Zeitung Heute : Wolfgang Joop will nicht mehr brav sein

Das Label Wunderkind durfte zum ersten Mal im Rahmen des offiziellen Schauenkalenders zeigen

In Paris Mode zu zeigen, ist wie Monopoly spielen. Man fängt mit wenig an und sammelt Kapital. Die Währung ist in diesem Fall Anerkennung, und Wolfgang Joop ist jetzt mit seinem Label Wunderkind sozusagen bis in die Schlossallee vorgerückt. Am vergangenen Sonnabend zeigte er seine Kollektion zum ersten Mal im Herzen der Pariser Mode – im Carrousel du Louvre unter der gläsernen Spitze des altehrwürdigen Museums. Dort lässt die weltweit bedeutendste Modeorganisation, die Chambre syndicale de la Mode, handverlesene Designer zeigen, warum sie es verdient haben, hier Gast zu sein. Mehr Aufmerksamkeit kann ein Designer in der gesamten Modewelt nicht erregen.

Für Wolfgang Joop sind eine Menge Unterstützer aus Berlin angereist. Hutmacherin Fiona Bennett, Strickdesignerin Claudia Skoda und der schon als der Wolfgang Joop der jungen Generation gefeierte Michael Michalsky stehen mit Champagner und Schnittchen vor den Türen und warten auf den Einlass. „Wir machen hier Berlin-Support“, sagt Nora Rochlitzer, die Pressefrau von Michalsky, in schönstem Modedeutsch. All die deutschen Journalisten, die die Botschaft von der Eroberung der Pariser Mode in die Heimat tragen sollen, sind wichtig. Aber noch viel wichtiger sind die internationalen Kollegen, die in die ganze Welt hinausposaunen sollen, dass Joop tolle Kleider macht.

Und das macht er tatsächlich, auch wenn er ein bisschen im Bohèmestil der letzten Saison verharrt, wie ein amerikanischer Journalist später schreiben wird. So richtig klassisch, konservativ und fast schon prüde wird es bei Wunderkind tatsächlich nicht, obwohl in Paris die Chanels und Diors für den nächsten Herbst diese Tonlage vorgeben. Aber der 63-jährige Wolfgang Joop will nun mal nicht mehr brav sein. Wenn es eine Konstante in seinen bislang vier Pariser Saisons gab, dann die, dass der Potsdamer unterschiedliche Stoffe und Muster scheinbar wild in einem Kleidungsstück verarbeitet und ihm dabei oft auch die Schnittführung ein wenig zu verrutschen scheint. Das macht er aber mit solcher Könnerschaft, dass sich im Wunderkind-Universum alles zu einer höheren Modeordnung fügt.

Auch dieses Mal setzt Joop in einem einzigen Kleid mehrere Karostoffe gegeneinander und bringt am Saum Tigermuster und Pelz an, als wolle er rufen: Ich bin nicht langweilig! Ich erinnere mich gern an die Zeit, als ich ein Hippie war! Und bin trotzdem im Hier und Jetzt!

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