Zeitung Heute : Wohnen verboten!

Architekten bauen gerne Kunst – und darin stören dann die Menschen. Seltsam, findet ein großer Architekt. Eine Polemik.

-

Von Adolf Loos Von einem armen, reichen Manne will ich euch erzählen. Er hatte Geld und Gut, ein treues Weib, das ihm die Sorgen, die das Geschäft mit sich brachte, von der Stirne küsste, einen Kreis von Kindern, um die ihn der ärmste seiner Arbeiter beneidet hätte. Seine Freunde liebten ihn, denn was er angriff, gedieh. Aber heute ist es ganz, ganz anders geworden. Und das kam so:

Eines Tages sagte sich dieser Mann: Bist du denn glücklich? Siehe, es gibt Menschen, denen alles fehlt, worum man dich beneidet. Aber ihre Sorgen werden hinweggescheucht durch eine große Zauberin, die Kunst. Und was ist dir die Kunst? Du kennst sie nicht einmal dem Namen nach. Jeder Protz kann seine Visitkarte bei dir abgeben, und dein Diener reißt die Flügel auf. Aber die Kunst hast du noch nicht bei dir empfangen. Ich weiß wohl, dass sie nicht kommt. Aber ich werde sie aufsuchen. Wie eine Königin soll sie bei mir einziehen und bei mir wohnen.

Er war ein kraftvoller Mann, was er anpackte, wurde mit Energie ausgeführt. Das war man immer bei seinen Geschäften gewohnt. Und so ging er noch am selben Tage zu einem berühmten Architekten und sagte ihm: „Bringen Sie mir Kunst, die Kunst in meine vier Pfähle. Kostenpunkt Nebensache.“

Der Architekt ließ sich das nicht zweimal sagen. Er ging zu dem reichen Manne hin, warf alle seine Möbel hinaus, ließ ein Heer von Parkettierern, Spalierern, Lackierern, Maurern, Anstreichern, Tischlern, Installateuren, Töpfern, Teppichspannern , Malern und Bildhauern einziehen und hui, hast du nicht gesehen, war die Kunst eingefangen, eingeschachtelt, wohlverwahrt in den vier Pfählen des reichen Mannes.

Der reiche Mann war überglücklich. Überglücklich ging er durch die neuen Räume. Wo er hinsah, war Kunst, Kunst in allem und jedem. Er griff in Kunst, wenn er eine Klinke ergriff, er setzte sich auf Kunst, wenn er sich in einem Sessel niederließ, er vergrub sein Haupt in Kunst, wenn er es ermüdet in die Kissen vergrub, sein Fuß versank in Kunst, wenn er über die Teppiche schritt. Mit einer ungeheuren Inbrunst schwelgte er in Kunst. Seitdem auch sein Teller mit artistischem Dekor versehen war, schnitt er sein bœuf à l’oignon noch einmal so fest entzwei.

Man pries ihn, man beneidete ihn. Die Kunstzeitschriften verherrlichten seinen Namen als einen der ersten im Reiche der Mäzene, seine Zimmer wurden zum Vorbild und zur Darnachachtung abgebildet, erläutert und erklärt. Aber sie verdienten es auch. Jeder Raum bildete eine abgeschlossene Farbensymphonie. Wand, Möbel und Stoffe waren in der raffiniertesten Weise zusammengestimmt. Jedes Gerät hatte seinen bestimmten Platz und war mit den anderen zu den wunderbarsten Kombinationen verbunden.

Nichts, gar nichts hatte der Architekt vergessen. Zigarrenabstreifer, Bestecke, Lichtauslöscher, alles war von ihm kombiniert worden. Aber es waren nicht die landläufigen Architektenkünste, nein, in jedem Ornamente, in jeder Form, in jedem Nagel war die Individualität des Besitzers ausgedrückt. (Eine psychologische Arbeit, deren Schwierigkeit jedermann einleuchten wird.) (...)

Einen großen Teil seiner Zeit widmete er von nun an dem Studium seiner Wohnung. Denn das muss gelernt sein; das sah er wohl bald. Da gab es gar viel zu merken. Jedes Gerät hatte einen bestimmten Platz. Der Architekt hatte es gut mit ihm gemeint. An alles hatte er schon vorher gedacht. Für das kleinste Schächtelchen gab es einen bestimmten Platz, der gerade dafür gemacht war. Bequem war die Wohnung, aber den Kopf strengte sie sehr an. Der Architekt überwachte daher in den ersten Wochen das Wohnen, damit sich kein Fehler einschleiche. Der reiche Mann gab sich alle Mühe. Aber es geschah doch, dass er ein Buch aus der Hand legte, und es im Gedanken in jenes Fach schob, das für die Zeitungen angefertigt war. Oder dass er die Asche seiner Zigarre in jene Vertiefung des Tisches abstrich, die für den Leuchter bestimmt war. Hatte man einmal einen Gegenstand in die Hand genommen, so war des Ratens und des Suchens nach dem alten Platz kein Ende, und manchmal musste der Architekt die Detailzeichnung aufrollen, um den Platz für eine Zündholzschachtel wieder zu entdecken.

Wo die angewandte Kunst solche Triumphe feierte, durfte die angewandte Musik nicht zurückbleiben. Diese Idee beschäftigte den reichen Mann sehr. Er machte eine Eingabe an die Tramwaygesellschaft, in der er ersuchte, sich statt des sinnlosen Läutens des Parsivalglockenmotives zu bedienen. Allein er fand bei der Gesellschaft kein Entgegenkommen. Dort war man für moderne Ideen noch nicht genug empfänglich. Dafür wurde ihm gestattet, die Pflasterung vor seinem Hause auf eigene Kosten ausführen zu lassen, wodurch jedes Fuhrwerk gezwungen wurde, im Rhythmus des Radetzkymarsches vorbeizurollen. Auch die elektrischen Läutewerke in seinen Räumen erhielten Wagner- und Beethovenmotive und alle berufenen Kunstkritiker waren voll des Lobes über den Mann, der der „Kunst im Gebrauchsgegenstande“ ein neues Gebiet eröffnet hatte.

Man kann sich vorstellen, dass diese Verbesserungen den Mann noch glücklicher machten. Es darf aber nicht verschwiegen werden, dass er es vorzog, möglichst wenig zu Hause zu sein. Nun ja, von so viel Kunst will man sich auch hie und da ausruhen. Oder könnten Sie in einer Bildergalerie wohnen? Oder monatelang in „Tristan und Isolde“ sitzen? Nun also! Wer wollte es ihm verdenken, wenn er neue Kräfte im Café, im Restaurant oder bei Freunden und Bekannten für seine Wohnung sammelte. Er hatte sich das anders gedacht. Aber der Kunst müssen Opfer gebracht werden. (...) Sein Auge wurde feucht. Er dachte vieler alter Dinge, die er so lieb gehabt hatte und die er doch manchmal vermisste. Der große Lehnstuhl! Sein Vater hatte immer sein Nachmittagsschläfchen darin gemacht. Die alte Uhr! Und die Bilder! Aber die Kunst verlangt es! Nur nicht weich werden!

Einmal geschah es, dass er seinen Geburtstag feierte. Frau und Kinder hatten ihn reich beschenkt. Die Sachen gefielen ihm ausnehmend und bereiteten ihm herzliche Freude. Bald darauf kam der Architekt, um nach dem Rechten zu sehen. Er trat in das Zimmer. Der Hausherr kam ihm freudig entgegen, denn er hatte vieles auf dem Herzen. Aber der Architekt sah nicht die Freude des Hausherrn. Er hatte etwas anderes entdeckt und erbleichte: „Was haben Sie denn für Hausschuhe an“, stieß er mühsam hervor.

Der Hausherr besah seine bestickten Schuhe. Aber er atmete erleichtert auf. Diesmal fühlte er sich ganz unschuldig. Die Schuhe waren nämlich auch nach dem Originalentwurfe des Architekten gearbeitet worden. Er antwortete daher überlegen: „Aber Hr. Architekt! Haben Sie schon vergessen? Die Schuhe haben Sie ja selbst gezeichnet!“ „Gewiss“, donnerte der Architekt, „aber für das Schlafzimmer. Sie zerreißen mit diesen zwei unmöglichen Farbflecken die ganze Stimmung. Sehen Sie denn das gar nicht ein?“

Der Hausherr sah wohl ein. Er zog rasch die Schuhe aus, und war todfroh, dass der Architekt nicht noch seine Strümpfe unmöglich fand. Sie gingen nach dem Schlafzimmer, wo der reiche Mann wieder seine Schuhe anziehen durfte.

„Ich habe“, begann er hier zaghaft, „gestern meinen Geburtstag gefeiert. Meine Lieben haben mich mit Geschenken förmlich überschüttet. Ich habe Sie rufen lassen, lieber Hr. Architekt, damit Sie uns Ratschläge geben, wie wir die Sachen am besten aufstellen könnten.“

Das Gesicht des Architektin verlängerte sich zusehends. Dann brach er los: „Wie kommen Sie dazu, sich etwas schenken zu lassen! Habe ich Ihnen nicht alles gezeichnet? Habe ich nicht auf alles Rücksicht genommen? Sie brauchen nichts mehr. Sie sind komplett!“

„Aber“, erlaubte sich der Hausherr zu erwidern, „ich werde mir doch noch etwas kaufen dürfen!“

„Nein, das dürfen Sie nicht! Niemals! Das fehlte mir noch. Habe ich nicht genug getan, dass ich Ihnen den Charpentier gestattete? Die Statue, die mir den ganzen Ruhm meiner Arbeit raubte! Nein, Sie dürfen nichts mehr kaufen!“

„Aber wenn mein Enkerl eine Kindergartenarbeit schenkt?“

„Dann dürfen Sie sie nicht nehmen!“

Der Hausherr war vernichtet. Aber noch hatte er nicht verloren. Eine Idee, jawohl, eine Idee!

„Und wenn ich mir in der Sezession ein Bild kaufen wollte?“, fragte er.

„Dann versuchen Sie, es doch irgendwo aufzuhängen. Sehen Sie denn nicht, dass ich für jedes Bild, das ich Ihnen hergehängt habe, auch einen Rahmen auf der Wand, auf der Mauer dazu komponiert habe? Nicht einmal rücken können Sie mit einem Bilde. Probieren Sie doch, ein neues Bild unterzubringen.“

Da vollzog sich in dem reichen Manne eine Wandlung. Der Glückliche fühlte sich plötzlich tief, tief unglücklich. Er sah sein zukünftiges Leben. Niemand durfte ihm Freude bereiten. Wunschlos musste er an den Verkaufsläden dieser Stadt vorübergehen. Für ihn wurde nichts mehr erzeugt. Keiner seiner Lieben durfte ihm sein Bild schenken, für ihn gab es keine Maler mehr, keine Künstler, keine Handwerker. Er war ausgeschaltet aus dem künftigen Leben und Streben, Werden und Wünschen. Er fühlte: Jetzt heißt es lernen, mit seinem eigenen Leichnam herumzugehen. Jawohl! Er ist fertig! Er ist komplett!

Der Text von Adolf Loos erschien am 26. April 1900 im „Neuen Wiener Tagblatt“ unter der Überschrift „Von einem armen, reichen Manne“ und wurde zum Klassiker der Architektenschelte. Im Original sind alle Wörter kleingeschrieben, was wir aus Gründen der Lesbarkeit geändert haben.

Zur Vereinbarkeit von Einrichtungsdesign und Wohnlichkeit gibt es derzeit im Vitra Design Museum (Weil am Rhein) eine Schau mit dem Titel „Zerstörung der Gemütlichkeit? Programmatische Wohnausstellungen des 20. Jahrhunderts“ (noch bis zum 28. Mai).

Der österreichische Architekt und scharfzüngige Kritiker Adolf Loos (1870–1933) gilt als Wegbereiter der Moderne . Als

„Propheten“ hat ihn sein Kollege Walter Gropius tituliert.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!