Zeitung Heute : Wohnparks: Warten auf die Nachbarn

Ansgar Oswald

Die Sonnenstrahlen brechen sich im sachte färbenden Laub der Bäume. Die durch weites, unbesiedeltes Land fahrende Tram erinnert ein bisschen an die Eisenbahnen, die im 19. Jahrhundert den "Wilden Westen" Nordamerikas erschlossen. Alles atmet auch hier auf dem Bornstedter Feld in Potsdams Norden, gleich hinter dem Park Sanssouci, Pioniergeist. Denn auch auf dem dreihundert Hektar großen Gelände geht es um jenen alten Zivilisationsakt der Landnahme, um urbar machen und Kultivierung.

Die Pionierleistung besteht in nichts Minderem als dem Bau eines neuen Stadtteil für 17 000 Menschen, wo zuvor 250 Jahre lang das Militär residierte. Dieser Umbruch ist praktizierter Pazifismus, eine Befriedung der Stadt: Erstmals in ihrer Geschichte gehört sie ausschließlich ihren Bürgern.

Das vornehme Bürgertum hatte im 19. Jahrhundert den Anfang gemacht. In den Villenvorstädten durchbrach es das adelige Privileg, vor der Stadt im Grünen zu wohnen. Karl Friedrich Schinkel verewigte mit dem Gartenbaumeister Peter Josef Lenné diese Emanzipation in einer Art Hofgarten der Citoyens, einem Gesamtkunstwerk aus Architektur und Gartenbaukunst.

Die von Georg Fritsch erbaute farbenfrohe Siedlung "Am Schragen" ist dagegen eines der wenigen Potsdamer Beispiele aus dem frühen 20. Jahrhundert, dieses Privileg des Wohnens vor der Stadt zu demokratisieren. Die neuen Quartiere auf dem Bornstedter Feld sind der erste Versuch, in der einstigen Preußenresidenz eine grüne Vorstadt zu bauen, die keine sozialen Unterschiede mehr macht. Allen neuen Siedlungen eigen ist ihr Bezug zu den alten Kasernen. Nach und ach werden die nun mit Wohnungen, Schulen, Geschäften und Kultur zivil gefüllt.

Anfang nächsten Jahres bezugsfertig sind die grünen, viergeschossigen Neubauten in der Pappelallee mit ihren dem sonnigen Innenhof zugewandten Balkonen; ebenso die rötlichen Würfel der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft Gewoba mit den Balkoneinschnitten an den Ecken und der erste von drei luftigen Viergeschossern mit insgesamt 96 Wohnungen. Deren besonderes Merkmal ist eine Balkonfassade, die wie ein Regal wirkt. Die Nettokaltmieten in dieser 1,5- bis Vier-Zimmer-Wohnungen liegen zwischen 8,25 und 10,80 Mark.

Auf überdimensionalen Tafeln preisen die Investoren in der Kirschallee, im äußersten Westen des Bornstedter Feldes, ihre Reihen- und Doppelhäuser sowie Eigentumswohnungen an. "Jetzt kaufen!" steht auf einem Schild der Bodentreuhand- und Verwaltungs-Aktiengesellschaft (BOTAG). Wie eine Art Vorposten der Zivilisation sehen diese Siedlungen aus: Eng bebaut und selbst dort mit herausgeputzten Gärten umsäumt und garniert, wo noch niemand eingezogen ist - als zelebrierten die Bauträger auf diese Weise ihren Selbstbehauptungswillen.

Die Kita der Gartenstadt - farbenfroh wie alles hier, hell und schick mit einem großen Spielplatz - wie auch die Herrmann-MatternPromenade mit ihren vier Baumreihen zeigen deutlich, dass man Großes vorhat. Jetzt streicht hier noch zuweilen der Wind heftig über die von Baugruben und Erdhügeln aufgewühlte Ebene und wirbelt Staubwolken auf. Die ersten Bewohner in den zwei- und dreigeschossigen Häusern dürfen sich wirklich wie Pioniere fühlen: "Liegt das Lager auch in weiter Ferne, doch du Rübezahl hütest sie gut ..." Der Refrain des Rübezahlliedes, der von der Buga herüberweht, beschreibt die Situation treffend.

Knapp die Hälfte der sechzig Bauten sind bis jetzt "behütet". Die Botag rechnet damit, bis Ende des Jahres fast alle verkauft zu haben. Dann erst will sie mit dem Bau der 120 noch geplanten Häuser beginnen. Die Lage zwischen Buga-Park und Lennéscher Feldflur ist zumindest reizvoll. Die mit einem Sattel- oder Giebeldach versehenen Bauten strahlen zugleich Sachlichkeit und pastellfarbene Fröhlichkeit aus.

Das gilt vor allem für die Reihenhäuser. Die gibt es mit einem Studio samt Dachterrasse oder nur als zweigeschossige Bauten mit Wohnflächen zwischen 93,25 und 137 Quadratmetern - auf Grundstücken von 131 bis 285 Quadratmetern. Die Doppelhäuser bieten zwischen 98 und 117 Quadratmeter Wohnfläche auf Grundstücken von 197 bis 297 Quadratmetern. Je nach Haustyp, Größe und Lage liegen die schlüsselfertigen Kaufpreise zwischen 343 500 und knapp 471 000 Mark. Keller gelten als Sonderwünsche. Als Kellerersatz stehen betonierte Gerätehäuser in den Gärten, die nicht selten die einzige Abgrenzung zu den Nachbargrundstücken sind. Die Siedlung erweckt den Anschein eines halb privaten, halb kollektiven Ortes. Vielleicht soll das die Lust auf spontane Nachbarschaftskontakte stimulieren.

Abgeschotteter gibt sich zumindest im ersten Bauabschnitt der Wohnpark Kirschgärten der Bavaria. Die 45 fertiggestellten Reihenhäuser und die Stadtvilla mit neun Wohnungen sind bereits von üppigem Grün umgeben - auch dort, wo noch niemand wohnt. Eine sachliche und einfache Bauweise bestimmt das Bild, deren besondere Merkmale rot verklinkerte Sockelgeschosse und eine Dachterrasse sind. Bis Ende 2002 soll dieses Viertel der Gartenstadt Kirschallee mit seinen 218 Reihenhäusern und 54 Eigentumswohnungen fertig sein. Die Reihenhäuser haben eine Wohnfläche von 84 bis 91 Quadratmetern auf einer Parzelle von 125 bis 257 Quadratmetern, die Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen sind 41 bis 121 Quadratmeter groß. Die Preise reichen von 307 000 bis zu einer halben Millionen Mark.

An diesem strahlenden Sonntag im Herbst pilgern die Besucher nicht nur zur Buga, sondern auch zu den Musterhäusern. Die Kundenberater haben zu tun. Vielleicht bleiben die Pioniere ja doch nicht mehr lange unter sich.

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