouette gemein. Sie sind dank ihrer Edelstahlstruktur für innen und außen geeignet. Mit den Stühlen und ihrer netzartigen Sitzfläche aus gekreuzten, elastischen Bändern sollte eine Neuinterpretation des 30 Jahre alten „Spaghetti Chairs“ gewagt werden. Ergänzt werden sie durch Tische mit einer durchbrochenen Platte. Während die Beine in kühlem Edelstahl glänzen, bildet das Holz einen warmen Kontrast.
Aus Holz sind auch die Beine des minimalistischen Tischs „Beam“ von Luis Alberto Arrivillaga für MDF Italia. Der Designer bringt dabei Cristalplant zum Einsatz, der gern in Bädern verwendet wird. Die Tischplatte ist als ganzes Stück aus dem harzgebundenen Mineralwerkstoff hergestellt. An den Ecken ist sie gebogen und geht auf diese Weise ein paar Zentimeter in die Beine aus Holz über.
Mit dem Kontrast zwischen Alt und Neu, zwischen klassischen Formen und modernen Materialien, spielt der Tisch aus der Serie „Gray“ von Gervasoni. Paola Navone entwarf ihn in unterschiedlichen Ausführungen: Die Holzplatte ruht Ton in Ton auf Beinen aus demselben Material. Spannender ist aber der Kontrast, wenn Beine aus weißem Porzellan, Marmor oder Naturstein zum Einsatz kommen.
Mehr Skulptur als Tisch ist „Wow“ von Toan Nguyen für Lema. Die lineare Platte wird von einem interessanten Gestell getragen, kurvig und gewunden. Egal was auf hier aufgetischt wird, einen Blick unter die Platte wird sich niemand verkneifen können.

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