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Die Bar im Koffer und ein Stück Flugzeug als Bank: So sehen Möbel gegen Fernweh aus. Ein kleiner Überblick zum Start der Tourismusmesse ITB.

Fast ist es das Schönste am Reisen: die Zeit davor, bevor es wirklich losgeht. Das Nachdenken, wohin man fahren könnte. Das Träumen, wie es dort ist. Das unrealistische Planen: Alles ist möglich, so das Gefühl. Nur keine Katastrophen. In der Fantasie gibt es keine gestohlenen Handtaschen, keine verpassten Anschlusszüge, keine modrigen Hotels. Die ITB wird sie nächste Woche wieder anheizen, die Träumerei zu Hause, wo man es sich mit Hochglanzprospekten gemütlich macht zwischen den Trophäen vergangener Reisen: Marokkanische Tischchen und indische Bambusmatten, die man aus dem letzten Urlaub mitgeschleppt hat. Wer nicht die Reise, sondern das Reisen nach Hause holen will, kann es sich leichter machen und Möbelstücke kaufen, die dem Weg huldigen, nicht dem Ziel. Wir stellen vier von ihnen vor.

DIE BAHNHOFSUHR

Ein Klassiker. Groß und weiß das Ziffernblatt, schwarz die Stunden und Minuten, rot der Sekundenzeiger, der sprunghaft immer ein bisschen hinterher zu sein scheint. Die Bahnhofsuhr ist unverwechselbar, auf ewig verbunden mit zugigen Bahnsteigen, Lautsprecherdurchsagen, pfeifenden Schaffnern und Türen die – „Zurückbleiben bitte!“ – mit einem Knall zuklappen.

Bahnhöfe sind Sehnsuchtsorte, Anfang und Abschied, Aufbruch, Rückkehr und Trennung. Tragödien, Komödien, Kammerspiele – und immer tickt die Bahnhofsuhr. Romantiker erinnert sie an Liebespaare, Melancholiker an Abschiede. Der Nostalgiker denkt an die Dampflokomotive, und dem Pragmatiker gefällt das übersichtliche Ziffernblatt.

Natürlich ist der Designer ein Schweizer gewesen. Seit der Ingenieur Hans Hilfiker die Uhr 1944 entwarf, hat sich nicht viel an ihr geändert. Jedenfalls in der Schweiz hält man sich streng ans Original, in anderen Ländern variiert das Design ein wenig. Im Internet bei eBay kann man von der „Original-Quarz“ bis zum Modell im Kolonialstil oder der Uhr aus dem Kensingtonbahnhof in London so ziemlich jedes Modell ersteigern. Eben noch auf dem Bahnhof, jetzt über der Küchentür.

Im Bahnshop der Deutschen Bahn, www.bahn.de, für 52,50 Euro

DER FLUGZEUG-TROLLEY

Hühnchen oder Fisch? Parfüm oder Teddybär? In dem Rollcontainer fahren die Stewardessen alles am Passagier vorbei, was auf dem Erdboden einen ganzen Kiosk füllen würde. Hier oben in der Luft aber muss der Laden auf Rädern extrem kompakt sein, so schmal, dass er durch den Gang passt, aber trotzdem viel hineingeht, mit vielen kleinen Schubfächern.

Ein praktisches Möbelmobil, auch für zu Hause, dachte sich der Kölner Designer Stephan Bolz, der vorher schon Kinosessel und OP-Lampen verkaufte. Der Trolley passt schließlich in jede Zimmerecke, taugt als Teeküche, Schuhschrank oder Werkzeugkasten. Nur die Aluminiumflächen lässt der Designer mit neuen Folien bekleben: Hirsche, Schweizer Berge oder Barockmuster schmücken nun das Möbelstück. Mit zehn Stück fing er an, heute sind es 200. Und der Nachschub wird knapp, seit es immer mehr kleine Fluglinien gibt, die gerne die ausrangierten Modelle der Großen übernehmen. Bolz’ Trolleys stehen auch in Reisebüros, Arztpraxen und Tagungsräumen. Es sei cool, etwas zu haben, was keiner hat, mutmaßt der Erfinder über seinen Erfolg. Ein Kunde habe sich mal über die vielen Beulen bei seinem Trolley beschwert. Na, der sei schließlich schon um die ganze Welt gereist, habe er ihm erklärt, aber wenn er wünsche, könne er ihn natürlich gerne umtauschen. Am nächsten Tag rief die Sekretärin des Kunden an, er wolle den und sonst keinen. So hat er sich das zerbeulte Weltenbummlertum flugs mit nach Hause geholt. Auch wenn er selbst noch nie so weit gekommen war.

Bestellung im Internet unter www.bordbar.de, ab 979 Euro

DIE KOFFER-BAR

Von außen sieht das Teil aus wie ein lederner Schrankkoffer mit Schnappverschluss. Klappt man ihn auf, wird er zur Minibar. Schrankkoffer und Hausbar – diese Retro-Kombination hat sich der Pariser Designer Jean-Marie Massaud für den italienischen Möbelhersteller „Poltrona Frau“ einfallen lassen. Ein Schrankkoffer zum Aufklappen auf Rädern. In den Innenseiten gibt es Regale mit kleinem Geländer für Gläser und Flaschen, von außen ist er mit weißem Sattelleder bezogen. Die Edelvariante. Unwahrscheinlich, dass man “Isidora“ je zuklappt und mitnimmt. Wozu auch.

Auch früher hat man den Schrankkoffer gerne offen stehen lassen, da aber tatsächlich als Schrank auf Reisen. 1875 hat Luis Vuitton das erste Modell für die reisende Aristokratie entworfen. Außen mit Leder oder Segeltuch bespannt, das Innenfutter aus Seide. 50 Jahre später trugen darin Filmstars wie Cary Grant und Marlene Dietrich ihre Garderobe von Hotel zu Hotel. Heute ist der Schrankkoffer ein hängender Nylonsack. Und für den Preis der Bar könnten sparsame Menschen ziemlich viele Reisen machen.

„Isidoro“ von Poltrona Frau, etwa 7200 Euro

DIE FLUGZEUGFLÜGEL-BANK

Nicht wirklich ein Stück des Reisens, aber eines, das mit seinen Materialien spielt: mit Flugzeughaut. Die jungen türkischen Designer Pinar Yar und Tugrul Gövsa haben die „Wings bench“ entworfen, eine geschwungene Sitzbank für zu Hause. Die Sitzfläche ist aus Flugzeugflügelmaterial, neueste Technologie, die Beine sind aus Holz. Ihre Idee entsprang nicht so sehr träumerischen Freiheitsgedanken, sondern praktischer Überlegung: Die Gestalter wollten hohe Festigkeit bei geringem Gewicht. Einen Stuhl, der einiges aushält, aber nicht danach aussieht. Design muss leicht sein, verschiebbar, mobil (doch wehe dem, der auch nur ein Stück in einer Designerwohnung verrückt!). Mit der Flugzeugassoziation, so die Designer, wollen sie außerdem an ihren Alltag erinnern. Der spielt bei den jungen, flexiblen Frei-Arbeitern von heute nun mal auf den Flughäfen dieser Welt. Und wer sich zu Hause oder im Büro auf echte Sitze aus einem Lufthansa-Flugzeug setzen will: Auch die kann man inzwischen kaufen.

Mehr Informationen unter www.gaeaforms.com; Lufthansa: 069/696 934 85

DIE KUNST-REISE

Das Reisen ist langweiliger geworden in unserer Billigfliegerwelt, man kommt einfach zu schnell überall hin. Es sei denn, man fliegt mit Ingold Airlines. Da bucht man nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg, die Stimmung und die eigenen Spleens dazu. Man kann direkt von der Haustür abgeholt werden, als Verliebte reisen, und schon mal den Wellness-Grad für unterwegs auswählen. Fantastisch! Genau: Das Unternehmen ist ein Kunstprojekt, der Schweizer Künstler Res Ingold verkauft Fantasien und basta. Schade eigentlich. Aber vielleicht auch nicht. Nirgendwo sind Reisen traumhafter als zu Hause.

Routen bei Ingold Airline buchen unter: www.ingoldairlines.com

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