Wohnen : Unten oben

Auf der Suche nach einem Leder, das alt aussieht, ohne künstlich altern zu müssen, sind Gerard van den Berg und sein Sohn Jasper auf ein Abfallprodukt gestoßen.

„Wir werfen nichts mehr weg“, sagt Ton van den Berg, Bruder des niederländischen Designers Gerard van den Berg. Beide hatten die niederländische Firma LABEL gegründet und sind bekannt für ihre stabilen Ledermöbel. „Wir sind ein Fachbetrieb aus Brabant und kennen uns mit Leder aus, vor allem mit dickem Leder, wissen, wie man es schneidet und näht“, erklärt Ton van den Berg die Philosophie von LABEL. Nun haben sie auf der Suche nach neuen Materialien etwas Neues entwickelt, ein echtes Leder, das so abgewetzt wirkt, wie eine lang getragene Jeans.
Gerard van den Berg hat sich in der Tat von seiner alten Jeans inspirieren lassen. „Diese Jeans finde ich umso schöner, je mehr sie verschleißt. Sie sehen nicht nur einzigartig aus, denn jede Jeans nutzt sich anders ab, sondern sie sitzt auch noch prima. Das kommt daher, dass die Baumwolle immer weicher wird, je länger sie getragen wird.“ Den Prozess gibt es natürlich auch bei Leder, nur dauert er Jahre. Ob es ein Leder mit dieser Ausstrahlung gibt, ohne dass es künstlich altern muss?
Beim Bleichen von Leder in der Gerberei wird normalerweise die untere Seite einer Haut abgeschnitten, weil sie uneben und nicht gleichmäßig dick ist. Ein Abfallprodukt sozusagen. Jasper van den Berg, der Sohn von Gerard, fand es eigentlich zu schade, dieses Leder wegzuwerfen. Also schnitt man aus der unteren Abfallhaut das mittlere gleichmäßig dicke Stück heraus – die Seitenränder wären zu dünn – und zeigte nun die Unterseite als Oberfläche. Da es sich um die Unterseite handelt, ist sie eben nicht einheitlich glatt, sondern ähnelt im rauen Zustand ein wenig einer verschlißenen Jeans. Folglich heißt dieses von Jasper van den Berg entwickelte Leder „Jeans blue“.
Der damit bespannte Stuhl „Livia“ zeigt sich als Patchworkstuhl, der aus den verschiedenen unebenen Lederstücken zusammengenäht ist – er kehrt das Unterste zu Oberst. Mit seiner leicht nach hinten geneigten Lehne eignet er sich als Esszimmerstuhl. Die Farbe – natürlich Jeansblau.
ROLF BROCKSCHMIDT

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