Wolfgang Schäuble : Kann einer das aushalten?

Was er alles hätte werden können: Kanzler, Berlins Bürgermeister, Bundespräsident. Er wurde es nicht – wieder nicht. Das ist seine Tragödie. Was steht ihm im Weg: Die Spendenaffäre? Seine Kühle? Oder ist er nicht brutal genug? Eine Begegnung mit Wolfgang Schäuble

Stephan-Andreas Casdorff

Das sind die Momente, in denen sich Räume verengen, in denen sie beherrscht werden von einem Gefühl, das sich ausbreitet, ja fast körperlich ausdehnt, bis man meint, nun müsse doch etwas geschehen. Ob das Gegenüber jetzt vielleicht schreit? Ob ihm vielleicht der Kragen platzt?

Nichts davon. Wolfgang Schäuble sitzt an seinem Tisch, die Hände gefaltet, und schaut. Und schaut. Er blickt zurück. Er sagt nichts. Er lässt die Worte verhallen. Sie treffen – sein Gegenüber. Solche Fragen …

Wie hält einer das aus? Wie bleibt einer ganz bei sich, wenn ihm so etwas geschieht? Wie fühlt es sich an, wenn man die Hauptrolle in einer Tragödie hat?

Ja, wieder einmal hat dieser Mann die Hauptrolle, und wieder einmal ist alles nur im Konjunktiv geblieben. Was er alles hätte werden können: Kanzler, Regierender Bürgermeister, Bundespräsident. Für hohe und höchste Ämter ist er genannt worden, und eines haben ihm alle bescheinigt, ob Freund oder Feind (denn Feinde hat er, keine Frage): das Können. Einen brillanten Kopf. Die Gabe der Rede.

Als er beim Deutsch-Russischen Forum spricht, zum Beispiel, am Abend nach der Nacht, in der sich so viel entschied, in der sich Angela Merkel endgültig gegen ihn entschied, an diesem Abend also redet er über das deutsch-russische Verhältnis. Als wäre nichts gewesen, er würde sagen: weil es der Sache dient. Danach fragt Alexandra Gräfin Lambsdorff, wer außer ihm in Deutschland so hätte reden können.

Wolfgang Schäuble ist nicht unempfänglich für Komplimente. Er hört und liest sie wohl; manche liest er sich auch laut vor. Sie tun ihm sichtlich gut. Er liest ein Fax von Hans-Dietrich Genscher. Und er lächelt, ein bisschen bübisch, ein bisschen genant, wie es seine Art ist.

Überhaupt, seine Art in diesen Stunden danach: Den Hemdkragen gelockert, räumt er auf, auf dem Schreibtisch sowieso, in seinen Gedanken außerdem. Er ist keiner, der etwas unbearbeitet liegen lässt. Das ist die eine Antwort auf das, was ihm geschehen ist: So, nur so hält er es aus.

Gnadenlose Gegner

Der Kopf ist sein Kosmos. Seine Gedanken machen ihn frei. Natürlich gibt es diese Momente der Enge, in denen Schäuble am liebsten den alten Rechthaber geben würde, wo er anfängt, jeden Schritt nachzuzeichnen, aufzurechnen. Aber wer, wenn nicht er, kennt die politische Mathematik und die politische Ökonomie. Und die Technik der Macht. Er hat sie gelernt bei Helmut Kohl und selber ja auch angewandt. Im Kanzleramt, in der Fraktion, in der Partei, als er das alles noch führte. Hat er nicht Waldemar Schreckenberger, Kohls altem Schulfreund, gesagt, dass seine Zeit als Staatssekretär im Kanzleramt vorbei sei, weil der Kanzler selbst es nicht sagen konnte? Da konnte er kühl sein. Konnte er immer.

In diesen Momenten eine Erinnerung an Kühle, die man ihm vorhält – und er bestreitet es nicht. Nein, die Gesetze der Politik kennt er so genau wie die anderen, die des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Auch deswegen war Schäuble ja ein so guter Unterhändler für die deutsche Einheit: weil er alle Gesetze und die Verfassung kannte, sie anwandte, sich mit ihnen durchsetzte. Sein Buch heißt nicht umsonst: „Der Vertrag – Wie ich über die deutsche Einheit verhandelte“.

So wie er die Gesetze der Politik oft genug angewandt hat, sind sie nach seinem Fall immer wieder auf ihn angewandt worden. Allerdings mit einer Gnadenlosigkeit, die ihresgleichen sucht. Was ihm vor allem zu Zeiten der Regentschaft Kohls immer vorgehalten wurde, kalt und bisweilen sogar gnadenlos zu sein, kommt ihm jetzt entgegen, wo die Parteifreunde und die Gegner ihn schwach genug wähnen. Jetzt kommt zurück, dass er so lange so gnadenlos loyal war. Er hat Kohl die Macht gesichert, manchmal er ganz allein. Das macht einsam.

Schäuble hat Kohl gedient, ohne dessen Verdammungsurteile zu übernehmen. Oft mit leiser Melancholie, wie im Fall Lothar de Maiziere, weil er Kohls Brutalität nicht mochte. Und selbst nicht hatte. Er hat sie auch heute nicht, das sieht man ihm an. Verletzt wirkt Schäuble. Die Würde des Menschen ist antastbar.

Und dann hat Schäuble einen Fehler gemacht, der ihn bis heute verfolgt, im wahren Wortsinn: Er hat Helmut Kohl fallen lassen. Es war in der Spendenaffäre, als der Altkanzler und Übervater der Partei die Namen seiner vermeintlichen Spender nicht nennen wollte. Schäuble bat und drängte und forderte – und dann sagte er sich los. Er führte die CDU weg von Kohl. Das hat der nie verziehen.

Er forderte Gefolgschaft

Als Schäuble im Parlament die Unwahrheit sagte, unter diesem Druck schwach wurde, war nichts mehr zu retten. Eine Entschuldigung reichte nicht aus gegen den Druck, der von allen Seiten kam, auch aus den eigenen Reihen. Und es zeigte sich, was Schäuble der CDU war: ihr Kopf. Ans Herz reichte er ihr nicht. Da saß Kohl, dort sitzt der bis heute.

So wie Kohl damals telefonierte, um den ungetreuen Sohn zu strafen, Mal um Mal, weil er ihm nichts gönnen möchte, nicht den Vorsitz und kein Bürgermeisteramt, so hat Kohl auch jetzt wieder telefoniert. Er kann ihm eben nicht verzeihen; vielleicht auch nicht, dass er an Schäubles Krankenbett nach dem Attentat Tränen um ihn vergossen hat.

Schäuble hat in der CDU Gefolgschaft eingefordert, oft ungeduldig, nicht selten herrisch, aber immer aus besserer Einsicht. Die Verletzungen, die er hinterließ, sind Narben geworden; sie schmerzen manche immer dann, wenn er wieder etwas werden soll. Jetzt haben sie einige wieder geschmerzt, weil Kohl sie daran erinnert hat. Und weil Angela Merkel nichts dagegen unternommen hat.

Wer Schäuble darauf anspricht, der erhält als Antwort nur wieder diesen Blick. Der Sphinx. Was er sagt? Dass er alles, aber wirklich alles, was er in seiner damaligen Lage habe tun können, getan habe, damit sie Parteivorsitzende werde. Von Dank sagt er nichts. Warum auch? Da gibt es nichts zu berichten.

Dank hat er nie erhalten. Nicht von Kohl, nicht von Merkel, nicht von der FDP, die ihn jetzt als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten abgelehnt hat. Ohne konkreten Grund, wie im Präsidium etliche und als Erster der sachsen-anhaltinische Landeschef Wolfgang Böhmer deutlich gemacht haben. Nein, kein Dank vom heutigen FDP-Ehrenvorsitzenden Otto Graf Lambsdorff dafür, dass er sich vor Jahren für ein Amnestiegesetz bei Steuersündern schlagen ließ. Keiner vom heutigen Vorsitzenden Guido Westerwelle dafür, dass er sich in der Hochphase des Falles Möllemann im Parlament wie in der Sendung „Christiansen“ für die FDP gegen die Antisemitismus-Vorwürfe eingesetzt hat. Mit allem, was ihm zu Gebote stand. Schäuble hat in der Sendung sogar Michel Friedmans Hand gehalten, um den zu beruhigen. Der Verstand und vielleicht auch der Anstand geböten Dank, aber einfordern kann Schäuble ihn nicht. In diesen Tagen war Merkel noch einmal bei ihm. Wo kein Herrisch-Werden mehr lohnt, lässt er es. Das gebietet die Klugheit.

Es ist ja auch so, dass manche nicht vergessen haben, wie oft Schäuble die Freidemokraten geschützt und ihre Positionen vertreten hat. Öffentlich und auch bei Kohl, der deshalb wütend werden konnte. Nicht vergessen hat das Klaus Kinkel, der frühere FDP-Vorsitzende. Oder Alexandra Oetker, die wegen des Umgangs mit Schäuble aus der FDP ausgetreten ist und einen bitteren Brief geschrieben hat. Oder Hans-Olaf Henkel, der vormalige BDI-Chef, der nicht mehr in der Programmkommission der FDP mitarbeiten will.

Eine Zumutung, aber keine Klage

Heute, gestern, vorgestern: Schäuble sitzt da und denkt sich sein Teil. Als sie im Präsidium für ihn geredet haben, von Roland Koch über Peter Müller bis Jörg Schönbohm; als sie für Merkel gesprochen haben, von Ole von Beust über Christian Wulff bis Laurenz Meyer. Irgendwann hat er sich in der Frage, welche Strategie gegenüber der kleinen FDP die richtige sei, Koch angeschlossen. Und ist dann davongezogen, als klar war, dass er es nicht mehr werden würde. Dabei zu sein, wenn die anderen über andere reden, wollte er keinem zumuten. Auch sich selbst nicht mehr.

Die CSU wollte ihn, bis zuletzt drängte Edmund Stoiber, bevor er aufgab; ein nicht unerheblicher Teil der CDU wollte ihn, auch aus Gründen der Selbstachtung, weil nicht eine Partei entscheiden sollte, die ohne die Union nicht regieren kann. Die Grünen mit ihrem Chef Reinhard Bütikofer hatten der CDU-Vorsitzenden bedeutet, dass sie auf keinen Fall einen Kandidaten der FDP mitwählen würden, die SPD mit Franz Müntefering bot in aller Öffentlichkeit Gespräche über einen Kandidaten Schäuble an – aber Merkel wollte etwas anderes. „Die Neigung oder der Hass ändern die Gerechtigkeit“, schreibt Blaise Pascal in den Gedanken über die Religion. Wie Merkel sich freute! Und dann nach der Verkündung des Kandidaten Horst Köhler mit der Begründung, dass er das Signal für den Wechsel 2006 sein solle: Westerwelle lächelte. Und Stoiber? Ja, der lächelt auch.

Es ist eine Zumutung für ihn. Er empfindet es auch. Aber wie sagt man das, ohne es so zu sagen? Ohne schwach zu wirken? Norbert Blüm rät ihm, dass er sich nicht grämen, sondern lieber ärgern soll. Ja, war es vielleicht ein Fehler, nicht gleich Nein gesagt zu haben, als ihn Richard von Weizsäcker fragte? Er stemmt sich im Rollstuhl hoch. Es mag eine Tragödie sein, aber er will sich nicht mit der Klage aufhalten. Da wirkt er lieber kühl. Überlegt. Ganz Kopf. Johannes Rau hat ihn angerufen, ihn und seine Frau. Sagt er und schaut. Und schaut. Seine Augen schimmern feucht, und der Raum wird eng.

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