Zeitung Heute : Wolfgang Berghofer: Unternehmen Bergatschow

Michael Jürgs

Der Mann, der mich am Bahnhof Zoo auf Gleis vier abholt, erwidert keinen jener "Ist das nicht der ...?"-Blicke von wartenden Reisenden. Er hat ein Gesicht, das man kennt, aber gern bleibt er gesichtslos und unerkannt. Das ist eine politische Grundhaltung und ein Dilemma zugleich. Wolfgang Berghofer fürchtet nicht nur Zuneigung, er fürchtet sich auch davor, seine Zuneigung zu zeigen. Nebenbuhler lauern auf ein falsches Wort zur falschen Zeit. Deshalb scheute er so lange das Bekenntnis, ja, ich will sie erobern, die Schöne an der Elbe, will sie besitzen, die Spröde aus dem Tal.

Wenn er weiterhin schweigt, hat er bei ihr verspielt. An diesem Wochenende wird nämlich als letzte der um Dresden werbenden Parteien die PDS ihren Kandidaten verkünden für die Oberbürgermeisterwahl im Juni. Deshalb muss Wolfgang Berghofer, der populäre Parteilose, jetzt der Forderung folgen, die 90 Prozent der E-Mails auf seiner Website erheben: Wolfgang, mach es! Er muss antreten zur Wahl.

Der Grund für die bisherige Strategie des Schweigens sei doch klar, sagt er: "Hätten früh die Genossen von einst" ihn als einen der Ihren unterstützt, hätten im Gegenzug "die anderen mich als einen von denen bekämpft, dann wäre die Wahl schon vor meiner Antrittsrede verloren gewesen". Stattdessen ließ sich Berghofer zähneknirschend als Hamlet belächeln, als politische Unschuld, die ihre Reinheit behalten und doch von der Liebe des Volkes geschwängert werden will, als einer, der zum Jagen getragen werden müsse.

Seine deutsche Vergangenheit hat Wolfgang Berghofer, 58, verdrängt. Das Datum im Jahre 1992, an dem er wegen Wahlfälschung zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt wurde, ausgesetzt zu drei Jahren Bewährung, muss er deswegen in den Akten seines Anwalts Otto Schily nachblättern. Zwei Leitz-Ordner stehen hinter ihm griffbereit auf der Fensterbank im Konferenzraum seines Berliner Büros in einem renovierten Friedrichshainer Hinterhof. Die Debatte, ob man in der DDR überhaupt Wahlen hat fälschen können, da es keine freien gab, ob ein Ergebnis von 89 Prozent Ja-Kreuzen statt eines von 98 Prozent am real dahinvegetierenden Sozialismus im Frühjahr 1989 etwas geändert hätte, wird nur unter Juristen noch geführt.

Berghofer, den sie im deutschen Sturm und Drang der Wende zum Kennedy aus Dresden, zum Bergatschow der DDR hochschrieben, weil er nicht so grauzonig war und nicht so verbohrt wie die vom Mantel der Geschichte zugedeckten Genossen, fiel tief. Vom Hoffnungsträger zum Wahlbetrüger. Das beklagt er nicht, das "ist nicht Siegerjustiz, sondern Justiz", stellt er kühl fest.

Perückenmaterial für West-Glatzen

Da er seine Rechnungen zu bezahlen pflegte, ist keine mehr offen. Also könnte er seiner Vergangenheit zum Trotz die erste - und letzte - Chance nutzen, Oberbürgermeister von Dresden zu werden. Das war der gelernte Maschinenschlosser und studierte Diplomhistoriker, dessen sächsischer Grundton die Worte weich macht, zwar schon einmal, aber eigentlich war er es so richtig noch nie. Erstens wurde ein Stadtoberhaupt in der DDR nicht gewählt, sondern abkommandiert, zweitens hatte ein Bürgermeister im Land der SED-Muggel, deren Fantasie nicht für einen Harry Potter, nur für Sandmännchen reichte, kaum was zu sagen. Die Partei, der er seit 1964 angehörte, behielt stets das letzte Wort. "Widerspruch war selten, feige waren wir alle", bekennt Berghofer.

Er blickt fragend, als ich den Mund verziehe. War aber nicht moralisch gemeint, der Kaffee ist zu dünn. Das zentral gesteuerte System auszutricksen, erforderte einst geschicktes Taktieren. Mit langem Atem mögliche Freiräume ausspähen, diese in blitzartigen Überfällen besetzen - und keinesfalls Siege feiern. Der gebürtige Bautzener lernte es in Dresden, stillschweigend geduldet von Hans Modrow. In einem waren sich die beiden Männer einig: Die Greise vom ZK in Berlin hatten keine Ahnung von der Realität. Sozialistische Wirklichkeit vor Ort hieß, sich tief bücken zu müssen.

Und wie: Abfall vom Boden der Friseurläden der Stadt aufsammeln lassen, damit der Genosse Berghofer Ost-Haare als Perückenmaterial für West-Glatzen liefern konnte und im Gegenzug über Schalck-Golodkowskis "KoKo"-Kanäle gebrauchte Kehrmaschinen erhielt. Oder im Tausch gegen Personalcomputer, die es trotz des angeblich weltführenden ortsansässigen Herstellers Robotron nie gab, ein zwölfteiliges Ess-Service aus Meissener Porzellan verscherbeln, antike Türschlösser, Bauhaus-Stühle, vergoldete Bilderrahmen und diverse Gemälde. Berghofer räumte die Depots, um für Notfälle, also Alltag in Dresden, das Erforderliche zu besorgen. Weil er unter damaligen Umständen die Stadt führte, ist er erst recht davon überzeugt, sie unter heutigen Umständen managen zu können.

Den Sozialismus in seinem Lauf hätte einst leicht jeder Ochs, jeder Esel aufhalten können. Aber dass es so einfach war, durfte nicht bekannt werden. Planwirtschaft zeitigte nur auf unterster Ebene ehrliche Zahlen, wenn ein Betriebsleiter seinem Chef beichten musste, den Plan allenfalls zu 70 Prozent erfüllen zu können. "Bis zur Meldung ganz nach oben bei Honecker war das in 130 Prozent umgelogen worden, in erfolgreiches Wirtschaften", sagt Berghofer. Als die so ahnungslosen Wessis nach der Einheit die wahren Bilanzen erfuhren, war der böse Witz schnell belegbar: Was ist ein ostdeutscher Break Even? Wenn der Verlust den Umsatz erreicht. Dass diese Gleichung zehn Jahre später auch für urkapitalistische Blüten der dot.commis gilt, hat etwas Tröstliches für die einstigen ost.commis.

Berghofer wurde zum Pragmatiker, nachdem er von Egon, dem obersten FDJ-Genossen Krenz den Marschbefehl an die Elbe bekam: "Wird Zeit, dass du in deinem Alter endlich das Blauhemd ausziehst. Du gehst nach Dresden." Er betrat 1986 seinen Amtssitz. Eimer sammelten im Rathaus an vielen Stellen das von undichten Decken herabtropfende Wasser. Die verrottete Stadt im Tal der Ahnungslosen, so genannt, weil das Westfernsehen dorthin nicht reichte, bewies auch sonst Straße für Straße, dass es möglich war, Ruinen zu schaffen ohne Waffen.

Die bald nicht mehr so Ahnungslosen wie Berghofer, Schalck & Co. trafen sich bei der Leipziger Frühjahrsmesse 1989 in Hinterzimmern, wo die kaum noch atmende Volkswirtschaft DDR mit allen Tricks auf Miss Germany geschminkt war, um die Westfreier zu täuschen. Der heimlichen Besserwisser à la Berghofer liebster Spruch: Hoffentlich bricht der Kapitalismus nicht schon morgen zusammen, wir sind so schlecht vorbereitet.

Denn überall in der DDR war Dresden: 6000 durchlässige Dächer zählte man da, dagegen kämpften 19 Dachdeckerbetriebe, allerdings ohne Material. Im Winter 1988 gab es keine Briketts mehr, um Einrichtungen wie Schulen, Theater, Ämter zu heizen. Berghofers Idee: Wir müssen die Winterferien vorziehen, die Schulen schließen. Kaum erfuhr davon die Landesmutter Margot Honecker, zuständig für die Verbildung des Volkes, gab es Richtung Dresden über Nacht 15 Züge mit je vierzig Waggons Kohle und Briketts und, so Berghofer, "wahrscheinlich nichts mehr zu heizen für Karl-Marx-Stadt oder Magdeburg."

Nur von einem gab es genug, von Dreck. Der stapelte sich im Elbflorenz, wohin das Auge blickte, weil sich das Volk einen Dreck darum scherte, wie die öffentlichen Plätze aussahen. Ein Signal befolgten alle Völker in Ämtern und Betrieben: Ab Freitag ums eins macht jeder seins. Mit Witz und Elan ab in private und vor allem saubere Nischen.

Der Parteikarrierist Berghofer, Shootingstar der FDJ, hatte vieles geahnt. So beschränkt wie andere war er nicht mal in hohen Zeiten tiefer Überzeugung. Unterschrieben hat er, auch wie andere, beim Ministerium für Staatssicherheit, dort geführt als IM Falke. Erst post festum konnte er eine Beurteilung von 1981 lesen, nach der er aufsässig sei. Fazit des in Sütterlinschrift verfassten Papiers: Als IM könne man ihn vergessen. Das schadete ihm nicht, denn "ich war an der Hochschule in allen Prüfungen, in allen Fächern von allen Studenten der Beste, die Nummer eins". Ein Klassemann, den die Partei brauchte für den Klassenkampf.

Die CDU lockte ihn

Die Partei, ach, die Partei. Berghofer redet sich in Rage, der Kaffee ist längst kalt, aber er redet sich nicht frei von Schuld. Nicht die anderen waren es, er gehörte in der DDR selbst zu den anderen. Immerhin hat er früh, wenn auch grundsätzlich zu spät, aber das sagt sich leichter vom Westen aus, die SED verlassen. Es war im Februar 1990, als andere noch an eine zweite Chance und einen dritten Weg glaubten. Er hat beim Weltwirtschaftsforum in Davos die Misere seines Pleitestaates analysiert und vorausgesagt, dass es lange dauern würde, bis die Landschaften im Osten blühen würden. Er ist nie wieder in eine Partei eingetreten, weil "meine eigene Vergangenheit nicht kompatibel" war. Versuche der CDU, ihn als Spitzenkandidaten in die erste freie Landtagswahl zu schicken, hat er abgeblockt. Mach du das, Kurt.

Weil Berghofer seine alten Lasten nicht verschwieg, muss er sich vor neuen Enthüllungen nicht fürchten. In Dresden wird er unbelastet als parteiloser Kandidat um Wähler werben können. Seine Chancen? Einerseits gut, weil sein Volk ihn von früher kennt. Andererseits nicht, eben weil es ihn von früher kennt.

Berghofers persönliche Geschichte, die er ruhig erzählt, zurückgelehnt wie aus unpersönlicher Distanz, ist DDR-Geschichte. Der 13-Jährige, der bei der Großmutter in Bautzen aufwächst, weil die Eltern geschieden sind und sich für ihn, das Einzelkind, keiner von beiden interessiert. Der Abiturient, der Monteur im sozialistischen Auslandseinsatz werden will, aber das nicht so witzig begründen kann wie heute: "Die Welt anschauen statt Weltanschauung." Abgelehnt. Der Parteisoldat, der spätestens seit dem 14. August 1961 immer der Beste sein musste, denn nach dem Mauerbau war seine Mutter über Nacht in Westberlin geblieben. Das traf ihn nicht menschlich, sie hatte sich nie um ihn gekümmert. Doch von nun an stand in der Kaderakte, die Jahr um Jahr ergänzt wurde: Sohn einer Republikflüchtigen. Deshalb durfte er nicht in die NVA. Um diese Strafe beneideten ihn heimlich viele.

Systemimmanente Karriere: FDJ-Sekretär für Kultur und Sport. Jugendhochschule "Wilhelm Pieck", kaserniert in Wandlitz, nur alle sechs Wochen Fahrt nach Hause zu seiner Frau und den beiden Kindern. In der Bibliothek des "Roten Klosters", der Kaderschmiede, hatte er Zugang zu allen Büchern, die auf dem Index standen. Das war ziemlich spannend. Aufstieg in die Westabteilung des FDJ-Zentralrats in Berlin. Unvergessen das erste Gespräch dort: Schaust du Westfernsehen, Genosse? Natürlich nicht. Befehl: Ab sofort schaust du alles und liest alle westlichen Zeitungen, man muss wissen, was der Klassenfeind denkt. Das war noch spannender.

Berghofer konzentrierte seine Fähigkeiten auf die Organisation von Massenveranstaltungen wie Weltjugendtreffen. Er wurde mit Wohnsitz Berlin ein umherreisender sozialistischer Eventmanager. Parolen dichteten andere, einer musste zuständig sein für Ankunftszeiten von tausend Zügen, Verpflegung von hunderttausend Teilnehmern, sanitäre Einrichtungen. Das war er. Bei der Eröffnung seiner Events trug er zum blauen FDJ-Hemd passend die rote Fahne. Kein leichter Job, dieses Planen. Denn es galt, die vier Hauptfeinde des Sozialismus zu überwinden, als da waren Frühling, Sommer, Herbst und Winter.

Sein Wahlprogramm

Erinnerung an ein Camp in Eisenach. Aus dem Westen waren Brüder und Schwestern im Geiste angereist, vor allem Mitglieder der SDAJ. Berghofer erzählt: "Ich bekam den Befehl von oben, einen Unterhaltungsabend auf DDR-Niveau zu organisieren." Dabei eine Band namens Puhdys, die er zwar nicht kannte, die aber jung und wild sein sollte. Was halt so als jung und wild galt in der DDR. Als die mit Zonen-Rock loslegte, stiegen die Genossen von drüben protestierend auf ihre Stühle und skandierten "Klassenkampf", womit sie Klampfenkrampf zum Mitsingen meinten.

Als am 3. Oktober 1989 die Geschichte begann, deren Ende bis heute nicht verarbeitet ist, hat die Parteiführung in Dresden den Bürgermeister Berghofer erst einmal damit beschäftigt, alle Jubelfeiern zum 40. Jahrestag der DDR zu organisieren, er sollte sich nicht um sein eigentliches Volk kümmern, das auf die Straßen ging. Doch da gehörte er schon nicht mehr zu denen, die das Volk bedrückten. Dem Honecker-Erben Krenz gab er es am 30. Oktober 1989 in einem Memorandum schriftlich, unter anderem in Punkt vier: "Gefordert sind soziale Gleichheit und Gleichberechtigung, Abbau jeglicher Privilegien ... Gefordert sind Rechtstaatlichkeit, Schutz vor Willkür jeder Art ..." und nach einem Disput am Telefon mündlich: "Du Arschloch, du hast wirklich keine Ahnung." Das war richtig erkannt. Der Rest der Geschichte ist Historie.

Der Mann, dessen Sohn in Berlin im Grips-Theater engagiert ist und dessen Tochter als Musiklehrerin in Oakland lebt, hat in den vergangenen Jahren sein Geld in der freien Marktwirtschaft verdient. Er zeigt mir im Flur die Fotos, die eines gemeinsam haben: Berghofer ist überall drauf, mal mit Kohl, mal mit Gorbatschow, mal mit seinem Managervorbild Körber.

Dass er als Unternehmensberater für Kommunalverwaltungen arbeitet, was bedeutet, mit Hilfe von Analysten und Investoren verschuldete Gemeinden wieder lebensfähig zu machen, könnte ihm jetzt helfen. Seine Erfahrungen bündelt Berghofer in Sätze, die nicht von ungefähr wie ein Wahlprogramm klingen: "Dresden fehlt eine dynamische und anziehende Atmosphäre für Investitionen. Dresden schöpft seine Ressourcen und Potenziale an Wissenschaft und Bildung nicht aus. Dresden fehlt neuer Schliff, Kunst und Kultur brauchen einen neuen Stellenwert. Dresden braucht neue, moderne Formen der Bürgermitbestimmung und eine Stadtverwaltung, die sich als Dienstleister für Bürger und Wirtschaft versteht."

Wolfgang Berghofer ist zwar noch die Sphinx, die am Orakel würgt, weil es sie diesmal selbst betrifft, aber ihn reizt die Herausforderung. "Ich will was machen, und um etwas machen zu können, braucht man Macht." Da ist was dran. Nun ist er dran.

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