Wolfgang Wagner : Hüter des Hügels

Wie der Drache Fafner den Schatz im „Ring des Nibelungen“, so hütete und verteidigte Wolfgang Wagner seinen Besitz: die Richard-Wagner-Festspiele. Fast 60 Jahre lang. Unvorstellbar. Ein Nachruf.

Wolfgang Wagner im Jahr 1955.
Wolfgang Wagner im Jahr 1955.Foto: dpa

Ein professionelles Leben bis in den Tod: Sonntag früh, um zwei Uhr morgens, stirbt Wolfgang Wagner, „friedlich“, wie es heißt – und erst spät am Abend, nachdem es in diversen Internetforen tagsüber bereits kräftig gezwitschert und gerüchtelt hatte, geben die Bayreuther Festspiele die erste Meldung heraus. Genug Zeit für die Familie, die einschlägigen Formalitäten abzuwickeln, engste und engere Vertraute zu verständigen, sich zu verabschieden, den Leichnam herzurichten. Und den Zeitpunkt für die Veröffentlichung so zu wählen, dass auch jene Medienvertreter, die ihre Nachrufe noch nicht griffbereit in den Schubladen liegen haben, am nächsten Vormittag hübsch ausgeruht zu Werke gehen können.

Selbst wenn dieses Procedere mit Wolfgang Wagner nicht mehr wirklich abgesprochen gewesen ist: In seiner Gründlichkeit und Überlegtheit, seinem absoluten Bestimmerwillen passt es zu ihm. Nur keine Hauruck-Aktion, nichts mal eben Hals über Kopf oder zufällig. Wer sich ein Leben lang mit den Opern Richard Wagners beschäftigt, der lernt zu disponieren, die Spannung zu halten. Gerne auch über den eigenen Tod hinaus.

Wolfgang Wagner war seit längerem krank, ein Krebsleiden, das Alter, was verlangt man von einem 90-Jährigen. Endgültig zurückgezogen aus der Öffentlichkeit und vom roten Bayreuther Festspielteppich hat er sich vor zwei Jahren, als seine Nachfolge geregelt war und einer der peinlichsten, absurdesten, vertracktesten und hartleibigsten deutschen Kultur-Krimis des 20. und 21. Jahrhunderts ein, nun ja, glimpfliches Ende gefunden hatte.

Seit 1987 als Festspielleiter mit einem Lebenszeitvertrag gesegnet, eröffnete und widerrief Wagner seit 2000 im Nachfolgestreit gleich mehrere Findungsverfahren. Erst wollte er seine zweite Frau Gudrun, die im Hintergrund die Strippen zog, offiziell mit den Insignien der Hügelmacht ausstatten lassen, im Gegenschlag hatte sich die Politik dann Eva Wagner-Pasquier ausgeguckt, Wolfgangs Tochter aus erster Ehe, eine Hügelvertriebene, die als erfahrene Kulturmanagerin die richtigen Gene mit der richtigen Kompetenz zu vereinen schien. Beide Lösungen scheiterten, die Politiker bissen sich an dem Fall ihre letzten Zähne aus, der „Alte“ grollte und pochte auf seinen Vertrag – ein bedrohliches Patt. Bis man sich 2008 schließlich doch noch einigte, auf die unterdessen sicher nicht absichtslos heimgekehrte Eva (heute 64) im Verein mit Wolfgangs erklärter „Wunschmaid“ Katharina (heute 31), seiner Tochter aus zweiter Ehe.

Dass Wolfgang Wagners Lebensleistung über diesem kleingeistigen Abgang keinen nachhaltigen Schaden nahm, verdankt sich zwei Tatsachen. Zum einen hat das System W. W. seit 1967, als er den Festspielen zum ersten Mal in alleiniger Verantwortung vorstand, zu keiner Zeit anders funktioniert: Er war der Fürst, der unangefochtene und bitteschön auch unanfechtbare Herrscher über den grünen Hügel und dessen künstlerische, gesellschaftliche und ökonomische Geschicke. Wagner-Daumen rauf, Wagner-Daumen runter, hier ein Ja, da ein Nein, dort der mächtigen Mäzenatenvereinigung „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ ein paar Extragelder aus den fetten Rippen geschnitten oder missliebige Familienmitglieder wie den eigenen Sohn Gottfried oder die kritische Nichte Nike mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt. Dies alles unter dem Wahlspruch (mit dem Evchen in den „Meistersingern“ den alten Sachs zu umgarnen sucht): „Hier gilt’s der Kunst!“.

Schon 1951, zur feierlichen Eröffnung Neu-Bayreuths nach dem Krieg, prangt dieser wie ein Sedativum auf eigens verteilten Flugblättern: „Im Interesse einer reibungslosen Durchführung der Festspiele bitten wir von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst absehen zu wollen. Hier gilt’s der Kunst.“ Und gerne schmückt Wolfgang bis ins 21. Jahrhundert hinein auch seine berüchtigten Hausmitteilungen mit diesem Motto. Als schnöde Fotokopien mit schnödem Tesafilm befestigt kleben diese an den Türen, Fahrstühlen und Katakomben der heiligen Hallen, verbieten Nicht-Zugangsberechtigten unter Androhung hässlicher Strafen den Aufenthalt und einem jeden jegliche Bild- und Tonaufnahmen. Hier gilt’s der Kunst. Ein’ feste Burg ist unser Festspielhaus. Und unser Festspielleiter, natürlich.

Was also sollte man Wolfgang Wagner verübeln? Dass er sich bis zum Ende treu geblieben ist, dass sein Abschied sich nicht anders gestaltet hat als sein Aufstieg zum hoch respektierten, viel geschmähten und dienstältesten Intendanten der Welt? Manch einer (oder eine) hatte wohl darauf gehofft, dass das zittrige, fragile Männlein mit dem schlohweißen Haarschopf, das man bis vor drei, vier Jahren zuweilen noch den Zebrastreifen zwischen dem Festspielhaus und der direkt darunter gelegenen Villa der Wagners kreuzen sah, seiner Macht vor der Zeit abschwören würde. Aus Weisheit oder Senilität, aus Altersfreundlichkeit, wer weiß das schon. Außerdem war Gudrun Wagner im November 2007 überraschend gestorben, die heimliche Prinzipalin, die nicht erst seit Christoph Schlingensiefs Bayreuther „Parsifal“-Erfahrung in der Öffentlichkeit gern als „böse“ galt, als die treibende, zersetzende Kraft in seinem ehrwürdigen Rücken. Doch Wolfgang Wagner blieb Wolfgang Wagner und niemandes Mündel, halsstarrig, stur, uneinsichtig bis zuletzt. Mit Erfolg. Wer in den vergangenen Wochen zu ihm vorgelassen wurde, erlebte eine winzige, papierne, ja gläserne Gestalt mit winzigen blitzwachen Momenten. Ein Mensch im Verschwinden, einer, durch den alle Wirklichkeit und Welt längst hindurchfließen.

Was Wagners Ruf im Nachhinein ebenfalls eher festigt denn ramponiert, ist die Arbeit seiner beiden Töchter Eva und Katharina. Denn so wenig messerscharf sich die ästhetischen und künstlerischen Grenzen bislang ziehen lassen (als „Assistentin der Festspielleitung“ hatte Katharina bereits seit Jahren Einfluss), so fundamental haben sich die Strukturen geändert: Aus der dynastischen Spielwiese, dem absolutistischen Ein-Mann-Betrieb W. W. ist seit 2008 ein straff demokratisch geführtes und organisiertes Unternehmen geworden, Bund, Land, Stadt und die „Freunde“ halten die Anteile an der Festspiele GmbH. Das bedeutet: mehr Kontrolle und sehr viel mehr administrativen Aufwand. In Zeiten, in denen nicht nur die Kommunen darben und sich der Umgang mit der sogenannten Hochkultur immer weniger von selbst versteht und aus sich selbst heraus rechtfertigt, dürfte das auch eine Sicherungsmaßnahme sein. Man fühlt sich dem Mythos Bayreuther Festspiele verpflichtet, in der großen Koalition war das so, unter Schwarz-Gelb bleibt das so, das wird selbst ein wenig pathosverdächtiger Mensch wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann nicht müde zu betonen. Und die Oberfranken wissen ohnehin, was sie an ihren „Wachners“ haben.

Dieser Mythos ist nicht nur, aber auch Wolfgang Wagners Verdienst, jedenfalls was das Pragmatische betrifft. Stöbert man in der Festspielgeschichte, so stellt sich diese bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als äußerst labil dar. Immer wieder fehlt das nötige Geld, unter Cosima Wagner, unter Winifred, es wird abgesagt, unterbrochen, gefeilscht und gebettelt, die beiden Weltkriege tun ein Übriges, Hitler darf sich als Retter und Wohltäter gerieren und im Strahlenkranze Richard Wagners sonnen, 1945 fällt das Festspielhaus einem Bombenangriff zum Opfer.

Erst seit 1951 herrschen auf dem Grünen Hügel Kontinuität und Festigkeit, das Familienunternehmen mausert sich zur verlässlichen Institution und nationalen Ikone. Das hat sicherlich mit dem frühen Geniestreich des Regisseurs Wieland Wagner zu tun, die Bühne in seinen Inszenierungen radikal zu entrümpeln, sich gleichsam nackt zu machen vor aller Welt: Seht her, wir, die Enkel, fangen noch einmal ganz von vorne an! Mit geometrischen Formen, mit der berühmten Scheibe, mit Choreografien, die eher an die Errungenschaften des expressionistischen Theaters in den progressiven zwanziger Jahren erinnern als an das gute alte germanische Bärenfell.

Wolfgang ist der zweite Sohn, das dritte von vier Kindern Siegfried Wagners und seiner Frau Winifred, geboren 1919 in Bayreuth, ein blasser Blondschopf mit dünnen Ärmchen und Beinchen. Ein mäßiger Schüler, wie es heißt, und miserabler Esser. Die sprichwörtliche Wagnernase (jenen Zinken, der der Dynastie spätestens seit ihrer Vermählung mit der Liszt-Linie ins Gesicht geschrieben steht) merkt man ihm lange nicht an. Und erst recht nicht, dass er es sein würde, der den Festspielen bis ins 21. Jahrhundert hinein seinen Stempel aufdrücken würde. So widerstrebend Wielands NS-Verstrickungen bislang durchleuchtet wurden (er war immerhin zwei Jahre älter als Wolfgang), so gerne wird dessen künstlerische Leistung bis heute überschätzt. Wolfgang Wagner dürfte darunter zeit Lebens gelitten haben. Stets der Kleine zu sein, der offenkundig weniger Begabte, der auch von Hitler weniger Geschätzte und, mit der Gründung Neu-Bayreuths, hauptsächlich der „Buchhalter“, derjenige, der fürs Wirtschaftliche und Organisatorische verantwortlich zeichnet. Ein Trauma?

Über Wolfgangs Ehrgeiz freilich, über seine profunde Kenntnis des großväterlichen Oeuvres darf man sich schon damals nicht täuschen, seine erste eigene Inszenierung gilt 1953 im eigenen Bühnenbild (!) dem „Lohengrin“. Als Wieland 1966 stirbt, bricht der kleine Bruder zu neuen Ufern auf. Überführt die Festspiele samt verbliebenem Archiv und Villa Wahnfried in eine Stiftung, verpflichtet neue, aufregende Künstler – Dirigenten wie Pierre Boulez, Horst Stein und Carlos Kleiber, Regisseure wie August Everding, Götz Friedrich und Patrice Chéreau –, setzt seine Regiearbeiten fort und bezieht oben auf dem Festspielhügel ein eigenes Haus. Wie der Drache Fafner den Schatz im „Ring des Nibelungen“, das Rheingold, so hütet und verteidigt Wolfgang Wagner seinen Besitz, die Richard-Wagner-Festspiele. Fast 60 Jahre lang. Unvorstellbar.

So viele Jahre Sonnenkönigtum gehen an einem (öffentlich subventionierten) Festival sicher nicht spurlos vorüber. Wobei Eitelkeit und Glanzeslust Wolfgangs Eigenschaften nie waren: eher eine erdverwurzelte Biestigkeit. Der Mann hatte es irgendwann einfach nicht mehr nötig, mit sich reden zu lassen. Schöngeistige Feuilletonisten etwa kanzelte er mit seinem unverwechselbaren fränkischen Nuschel- Idiom in legendären Pressekonferenzen ab, eine Ausstellung zum 100. Geburtstag seiner Mutter und unverbesserlichen Hitler-Freundin Winifred stampfte er 1997 kurzerhand wieder ein, als ihm dämmerte, dass diese ideologisch unschmeichelhaft ausfallen würde, und im Übrigen wachte er mit Argusaugen darüber, dass sich in der Wagner-Kunst nichts Ungebührliches ereignete.

Es ist stets betont worden, dass Wolfgang Wagners eigene Inszenierungen die Kröten gewesen seien, die die WagnerWelt schlucken musste, um vom Grünen Hügel auch andere Impulse zu bekommen. Wenn dem so ist, dann hat man all das Kunsthandwerkliche und vermeintlich „Werkgetreue“, den ganzen Butzenscheiben-Wagner mit ausgestopften Schwänen im „Parsifal“ und wogenden Standarten auf der „Meistersinger“-Festwiese begierig geschluckt. Denn dafür gab es den Jahrhundert-„Ring“ mit Chéreau und Boulez, einen „Tristan“ von Heiner Müller, die Initiation von Christian Thielemann zum Wagner-Dirigenten, einen psychoanalytischen „Holländer“ und zuletzt einen die Rezeptionsgeschichte gehörig aufmöbelnden neuen „Parsifal“ (Regie: Stefan Herheim). Und viele, viele namhafte Sänger. Etliche dieser Künstler sind im Streit vom Grünen Hügel geschieden, weil ihnen die Einflussnahme der Festspielleitung zu rigide war (bis heute gibt es eine Klausel in den Verträgen, die jedes öffentliche Reden über laufende Produktionen untersagt). Zu ihnen gehört auch Daniel Barenboim, der Wolfgang Wagner am Montag in Berlin einen „beispielhaften“ Intendanten nannte und seine „intime“ Werkkenntnis pries. Oder Christoph Schlingensief, der sich mit seiner Arbeit am „Parsifal“ eine lebensgefährliche Krebserkrankung einhandelte, so datieren es die Ärzte, und dessen Inszenierung die Festspiele aus Angst vor der eigenen Courage vorzeitig wieder absetzten. Das Bayreuther Engagement, so Schlingensief, sei die größte Freude gewesen, die man ihm jemals bereitet habe.

Die Frage der Zukunft wird sein, ob Eva und Katharina ähnlich gute Wagner-Spürnasen besitzen wie ihr Vater. Für die Offenheit des Gesamtkunstwerks Bayreuther Festspiele, für seine Zeitfühligkeit heute, morgen und übermorgen, für seine Relevanz in einer sich dramatisch verändernden Kulturlandschaft. Oder ob sie sich verlieren in Public Viewings, Livestreams, Podcasts und Versteigerungen von Devotionalien bei Ebay, im Krieg der Agenten, in den Ränkespielen der Sponsoren. In jedem Fall wird die neue Transparenz, auf die man setzt, das Herunterlassen der Zugbrücken, etwas kosten. Exklusivität vielleicht, Persönlichkeit, Geist. Aura.

Als Wolfgang Wagner am Sonntag um zwei Uhr früh gestorben ist, heißt es, seien Katharina, deren ehemaliges Kindermädchen und der behandelnde Arzt bei ihm gewesen. Eva hingegen befand sich auf dem Weg nach Salzburg, wo Simon Rattle für die Osterfestspiele Wagners „Götterdämmerung“ aufpoliert. Und Christian Thielemann, der dem „Alten“ in den letzten Jahren nahe stand, war just mit den Münchner Philharmonikern nach Japan aufgebrochen. Ein Profi wie Wolfgang Wagner hätte das verstanden.

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