Zeitung Heute : Wohnparks: "Nur mal gucken"

Bernd Hettlage

"Häuserwelten" klingt fast wie "Körperwelten". Und an eben jene erfolgreiche Ausstellung am gleichen Ort, dem alten Postbahnhof in Friedrichshain, wollte Veranstalter Jan Schwalme mit der Namensgebung für seine Fachmesse natürlich anknüpfen. "Häuserwelten" - erwarten uns da jetzt analog zu Herrn von Hagens Plastinaten Gebäude, bei denen Rohre und Versorgungsleitungen frei liegen wie beim Centre Pompidou in Paris? Das nicht, aber der Name erfüllt jedenfalls seinen Zweck und prägt sich ein.

Menschenschlangen wie bei "Körperwelten" sind vor der Ausstellungshalle an diesem Sonntagnachmittag nicht zu sehen. Doch die Besucher tröpfeln stetig in den zweistöckigen Bau, obwohl draußen die Herbstsonne zu einem Ausflug ins Grüne lockt - wer weiß denn schon, wann sie das nächste Mal scheint?

Die Halle ist voll, sogar richtig zugestellt. 120 Aussteller hat Schwalme mit seinem "euro-messe-team" für die Ausstellung gewinnen können: Massivhausanbieter, Ingenieurbüros, Immobilienmakler, Bausparkassen und Bauträger.

Vom Eingang geht es zuerst eine schmale Treppe hoch in den ersten Stock. Oben verstellen weiße Stellwände den Blick, öffnen sich aber nach links zu einer Gasse. Ein Schild weist darauf hin, dass hier der "Rundgang" beginnt. Den muss man auch nehmen, den Weg abkürzen oder quer durch die Halle zum Ausgang gehen ist unmöglich.

Am Anfang des Rundgangs stehen etwas unschlüssig Doreen und Bernard Voigtländer aus Berlin. Sie wollen eigentlich "nur mal gucken" und erhoffen sich "Inspirationen". Die großgewachsene Blondine und ihr Mann wünschen sich ein Eigenheim, stehen aber noch am Anfang ihrer Planungen. Nun möchten sich die beiden einen ersten Überblick über Preise und Finanzierungen, über Haustypen und Grundstücke verschaffen.

Am ersten größeren Stand laufen sie vorbei. Der gehört der Immobilientochter der Deutschen Post. Die ist zugleich auch der Vermieter des Gebäudes. Die Post offeriert Grundstücke im Teltower Musikerviertel. Vertriebschef Martin von Sanden ist sehr zufrieden mit dem Wochenende. Der Postbahnhof sei als Veranstaltungsort bekannt, es seien jetzt auch mehr Aussteller als am alten Standort in der Charlottenstraße da und das Interesse am Musikerviertel sei auch groß. Sie hätten übrigens den größten Stand hier, fügt er hinzu.

Mit ein paar Quadratmetern begnügt sich dagegen das Ingenieurbüro Koblitz und Schmidt aus Gosen in Brandenburg. Ihr Spezialgebiet ist der Bimsstein - erkaltete Lava aus der Eifel, die man wie Kalksandstein oder Ytong als Baustoff verwenden kann. Er habe eine gute Wärmedämmung und trotz seines geringen Gewichts eine ebenso gute Schalldämmung, erklärt Klaus-Jürgen Nickel, der Mitinhaber der Firma. Und: "Bims können sie ins Wasser stellen - der saugt sich nicht voll." Das zeigt er an seinem Stand leider nicht, vielleicht bleibt deshalb im Moment niemand stehen. Und wie war das Wochenende sonst? "Jäger und Sammler" sagt Nickel über die Besucher und grient fatalistisch. "Die nehmen nur Kataloge mit, die wollen nicht mal beraten werden."

"Jäger und Sammler" - der Ausdruck ist noch zweimal zu hören. Messe-Aussteller haben auch ihre eigene Sprache. Zwei von ihnen nutzen eine vorübergehende Flaute an ihren Ständen zu einer Zigarette im Freien. Am Kopfende der Halle führt eine Glastür nach draußen in die strahlende Herbstsonne. Der Ort hat Charme, ein Holzsteg liegt zwischen alten, von Grünzeug überwucherten Gleisen, im Hintergrund ragt ein Kamin aus rotem Backstein auf. Doch außer den beiden Rauchern will sich das niemand ansehen. Und auch die ziehen hastig an ihren Zigaretten, um schnell wieder an ihre Stände zurückzukehren.

Die meisten Aussteller haben einen Teller mit Keksen auf ihre Messemöbel gestellt, manche bieten dazu Kaffee an, nur einer Sekt. Er versteckt die Flasche fast verschämt hinter seiner kleinen Messetheke. In Sektlaune sind die Besucher, überwiegend Paare zwischen Ende zwanzig und vierzig, anscheinend nicht - obwohl im Cafe der Volksbank im Erdgeschoss lärmender Betrieb ist. Auf vielleicht zehn Quadratmetern stehen ein paar Bistrotische, um die sich die Leute drängen. Ob das jetzt Aussteller oder Besucher sind, ist allerdings nicht auszumachen.

Patricia McFarlane und Robert Steil sind sofort als Besucher zu erkennen. Etwas orientierungslos stehen sie in einem der Gänge und sind sich gar nicht sicher, ob sich die zehn Mark Eintritt pro Person gelohnt haben. Das Paar wohnt in einer Mietwohnung, die modernisiert und in eine Eigentumswohnung umgewandelt wird. "Wir spielen mit dem Gedanken, die Wohnung zu kaufen", sagt Steil und zuckt die Achseln, was wohl heißen soll: "Was bleibt uns schon übrig, wenn wir drinbleiben wollen?" Jetzt suchen sie Informationen über Finanzierungskonzepte. Aber hier scheint alles "primär auf Häuslebauer ausgerichtet", meint Steil. Ein paar Meter weiter werden sie dann doch fündig. Hier präsentiert sich die Investitionsbank Berlin (IBB) mit ihrer "Aktion 400": Die Zahl steht für 400 Mietwohnungen aus dem Berliner Bestand, deren Erwerb die IBB diese Jahr noch fördern könnte. Womöglich genau das richtige Programm für das Paar aus Wilmersdorf.

Vielleicht hätten die beiden auch bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall die passende Finanzierung gefunden. Deren Berliner Regionaldirektor Dieter Möller meint, dass so eine Ausstellung sich schon lohne. Er gebe hier aber nur Informationen und treffe, wenn jemand interessiert sei, Verabredungen zu einem Gespräch nach der Messe. Denn: "Ein Finanzierungsgespräch hier im Stehen - das ist doch nicht seriös", sagt Möller. Die Kunden könnten zu ihm ins Büro kommen, er besuche sie aber auch gerne. "Ich habe doch Sprit im Auto und auch abends Zeit." Möller redet sich warm, auch an seinem Stand ist gerade kein Kunde.

Liegt das am Wetter oder daran, dass die Messe langsam ausklingt? Einige Aussteller lehnen sich schon leicht erschöpft an ihre Theken, andere unterhalten sich gelöst, den Feierabend vor Augen. Unweit des Ausgangs hat der Bauträger Bavaria seinen Stand. Marina Werl von der Niederlassung Berlin steht vor den Schautafeln und nennt das Interesse der Kunden "verhalten". Der Ausdruck "Jäger und Sammler" fällt hier nicht, aber sie sagt: "Die nehmen Kataloge mit." Doch hinterher gebe es "so gut wie keine Rückmeldung". Warum ist die Bavaria dann hier? Sie zuckt die Achseln. Ein Aussteller, der ungenannt bleiben will, antwortet auf die gleiche Frage: "Um zu zeigen, dass wir noch leben."

Am Ausgang steht das Ehepaar Krone aus Mariendorf - unter den Armen dicke Bündel von Prospekten. Auch sie waren "nur auf der Suche nach Info-Material". Ein Einfamilienhaus wollen sie bauen, aber auf der Messe hätten sie wenig gefunden. Was hier angeboten werde, sei doch schon "alles schlüsselfertig". Das ist sicher ungerechnet, aber den Krones ist das jetzt sichtlich egal: Draußen lockt die Sonne.

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