Wohnen : Ständig in Bewegung

Matalie Crasset ist eine der mutigsten Designerinnen Frankreichs. Von ihrem Homeoffice in Paris aus entwirft sie sowohl Möbel als auch das Interieur für Hotels, außergewöhnliche Spieltreffs und Baumhäuser.

Wenn man Matalie Crasset in ihrem Pariser Studio besucht, dann geht es dort familiär zu. Ihre Kinder spielen im Garten oder unterhalten sich in der Küche, während die Designerin mit ihrem kleinen Team nebenan einen neuen Tisch, einen Teppich oder ein Hotel entwirft. „Leben und Arbeiten gehört für mich zusammen“, erklärt die 47-Jährige mit der auffälligen Mönchsfrisur. Matalie Crasset wuchs in einem Dorf im Norden Frankreichs auf. „Meine Eltern waren Bauern, da gab es keine Trennung zwischen der Wohnung und dem Arbeitsplatz. Das gehörte zusammen.“
Inzwischen ist sie eine der bekanntesten Designerinnen Frankreichs. Zu ihren Auftraggebern gehören renommierte Firmen wie Danese, Campeggi, Dornbracht oder Alessi. Sie gestaltet aber auch das Interior Design für Hotels wie das jüngst fertig gestellte Dar'hi Nefta in Tunesien.
Den Entschluss, Designerin zu werden, fasste Matalie Crasset in einem Seminar über Werbung. Damals war sie 21 Jahre alt und studierte noch Marketing. Sie schrieb sich für Industriedesign an der Ecole Nationale Supérieure de Création Industrielle in Paris ein. Nach ihrem Abschluss ging sie nach Mailand, um im Büro von Denis Santachiara zu arbeiten. Zurück in Paris arbeitete sie fünf Jahre lang bei Stardesigner Philippe Starck, bevor sie sich 1998 mit ihrem eigenen Büro selbständig machte.
Mit dem klaren, kühlen Design von Philippe Starck haben Matalie Crassets Arbeiten wenig gemein. Sie scheut sich nicht, Farben einzusetzen. Die Formen ihrer Möbel und Gebrauchsgegenstände sind oft rund und üppig. Der „Decompression Chair“ von 2002 zum Beispiel umarmt den Sitzenden wie eine füllige Mama. Wie viele ihrer Objekte ist dieser Sessel nicht für den Alltag bestimmt. Stattdessen wird er in Galerien als Kunstobjekt gehandelt. Ihre Arbeit an der Grenze zwischen Kunst und Design führte Matalie Crasset zur Zusammenarbeit mit Künstlern wie Peter Halley, mit dem sie in der Pariser Galerie von Thaddaeus Ropac ausstellte.
Die meisten Inspirationen bekommt Matalie Crasset im täglichen Leben. „Ich sehe mich als Hebamme im Designprozess“, sagt sie. „Es geht weniger darum, ein Material oder die Ästhetik zu formen als vielmehr gemeinsame Absichten und Werte mit meinen Kunden herauszuarbeiten und diese zu vereinen.“
Mit vielen ihrer Auftraggeber arbeitet sie bereits seit langer Zeit zusammen. Für Danese beispielsweise stellte sie in diesem Jahr auf der Mailänder Möbelmesse ein neues Mitglied der Serie „Double Side“ vor. Die Kollektion startete mit einem Stuhl, der sich mit wenigen Handgriffen von einem Sessel mit Stauraumfach zu einem Hocker mit angeschlossener Arbeitsfläche umbauen lässt, auf der man zum Beispiel den Computer abstellen kann. Das neue Produkt ist ein Tisch, der sich vom Schreib- zum Esstisch umfunktionieren lässt.
„Ein Objekt ist nicht großzügig genug, wenn es nur eine einzige Funktion hat“, kommentiert Matalie Crasset den Entwurf. Tisch und Stuhl sollen eine neue Auffassung von Wohnen und Arbeiten widerspiegeln. „Die häuslichen Strukturen sind heute fixiert wie ein angehaltenes Video. Das Leben ändert sich jedoch ständig. Es ist in Bewegung und reaktiviert das Video, wenn man es so sagen kann“, sagt sie. „Meine Projekte arbeiten in der Lücke zwischen den Aktivitäten, in den Passagen zwischen einem angehaltenen Bild und dem nächsten. Sie verbinden diese beiden und erneuern die Aktion und die Bewegung zwischen den beiden.“
Für Campeggi entwarf Matalie Crasset nach diesem Credo das vielseitige Sitzmöbel „Dynamic Life“, auf dem man in unzähligen Positionen sitzen und liegen kann. Die Sitzfläche besteht aus sieben verschiedenen Elementen, die ohne komplizierte Mechanismen aus- und umgeklappt werden können.
Ein Raum-im-Raum-Gefühl will Matalie Crasset mit ihren Teppichen „Roots“ und „Big Leaf“ für Nodus schaffen. Die in Nepal von Hand geknüpften Teppiche sind auf wenige Exemplare limitiert. Was sie auszeichnet ist eine dreidimensionale Oberfläche. Ein Wurzel-, beziehungsweise Blattadergeflecht ragt über die klar definierte Innenfläche hinaus. „Die Grundidee dieser beiden Projekte für Nodus war es, auf einer limitierten Fläche ein Stück Natur ins Haus zu holen. Sie erlaubt es uns, anders zu leben als wir es normalerweise in unseren Häusern tun. Zugleich schaffen die Teppiche einen informellen Ort, an dem zum Beispiel Kinder spielen können.“
Die Natur steht oft Pate für Matalie Crassets Ideen. So entwickelte sie einen Baum aus dem acrylgebundenen Mineralwerkstoff Corian. „L'arbre en Corian“ hat einen orangefarbenen Stamm mit weißen „Blättern“. Sie können abgenommen und als Teller oder Tablett verwendet werden.
In den Wäldern des Département Meuse hat Matalie Crasset „Nichoir Maison Sylvestre“ erschaffen, ein Baumhaus für ein Ökohotel. Es ist Teil eines Kunstprojekts, bei dem 90 verschiedene Kunstwerke entlang der Waldpfade installiert wurden, und besteht aus lokalen Materialien wie Douglas Tanne und galvanisiertem Stahl. Bäume stehen auch im „Maison des Petits“, einem offenen Spieltreff für Kinder und Eltern im Kunst- und Kulturzentrum „Centquatre“ in Paris. Jedenfalls könnte man die blauen Gebilde mit etwas Fantasie so bezeichnen, die ihr schützendes Dach über Spiel- und Maltische spannen. Die Designerin hat die Formen und Figuren bewusst vage gehalten, um der Vorstellungskraft den kleinen und großen Besuchern Raum zu geben. Sie sollen Kunst auf spielerische Weise entdecken.
Matalie Crasset liebt die Vielfalt ihrer Projekte. „Ich träume nicht davon, irgendein bestimmtes Objekt zu erschaffen“, sagt sie. Viel mehr möchte sie an ihrem bisherigen Kurs festhalten, mit ganz unterschiedlichen Firmen, Künstlern und Kommunen zusammenzuarbeiten. „Nie hätte ich mir vorstellen können, einen pädagogischen Taubenschlag, ein Haus in der Wüste oder ein Projekt mit einem Künstler wie Peter Halley zu machen“, sagt sie – und klingt dabei fast etwas ungläubig.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar