Zeitung Heute : Wohnparks: Adel verpflichtet

Jörn Pestlin

Außer Götz Meidinger hob niemand im Saal die Hand - kein anderer Bieter trieb den Preis in die Höhe. Für das Mindestgebot von 70 000 Mark bekam der Berliner Unternehmensberater im Juni 2000 den Zuschlag für einen Teil des denkmalgeschützten Landgutes der Industriellenfamilie Borsig in Groß Behnitz. Eine knappe Autostunde von der Berliner City, zwölf Kilometer südwestlich von Nauen, gelegen. Zusammen mit seinem Partner Rolf-Hubert Pobloth will Meindinger das ersteigerte Gebäudeensemble aus Schmiede, Remiese, Scheune und Stellmacherei in eine Wohnanlage mit Blick auf den Groß Behnitzer See verwandeln. Arbeitstitel: "Alte Schmiede".

Den weitaus größeren und auffälligeren Teil der Gutsanlage mit dem Verwaltungsgebäude, dem Speicher, der Brennerei und dem Pferdestall ersteigerte der Fotograf und Kunstsammler Michael Stober aus Berlin. Im Gegensatz zu Meindinger und Pobloth kann er aber noch kein konkretes Nutzungs- und Finanzierungskonzept präsentieren.

So manchem Groß Behnitzer mögen die Hammerschläge des Auktionators im Sommer 2000 wie Musik in den Ohren geklungen haben. Mussten sie doch seit Jahren mit ansehen, wie mitten in ihrem ansehnlichen Dorf die markante Gutsanlage immer mehr verfiel. Bis zur Wende residierte die örtliche LPG in den historischen Backsteingebäuden und hielt diese mehr schlecht als recht instand. Dann stand das "neoklassizistische Kleinod" leer. In den letzten Jahren hatten zwar verschiedene Interessenten das Gebäudeensemble begutachtet, angesichts der Größe der Anlage, der denkmalschützerischen Auflagen und des hohen Investitionsbedarfs schließlich aber doch abgewinkt.

"Bekannte haben mich auf die Gutsanlagen aufmerksam gemacht", erzählt Meindinger. Nach einem Besichtigungstermin vor Ort war seine Begeisterung für das alte Gemäuer aus der Mitte des 19. Jahrhunderts geweckt und die Entscheidung stand fest. Nein, die Katze im Sack habe er damals nicht gekauft, sagt Meindinger, aber bei der ersten genaueren Besichtigung kam dann doch erst einmal das "helle Entsetzen". Alles, wofür die LPG keine Verwendung mehr hatte, war offensichtlich in den Gebäuden gelandet: vom riesigen Notstromaggregat bis zum leeren Ölfass - eine große Müllhalde.

Auf dem Papier war das Projekt "Alte Schmiede" nach einem Jahr fertig und von den Behörden abgesegnet. Insgesamt 13 Wohneinheiten mit Wohnflächen zwischen 67 und 190 Quadratmetern in Reihenhausform zirkelte der Architekt Harald Ranft aus Berlin in die historischen Wirtschaftsgebäude. Die Proportionen und den Gesamtcharakter des Baudenkmals ließ er dabei unangetastet. Zur Erschließung und Belichtung der Häuser nutzt er die hofseitigen Türen und Fenster. "Zur Seeseite brechen wir neue Fensteröffnungen in das Mauerwerk. Um jedes dieser Fenster mussten wir aber mit der Denkmalschutzbehörde ringen", sagt der Investor, "alles in allem war das Amt aber sehr kooperativ, die Auflagen halten sich im vertretbaren Rahmen." Zu jeder Wohneinheit gehören eine Sonnenterasse, ein eigener kleiner Garten sowie die in der Brandenburger Bauordnung geforderten zwei PKW- Stellplätze - 15 davon in einer parallel zur Dorfstraße stehenden Garage. Der Innenhof behält sein historisches Natursteinpflaster. Im südwestlichen Teil des Hofes ist ein Kinderspielplatz geplant. Für die Versorgung der Reihenhäuser mit Heizenergie und Warmwasser sorgen eine computergesteuerte umweltfreundliche Holzpellet-Zentralheizung und eine solarthermische Anlage auf dem Garagendach.

Bei 4500 bis 5000 Mark pro Quadratmeter Wohnfläche kann die "Alte Schmiede" preislich zwar nicht mit den zahlreichen Wohnparks auf der grünen Wiese konkurrieren, "dafür bekommt bei uns aber jeder seinen ganz individuellen Luxus", sagt Meindinger. Mit mehreren Interessenten aus Berlin stünde er auch schon in Kontakt. Kaufverträge seien bislang allerdings noch keine unterschrieben. Er ist aber zuversichtlich, dass bis Jahresende die ersten Verträge unter Dach und Fach sind. Erst dann könne er mit den Bauarbeiten beginnen, sagt Meindinger, "ansonsten kommen die Erwerber nicht in den Genuss der Denkmal-Afa." Das Steuerrecht schreibt nämlich vor: Wer ein zu sanierendes Baudenkmal erwirbt, muss zuerst den Kaufvertrag schließen, erst danach darf er mit den Baumaßnahmen beginnen. Beachtet der Bauherr diese Reihenfolge nicht, kann er nicht von den - vor allem für Besserverdiener interessanten - steuerlichen Sonderabschreibungen profitieren.

Insgesamt veranschlagt Meindinger für das Bauvorhaben sieben bis acht Millionen Mark. Einen Teil davon hofft er mit Fördermitteln des Potsdamer Ministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr (MWSV) finanzieren zu können. Er hat die "Alte Schmiede" als "Pilotprojekt zur Neuorientierung der Förderung selbstgenutzten Wohneigentums" bei der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) eingereicht. Eine Entscheidung über Meindingers Förderantrag ist aber noch nicht gefallen. "Unser Haus unterstützt das Projekt in Groß Behnitz aber grundsätzlich", sagt Lothar Wiegand, Pressesprecher des MWSV. Als Gegenleistung für die Förderung muss sich der Investor verpflichten, seinen Gewinn beim Weiterverkauf der Wohnungen an private Nutzer auf maximal fünf Prozent des Verkaufspreises zu begrenzen. Er muss also einen Teil der Fördersumme an die Käufer der Reihenhäuser weitergeben. Ziel des neuen Förderkonzeptes ist schließlich die Erhöhung der Wohneigentumsquote. Aber nicht in Wohnparks auf der grünen Wiese, sondern in historischer Bausubstanz in Stadtzentren oder dörflicher Umgebung. Und grüner als auf der grünen Wiese ist es in Groß Behnitz alle Male.

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