Wohnen : Neuer Raum
im Regal

Was machen wir eigentlich in Zeiten von iPad & Co mit dem neugewonnenen Platz im Bücherregal? Trendforscher und Designer haben sich dazu bereits Gedanken gemacht.

„Bookless“ ist der provokative Name des neuen Regalsystems von interlübke, das der Generation iPad gerecht werden will. Die Regale sind von hinten mit LED beleuchtet. Das modulare System „Fortepiano“ hat Rodolfo Dordoni für Molteni entworfen (unten). Mit seiner drehbaren Ecke spielt „Inmotion“ von MDF Italia mit dem Wechsel von Innen und Außen (rechts unten).
„Bookless“ ist der provokative Name des neuen Regalsystems von interlübke, das der Generation iPad gerecht werden will. Die Regale...

Einbände alter Lexika, bunter Reiseführer, dünnbändiger Erzählungen trennen den Wohn- vom Essbereich. Sie stehen allerdings nicht wie man vermuten könnte in einem Bücherregal, sondern hängen als Fotografien in mit Metallseilen verbundene Bilderrahmen. Raffaello Manzoni hat den innovativen Raumteiler „Brera“ für die Firma Caimi entworfen. Auf der Mailänder Möbelmesse Salone del Mobile ziert der Vorhang den Stand des italienischen Designmöbelherstellers.
Dass sich keine Landschaftsaufnahmen, sondern Bücher in den Rahmen befanden, war kein Zufall. Denn schon längst haben sich neue Formen des papierlosen Lesens eingebürgert. Romane und Sachbücher, Kurzgeschichten und Reiseführer werden als elektronische Bücher heruntergeladen und auf Tabletcomputern oder anderen elektronischen Lesegeräten studiert. 2011 hat sich der Verkauf elektronischer Bücher im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. 4,7 Millionen wurden in Deutschland verkauft. Die Buchrücken auf den gerahmten Bildern wirken angesichts dieser Zahlen fast wie aus einer anderen Zeit.
Werden Bücher zukünftig nur noch als Dekoration in Wohnungen zu finden sein? Das glaubt der Zukunftsforscher Peter Wippermann vom Trendbüro Hamburg: „Bücher werden übermorgen zu Kultobjekten, wie es heute schon mechanische Uhren, Oldtimer oder alter Wein sind. Wer also zukünftig Bücher auf dem Couchtisch platziert, vergewissert sich und anderen Bildung, Kultur und damit gesellschaftlichen Status.“
In Bücherregalen ist also plötzlich viel Platz, wenn der große Brockhaus und die Klassikersammlung in Papierform überflüssig werden. Viele Hersteller stellen sich bereits auf die gähnende Leere im Regal ein. So hat das Möbelhaus Ikea schon 2011 bekannt gegeben, es werde die Maße des „Billy-Regals“ von dem klassischen Buchformat mit 23 Zentimeter tiefen Regalböden auf eine tiefere Version umstellen, in der mehr als nur Bücher stehen können. Peter Wippermann sagt: „Regale werden ihren Charakter als Lagersystem für Bücher nach und nach verlieren. Sie werden aber auch eine neue Bedeutung erhalten: als schneller Ablageort für Gadgets des täglichen Bedarfs oder aber als Kultgegenstand dekorativer Printprodukte.“
Die deutsche Firma Interlübke reagiert auf diesen Trend zum elektronischen Buch mit ihrer „Bookless“-Kollektion. Das deutsch-italienische Designerteam Gino Carollo und René Chyba hat die Sideboards, Wandregale und Raumteiler entworfen, deren Name im Ohr konservativer Bücherwürmer wie eine Provokation klingen muss. Laut Leo Lübke, Geschäftsführer von Interlübke, läutet das System die Zukunft des Wohnens ein. In dieser Zukunft kommt man ohne üppige CD- und Plattensammlungen aus, denn Musik und Texte werden digital gespeichert, Bücherwände fallen weg. Der gewonnene Platz wird zum Zurschaustellen von Lieblingsstücken benutzt.
In den nur zwölf Zentimeter tiefen Regalen der „Bookless“-Kollektion kann er sich Vasen, Modellautos oder Pokale vorstellen, aber auch besondere Bücher. Für Kunst- und Bildbände bietet Interlübke sogar spezielle Stützen an. Die Regale werden mit einem Abstand zur Wand montiert, ihr Inhalt auf diese Weise von hinten beleuchtet und so in Szene gesetzt. Das System bietet außerdem die Möglichkeit, Kabel von Fernseher oder Musikanlage zu verstecken.
„Bookless“ trägt aber nicht nur dem buchlosen Zeitalter Rechnung, sondern auch anderen Zukunftsvisionen des Wohnens. So kann das Regal als Raumteiler zwischen Boden und Decke gespannt werden und beispielsweise Küche und Essbereich oder Wohn- und Esszimmer unterteilen. Auf diese Weise ist es eine Hommage an den Trend zu einem offenen Wohnen, gleichsam zum Ineinanderfließen der Räume.
Sorgsam inszeniert werden Bücher auch in dem Wandregal „Fortepiano“ von Molteni. Es wurde von Rodolfo Dordoni entworfen und kann auf vielfältige Art und Weise modular zusammengesetzt und erweitert werden. Die Elemente können horizontal und vertikal angebracht werden, offen stehen oder mit farbigen Klappen verschlossen werden. So ergibt sich ein kleines Kunstwerk an der Wand.
Künstlerische Qualitäten hat auch das Regal „Tide“ von Magis. Es wurde von der Londoner Stararchitektin Zaha Hadid entworfen und besteht aus verschiedenfarbigen Kunststoffmodulen in geometrischen Formen. Sie können so aneinandergesetzt werden, dass unterschiedliche Muster entstehen, wie auf einer dreidimensionalen Tapete. Als Bücherwand ist das künstlerische Regal jedoch vollkommen ungeeignet. Sie würden die sorgsam entworfenen Formen unsichtbar machen.
Mit dem Wechsel von innen und außen spielt das Aufbewahrungssystem „Inmotion“ von MDF Italia. Eva Paster und Michael Geldmacher von Neuland Industriedesign haben eine Mischung aus Schrankwand und Regal kreiert, die dank ihres drehbaren Regaleinsatzes am Übergang von Schranktür und Seite einen spannenden Kontrast bildet.
Schon 2005 entwarfen die Münchner ein Regal für MDF Italia. „Random“ besteht aus lauter kleinteiligen Fächern, in denen – wie es Michael Geldmacher beschreibt – jedem Buch der Platz zugewiesen wird, der ihm zusteht, sei es nun ein ausgesprochenes Lieblingsbuch, ein eher unwichtiges oder gar ein peinliches Buch. Wenn sich die Prognosen der Trendforscher bewahrheiten, dann wird das ein oder andere Fach in „Random“ zukünftig leer bleiben.
Auch die Möbel von Nils Holger Moormann, der mit seinem Lese- und Bücheraufbewahrungssessel „Bookinist“ 2007 das ideale Möbel für Leseratten schuf, muss dann mit anderen Dingen als mit Büchern gefüllt werden.
Peter Wippermann glaubt übrigens, dass sich mit dem technischen Fortschritt und dem Einzug der Tabletcomputer nicht nur die Funktion von Bücherregalen, sondern auch die von anderen Möbeln verändern wird. „Das Telefon hat es vorgemacht: Früher stand es häufig auf einem kleinen Altar im Flur oder auch auf einem Beistelltisch neben der Couch im Wohnzimmer. Der einzige Fernsprecher gehörte den Eltern. Heute finden wir mobile Telefone in den Hand- und Hosentaschen aller Familienmitglieder“, sagt er.
Diente der Couchtisch früher vielleicht noch als Ablage der Fernbedienung und der Programmzeitschrift, ist er heute ein wahrer Tummelplatz verschiedenster technischer Geräte. „Tabletcomputer werden die Couchtische erobern. Das Flackern vieler digitaler Programme auf individuellen Interfaces wird den Feierabend im Wohnzimmer bestimmen“, orakelt Peter Wippermann.

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