Zeitung Heute : Wolfgang Thierse?

Gerd Appenzeller

„Namen sind Nachrichten“ besagt ein ehernes Gesetz im Journalismus. Wolfgang Thierse (SPD) könnte nach der Wahl vielleicht wieder Bundestagspräsident werden. Wäre das eine gute Nachricht? Wir überprüfen täglich die Amtstauglichkeit eines Spitzenpolitikers – bis zur Wahl.

AMT: Bundestagspräsident, nach dem Staatsoberhaupt der zweite Mann im Staat. Wolfgang Thierse ist der erste Ostdeutsche auf diesem Posten, und das seit 1998. Der Ex-DDR-Bürgerrechtler ist ein glänzender Redner. Westdeutsche Journalisten hielten ihn auch deshalb nach der Wende für einen Pfarrer. Thierse, engagierter Katholik, hat das immer klar, aber mit einem Lächeln zurückgewiesen. Tatsächlich hat er Germanistik studiert. Für die CDU/CSU ist der sozialdemokratische Bundestagspräsident ein rotes Tuch. Während der Parteispendenaffäre hat er bei der Union nach Recht und Gesetz die Strafgeldzahlungen von 7,79 Millionen Mark eingetrieben, aber Helmut Kohl (CDU) und Friedrich Merz (CDU) wurden dennoch ihrer selbst geschürten Empörung darüber kaum mehr Herr. Dass beide so schäumten, hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Thierse stellvertretender SPD-Vorsitzender ist – das hat er allerdings wirklich nie verschwiegen.

AMBITIONEN: Klar, er will bleiben was er ist – übrigens will er auch in seinem Wahlkreis Pankow das Direktmandat erhalten. Schon einmal, vor der 2002er Wahl, hatte man ihn in diesem Amt bereits abgeschrieben, aber dann wurde die SPD doch überraschend wieder ganz knapp stärkste Fraktion. Diesmal hat die Union in den Prognosen einen Vorsprung von elf Prozentpunkten vor den Sozialdemokraten. Also wird Wolfgang Thierse das Präsidentenbüro wohl räumen müssen.

AUSSICHTEN: Auch ohne das Amt gut. Mit Sicherheit wird er in die Fraktionsspitze einer in der Opposition stehenden SPD gewählt. Wie hoch nach oben, hängt von der Zusammensetzung der Fraktion ab. Thierse hat sich immer als im Zweifelsfall links definiert – aber innerhalb der SPD. Er wird in der Grundwertekommission stärker mitmischen und damit auch den künftigen Kurs der Partei bestimmen wollen.

WAHRSCHEINLICHKEIT: Als Präsident? Na ja: Wunder gibt es immer wieder…

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