Wohnen : Prototypen

In der Schweiz erleben Designer aus den 30er und 40er Jahren ein Comeback. Praktische und flexible Möbel werden wieder aufgelegt und gerne gekauft.

Claudia Schmid

Max Bill-Kollektion für Wohnbedarf (2011)
Reeditionen sind meist harte Recherchearbeit. Besonders, wenn kein einheitliches Archiv vorhanden ist. Jakob Bill kann ein Lied davon singen. Der 70-jährige ist der Sohn von Max Bill, dem wohl fleißigsten Schweizer Kreativen des 20. Jahrhunderts. Max Bill, der 1994 in Berlin verstorben ist, war sowohl als Künstler, Architekt und Bildhauer, aber auch als Publizist, Grafiker, Lehrer und parteiloser Nationalrat aktiv. Daneben hat er Designklassiker wie den Ulmer Hocker geschaffen.
Trotzdem gibt es im Vergleich zu seinen grafischen oder künstlerischen Arbeiten wenig Material über seine Möbel. „Mein Vater hat nicht viele Originale hinterlassen. Es gibt mehrere Planstudien, aber kaum originale Ausführungspläne, sowie kaum Belegexemplare“, sagt Jakob Bill. Für die Wiederauflage habe man sich an wenigen Skizzen von Originalmöbeln und bei Sammlern aufgestöberten Prototypen orientiert.
Kommt dazu, dass Max Bills Möbel nie in einer geschlossenen Werkgruppe entstanden sind: Seinen Sperrholzstuhl von 1951 etwa entwickelte er anlässlich der Ausstellung Triennale in Mailand, den Ulmer Hocker 1954 an der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Auch die Hersteller wechselten immer wieder: Der Ulmer Hocker beispielsweise wurde zuerst von Zanotta, dann von Vitra hergesellt.
Als das Schweizer Möbelgeschäft Wohnbedarf letztes Jahr zum 80. Firmenjubiläum neun Max Bill-Möbel wiederauflegte, arbeitete es eng mit Jakob Bill zusammen. Das kommt nicht von ungefähr: Sein Vater schuf für Wohnbedarf, das weltweit erste Geschäft für konsequent moderne Möbel, in den dreißiger Jahren Plakate sowie den Wohnbedarf-Schriftzug, der bis heute im Einsatz ist.
Seit vergangenem Herbst also sind Bills Möbel wieder da. Neben dem Ulmer Hocker gehört auch der Dreibeinstuhl aus Buchenholz von 1943, den Bill für Wohnbedarf entworfen hat, sowie der Quadratrundtisch zur Kollektion. Dieser ist vielleicht der schönste Entwurf, weil er Bills Vorstellung von konkreter Kunst im Produktdesign umsetzt.
Der quadratische Tisch lässt sich über die vier Klappen, die sich durch eine Drehung auf dem Träger arretieren lassen, zur Kreisfläche erweitern. Er kehrt nun mit einer robusteren Linoleumplatte als früher wieder. „Das Linoleum von damals war sehr empfindlich in Bezug auf Feuchtigkeit und Druck“, sagt Jakob Bill. Auch das gehört zu einer gelungenen Reedition: Die Materialien oder Herstellungsmethoden eines Möbels der Zeit anzupassen.
„Caruelle“-Tisch, Embru (2012)
„Der Mensch, der gern im Bett liest/den Caruelle-Tisch des Nachts genießt.“ Solche und weitere Reime findet man in einem Werbeprospekt der Schweizer Möbelmanufaktur Embru aus dem Jahr 1952. Die Reime, von kleinen Zeichnungen begleitet, bewerben das Tischchen „Caruelle“, um seine Vielfältigkeit zu demonstrieren. Das verstellbare Möbel mit Stahlrohrbeinen, das aus einer kleinen Tischplatte und einer größeren, abnehmbaren Platte aus Nussbaumholz besteht, war das Ding der Stunde: Man konnte seinen Radio draufstellen oder auch die Topfpflanze. Zum Einsatz kam es auch als Rednerpult, Notenständer, Krankentisch am Bett oder als Spielbrett. Die Werbereimchen zum Allroundmöbel wurden jetzt in einer kleinenBroschüre wieder gedruckt – im Rahmen der Neulancierung von „Caruelle“.
Erfunden hat das Tischchen Georg Albert Ulysse Caruelle, ein Pariser Unternehmer. Embru, 1904 als Eisen- und Metall-Bettenfabrik in der Zürcher Gemeinde Rüti gegründet, erwarb 1935 Caruelles Patent und begann, das Möbel 1936 zu produzieren. Über mehrere Jahre hielten sich die Verkaufszahlen bei beachtlichen 2000 Stück pro Jahr. Erst als in den sechziger Jahren einfachere, noch günstigere Produkte den Markt eroberten, stellte Embru die Produktion ein.
Seit diesem Sommer gibt es den „Caruelle“ wieder. Und er ist auch in der heutigen Zeit überaus nützlich. Der Tisch eignet sich beispielsweise bestens dafür, den i-Pad liegend zu bedienen. Am besten geht das, in dem man sich ins Bett oder auf eine Liege legt, den „Caruelle“ zu sich schiebt und die große Tischplatte leicht anhebt.
„Caruelle“ ist nicht die erste Reedition von Embru. 2002 begann die Firma, das Archiv zu durchwühlen und alte Klassiker wiederherzustellen. Schließlich entwarfen in den dreißiger Jahren der ETH-Professor Werner Max Moser, Mitgründer des Möbelgeschäfts Wohnbedarf (siehe Max Bill) oder Bauhaus-Designer Marcel Breuer Stahlrohrmöbel für die Embru-Werke. Von letzterem wird seit Kurzem wieder eine Gartenliege hergestellt.
Auch im Garten beliebt sind die Möbel des Schweizer Architekten Max Ernst Häfeli. 1939 kreierte er für das Kongresshaus-Restaurant während der Schweizer Landesausstellung Tische aus Stahlblech, deren Fläche man herunterklappen und leicht transportieren konnte. Seit vergangenem Jahr werden die Tische in den leuchtenden Farben wieder produziert und stehen in vielen Wohnungen und Gärten. Wenn Embru so weitermacht, wird der Haushalt heutiger Designfans bald so aussehen, wie jener ihrer Großeltern: Voll mit Möbeln aus den dreißiger Jahren.

Jacob Müller, Klappmöbelset „Plio“ (2011) für Design+Design
Den ersten Stuhl von Jacob Müller (1905–1996) entdeckten die Schweizer Trendforscherin Joan Billing und der Architekt Samuel Eberli per Zufall in einem Antiquariat. Dort stand er im Einsatz, um Bücher aus den oberen Regalen zu holen. „Schlicht im Aussehen, mit einer stabilen Holzkonstruktion, strömte er eine Bodenständigkeit aus, die uns auf Anhieb gefiel“, schreiben Billing und Eberle im Vorwort eines Kataloges über Jacob Müller. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei diesem Modell um Müllers Paketmöbelstuhl von 1948. Der Fund war der Beginn einer Wiederentdeckung des eher unbekannten Möbeldesigners aus Zürich.
Billing und Eberli ist es zu verdanken, dass im vergangenen Herbst nicht nur eine kleine Ausstellung über ihn im Architekturforum Zürich ausgerichtet, sondern auch ein Katalog mit Essays von Kunsthistorikern und Architekten, sowie Bildern aus Müllers Leben publiziert wurde.
Zudem konnten die Initiatoren in Zusammenarbeit mit einer Schreinerei in limitierter Auflage Müllers Klappmöbelset „Plio“ von 1948 auflegen. „Plio“, das aus einem Klappstuhl und -tisch besteht, besticht mit einem einzigartigen System, das beim Ausklappen des Möbels zuschnappt und dank einer sehr steifen, unauffälligen Dreiecksverbindung den Möbeln aus dünnem Holz eine überraschende Stabilität verleiht.
Diese Möbel waren ganz im Sinne Müllers, der 1957 Folgendes notierte: „Sie sollen jederzeit rasch zur Hand sein und sich außer Gebrauch auf kleinem Raum unterbringen lassen.“ Mit „Plio“ nahm Müller die mobilen Klapp- und Faltmöbel der fünfziger Jahre vorweg.
Müller, der als gelernter Schreiner früh das Holz zu seinem Werk- und Forschungsstoff gemacht hatte, war aber nicht nur ein Pionier, der viele neue Verbindungen und Verfahren in der Holztechnik entwickelte, sondern auch ein sozialer Designer. So entwarf er für das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen (Appenzellerland) Schulmöbel. Diese waren durchgehend demontierbar und entstanden im Rahmen der „Werkgenossenschaft Wohnhilfe“, die Müller 1947 mitgegründet hat. Daneben fertigte er in seiner „Bauwerkstatt“ zerlegbare Bänke, Stühle und Schränke an – sogenannte „Paketmöbel“.
Zehn Jahre später begann das 1943 gegründete schwedische Möbelhaus Ikea genau nach diesem Prinzip zu wirtschaften: 1956 vertrieb es die ersten Bausatzmöbel. Einmal mehr hatte Jakob Müller einen Trend vorweggenommen.

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