Zeitung Heute : Wohnungsbrände: Wertvolle Minuten

Andreas Lohse

Woche für Woche ereignen sich zahlreiche Wohnungsbrände in Berlin. Die Ursachen reichen von "ungeklärt" über "Fahrlässigkeit" bis "technischer Defekt". Über die Gewalt des Feuers erschrocken war man im vergangenen Winter auch in Lichtenberg. In der Landsberger Allee bahnten sich die Flammen in Windeseile einen Weg bis in den neunten Stock. Der Grund für das schnelle Ausbreiten war, dass das Treppenhaus mit Linoleum, Tapeten und hölzernen Einbauten möbliert war - ein Albtraum für Opfer und Helfer. Denn im Rettungsfall ist das Treppenhaus Dreh- und Angelpunkt, es muss so lange wie möglich begehbar bleiben. Bewohner finden hier leichter hinaus als über Balkone und Fenster - und die Rettung über die Drehleiter ist überdies eine wacklige Angelegenheit.

Der Stuhl für ältere Leute auf dem Treppenabsatz ist zwar gut gemeint. Aber im Unglücksfall kommen Retter, zumal mit Gerät, nur schwer daran vorbei, Mietern wird der Fluchtweg verwehrt. Die Feuerwehr rät deshalb, auf Treppenhausmöbel zu verzichten. Auch manches Dachgeschoss wird Mietern zur Falle. Im Zweifel, so der Rat von Brandschutzexperten, solle man auf den Bezug einer Dachwohnung im Hinterhof lieber verzichten, nämlich dann, wenn es keine Zufahrt gebe. Denn die tragbare Leiter der Feuerwehr reicht nur bis zu einer Höhe von maximal zwölf Metern.

Mehr als 800 Menschen sterben in der Bundesrepublik jedes Jahr an den Folgen eines Feuers, mehr als 6000 werden schwer verletzt. Zwei Drittel aller Brände passieren in den eigenen vier Wänden. Damit Rettungen nicht verzögert werden, müssen Mieter und Vermieter schon vorab mithelfen: Rauchabzüge niemals zustellen, Steigleitungen für das Löschwasser nicht verstopfen. Und: Feuerwehr-Stellflächen am Haus sind Rettungswege. Der Vermieter hat dafür zu sorgen, dass sein Haus brandschutztechnisch up-to-date ist. Rangierflächen sind freizuhalten, dafür haftet er im Unglücksfall. Sind Zufahrten blockiert, wuchten die Feuerwehrmänner zwar im Notfall einen Pkw auch schon mal zur Seite - doch das kostet wertvolle Zeit.

Zu den gefährlichen Mythen gehört die Annahme, bei einem Brand habe man mehr als zehn Minuten Zeit, die Wohnung zu verlassen. Fachleute wissen: Es sind durchschnittlich vier Minuten. Eindrucksvoller Vergleich: "Im Moment seiner Entstehung reicht noch ein Glas Wasser, um ein normales Feuer zu löschen, nach einer Minute benötigt man mindestens einen Eimer voll, und nach drei Minuten reichen selbst 100 Liter meist nicht mehr", heißt es in einer Broschüre der Verbraucherinitiative.

Den Brand erst zu melden und ihn danach zu bekämpfen, rät die Feuerwehr. Denn nur die wenigsten seien in der Lage, ein Feuer mit angemessenen Mitteln zu löschen. Vergebliche Versuche aber kosten Zeit. Nur wer ganz sicher ist, solle sich an das Feuer wagen. Wenn der Adventskranz brenne, könne man eine Decke darüber werfen - oder das Jackett. "Das wäre der geeignete Löschversuch, vorausgesetzt, die Gardine brennt noch nicht", so ein Experte.

Brennt die Wohnung und müssen Sie fliehen, sollten Sie die Tür hinter sich ins Schloss ziehen, damit die Flammen nicht auf das Treppenhaus überspringen. Aber vergessen Sie den Schlüssel nicht. Denn damit kann die Feuerwehr wesentlich schneller in die Wohnung als mit der Axt, zumal, wenn die Tür aufwendig gesichert wurde.

Wenn noch Zeit ist, schließen Sie zuvor auch die Zimmertüren. Dann greift das Feuer nicht sofort um sich. Brennt es in einer anderen Wohnung des Hauses und können Sie nicht mehr fliehen, bleiben Sie in Ihrer Wohnung und schließen Sie alle Zimmertüren. Gehen Sie ans - ebenfalls geschlossene - Fenster und machen Sie sich bemerkbar. Der erste Blick der Feuerwehrleute von draußen gilt immer auch den anderen Wohnungen. Geschlossene Wohnungstüren halten einem Feuer mindestens eine halbe Stunde stand. "Das ist viel Zeit", finden Fachleute. Von der Wache bis zum Unglücksort benötige man maximal acht Minuten; man habe mindestens 20 Minuten zum Arbeiten.

So beugen Sie vor

Wenn Sie in den Urlaub fahren, schließen Sie auch alle Türen innerhalb der Wohnung. In einem Fall ermittelte die Feuerwehr als Brandursache einen Toaster, der vor sich hin geschmort war. Die Küchentür war geschlossen: Ein Feuer brach hier mangels Sauerstoff nicht aus. Doch der Toaster schmorte durch Tisch und Dielen eine Etage tiefer. Die Mieter dort waren verreist, alle Türen standen offen, das Feuer brach aus.

Vor Brandstiftung ist man nie sicher. Verschließen Sie Haustüren, Keller und Dachböden. Machen Sie den Vermieter auf offene Türen aufmerksam. Einen Handfeuerlöscher sollte sich nur kaufen, wer ihn auch bedienen kann. "Knopf drücken und draufhalten" reicht nicht, um ein Feuer wirksam zu bekämpfen. Je nach Brandherd bedarf es einer anderen Sprühtechnik. Auch muss seine Funktionstüchtigkeit alle zwei Jahre geprüft werden.

Rauchmelder sind empfehlenswert. Mehr als 95 Prozent der Brandtoten sterben nicht an Flammen, sondern an einer Rauchvergiftung, davon zwei Drittel im Schlaf: 70 Prozent aller Brände mit Todesopfern ereignen sich zwischen 23 und sieben Uhr. Mehr als die Hälfte hätte gerettet werden können, schätzen Fachleute, wären sie rechtzeitig gewarnt worden.

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