Zeitung Heute : Wolfgang Clement: Der Tempomacher

Jürgen Zurheide

Wolfgang Clement reckt den linken Daumen einmal kurz nach oben, über sein Gesicht huscht ein Lächeln. Es signalisiert Freude und Erleichterung. Am rechten Ohr hält er das Mobiltelefon eines Mitarbeiters, der ihm soeben die Verbindung zu Gerhard Schröder geschaltet und Clement für dieses Gespräch aus der Fraktionssitzung geholt hatte. Hinter der verschlossenen Tür regte sich gerade wieder einer der lieben Genossen mächtig über ihn auf, kritisierte die vielen Alleingänge des Düsseldorfer Regierungschefs im Allgemeinen und seine Position zur Gentechnik im Besonderen. Exakt in diesem Moment ruft ihn der Kanzler an, um ihm mitzuteilen, dass sich das SPD-Präsidium soeben einstimmig dafür ausgesprochen hat, das Embryonenschutzgesetz nicht zu ändern, und im Übrigen den Import von Stammzellen zum Beispiel aus Haifa für rechtmäßig hält. Ein kleiner Sieg für Clement.

Weißwein beim Kanzler

Ausgerechnet der Kanzler hatte eine entsprechende Mehrheit gezimmert und auch Franz Müntefering auf diese Position eingeschworen, der sich mit Clement kürzlich in dieser Sache einen öffentlichen Disput geleistet hatte. Auch über Schröders Verhältnis zu Clement war in Düsseldorf einiges gemunkelt worden, seit in etlichen Zeitungen Bemerkungen über den "Stoiber vom Rhein" gestanden hatten, deren Urheber zwar nicht klar genannt, aber dem Umfeld des Kanzlers zugeschrieben worden waren. Wolfgang Clement hatte sich etwa am frühen Freitag über solche Schlagzeilen gewundert, als er morgens vor den Verhandlungen um den Finanzausgleich lesen musste, dass sein Verhältnis zu Gerhard Schröder massiv beschädigt sei. "Das war schon erstaunlich", sagt Clement, denn er hatte nur wenige Stunden Nachtschlaf hinter sich, was auch damit zu tun hatte, dass er mit dem Kanzler die eine oder andere Flasche Weißwein geleert und sich längst mit ihm ausgesprochen hatte.

Das war allerdings durchaus nötig. Die Ministerpräsidenten der SPD-Länder hatten sich in Berlin versammelt, um die verfahrene Lage in der Finanzausgleichsdebatte zu beraten. Direkt zu Beginn gerieten Wolfgang Clement und Gerhard Schröder aneinander. "Das war ein reinigendes Gewitter", sagt Clement, schweigt aber, wenn man nach Hintergründen fragt. Der Kanzler tut es ihm gleich. Dafür berichtet der eine oder andere Kollege, dass die beiden ihre Argumente lautstark vorgetragen haben. "Das war nicht schön", lässt einer durchblicken, der dabei gewesen ist. Schröder habe Clement vorgehalten, dass er sich weder in der Gentechnik-Debatte noch bei der Föderalismusdiskussion und dem Streit um den Finanzausgleich an Absprachen halte und ständig eine Sonderrolle spielen müsse.

Dass der Streit zwischen Clement und Schröder wirklich tiefgreifend war, bestreiten selbst Augenzeugen des Aufeinandertreffens am Donnerstagabend. Immerhin hatte der Kanzler seine Attacke mit den Worten eingeleitet "wenn ich dich nicht mögen würde, würde es jetzt zum richtigen Streit kommen". Nicht wenige glauben, dass sich Schröder mit dem Angriff den nötigen Freiraum in den eigenen Reihen geschaffen hat und die Aktion am Ende viel mit den Machtritualen der Politik zu tun hat.

Schließlich liegen Schröder und Clement in den zentralen Politikfeldern auf einer Linie. Beide halten den Import von Stammzellen und die entsprechende Forschung in Deutschland für nötig. Schröder steckt allerdings, anders als Clement, in Terminzwängen, weil er seinen nationalen Ethikrat vor einer Entscheidung der Deutschen Forschungsgemeinschaft anhören muss; es sei denn, er wollte das Gremium allzu offenkundig als Abnickverein demaskieren.

Selbst das gemeinsame Votum der SPD im Düsseldorfer Landtag mit der FDP in Sachen Gentechnik ist für den Kanzler nur bedingt schädlich, zumal er selbst immer wieder die liberale Karte spielt. Der Tadel in diesem Punkt war deshalb vergleichsweise milde. "Es ist ja schön, alle Optionen offen zu halten - aber so weit musste es wirklich nicht gehen", hieß es in der Sprache des Kanzlers, bevor er davon schwärmte, dass er sich an diesem Mittwoch mit Guido Westerwelle zum vertraulichen Plausch verabredet hat. Auch in Sachen PDS ziehen Schröder und Clement an einem Strang, beide sehen die große Gefahr, dass die SPD im Westen die neue Mitte verliert, wenn es im Osten und in Berlin zu viel Zusammenarbeit gibt. Angesichts dieser Ausgangslage hat der Streit zwischen den beiden viel mit Taktik zu tun. "Es geht auch um die Frage, wann etwas spielt und wo etwas spielt", gibt Wolfgang Clement unumwunden zu.

Damit beschreibt er freilich nicht nur seinen Konflikt mit den Parteifreunden in Berlin. Als etwa die Vorstands-Genossen vom größten SPD-Bezirk Westliches Westfalen am Wochenende in der Heimat zusammentraten, schwankte die Stimmung zwischen fast katastrophal und explosiv. "Dem muss mal beigebracht werden, wer ihn wählt", zischte ein Vorstandsmitglied mit Blick auf Clement und dessen überraschende Einigkeit mit Möllemann. Natürlich war Clement nicht dabei, schließlich musste er in Berlin den Finanzausgleich verhandeln. Dafür wurde die parlamentarische Geschäftsführerin der Landtagsfraktion, Carina Gödicke, in die Mangel genommen, und ihre Erklärungsversuche für den plötzlichen Flirt mit der FDP machten die Genossen am Ende nur noch wütend. Jochen Poß, der Vorsitzende der Westlichen Westfalen, drückte das hinterher so aus: "Das ist eine Spalter-Debatte, sie ist kontraproduktiv und belastet die eigene Partei."

Für die SPD-Basis taucht damit wieder jener Wolfgang Clement auf, den sie in seinen frühen politischen Tagen an der Seite von Johannes Rau schon kennen gelernt hatte: ein ungeduldiger, gelegentlich hochfahrender Zeitgenosse, dem das meiste nicht schnell genug geht. Neben dem präsidialen Regierungschef Rau hatte Clement damals in der Staatskanzlei die Zügel angezogen und auf Tempo gesetzt. "Der Wolfgang macht das schon", hatte Rau immer wieder gesagt, und Clement machte. Er griff ohne Vorwarnung in die Kompetenzen seiner Minister ein und lächelte noch, wenn ihn einer als "arroganten Schnösel" beschimpfte. Diesen ungeduldigen Wolfgang Clement hatten die Parteifreunde in den zurückliegenden zwölf Monaten fast vergessen. Seit er nicht mehr mit den von Rau geerbten Prozenten, sondern mit einer eigenen Mehrheit arbeitet, war er deutlich gelassener geworden; selbst mit seiner Lieblingsfeindin bei den Grünen, mit Bärbel Höhn, hatte er sich arrangiert.

Kampf gegen die Physik

Und doch hat er sich nicht geändert. Wer den Mann verstehen will, muss sich anschauen, wie er läuft. Jeden Morgen zieht er die Turnschuhe an, egal wie kurz die Nacht gewesen ist. Obwohl er inzwischen seit Jahren joggt, sieht man ihm die Mühe dabei noch an. Jeder Schritt ist ein Kampf gegen die Gesetze der Physik. Wo andere leichtfüßig über den Asphalt schweben, helfen ihm seine kräftigen Waden und der unbändige Wille, die sechs Kilometer hinter sich zu lassen, die er morgens zu seinem Wohlbefinden braucht. Bei diesem Tempo können nicht viele mithalten, und Clement hat wenig Scheu, das andere spüren zu lassen. Allenfalls Peer Steinbrück, sein Finanzminister, zählt etwa im Kabinett zu den wenigen, die er voll akzeptiert.

In Krisensituationen hat er folglich in der SPD nur wenige Mitstreiter. Gelegentlich bieten Parteifreunde ihre Hilfe an, aber in einem für Spitzenpolitiker fast unverständlichen Maße missachtet Clement solche Offerten, schaut sich hinterher etwas verwundert um und stellt fest, dass er weit vor der Truppe steht. "Ja, mein Mann ist kein guter Taktiker, das wissen Sie doch", pflegt seine Frau in solchen Situationen zu sagen. "Es ist richtig, ich muss da mehr Zeit für die Parteifreunde einplanen", hat Clement inzwischen erkannt. Vermutlich hat nach dem Kanzler auch seine Frau mit ihm geredet.

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