Wolfgang Wagner : Ring frei

Schon als Kind tat er nichts, als Wagner zu spielen: den Siegfried, den Lohengrin, den Wotan. Dann wurde er Chef von Bayreuth – ein sehr mächtiger Mann, für sehr lange Zeit. Gestern schreibt er nun einen Brief. „Seit 59 Jahren habe ich Verantwortung für die Bayreuther Festspiele getragen, jetzt halte ich es für an der Zeit, diese abzugeben.“ Wolfgang Wagner, der Alte, der Machtbesessene, der biestige Sonnenkönig, hört auf

Christine Lemke-Matwey

Alles Lernen im Leben ist Mimikri. Deshalb wurde bei den Wagner-Kindern in Bayreuth nie etwas anderes als Wagner gespielt: Wie Jung-Siegfried den Drachen tötet. Ritter Lohengrin mit dem Schwan, Brünnhilde auf dem Feuerbett, Klingsor im Zaubergarten. Und Wotans Abschied. Im Unterschied zu dynastisch weniger belasteten Familien änderte die Pubertät, die Zeit des Aufbegehrens, an diesen Rollenspielen, an diesem Psychodrama nichts. Jedenfalls nicht bei Wolfgang Wagner. Ein Wagner, so andere Wagners ihn nicht daran hindern, bleibt immer ein Wagner - und spielt weiter. Und tut dies selbst in seinem lang ersehnten, heftig erstrittenen, förmlich erpokerten Rücktritt noch, der gestern nach einer Sitzung des Bayreuther Stiftungsrates bekannt gegeben wurde. Der Weg der Bayreuther Festspiele in die Zukunft gestaltet sich damit ein großes Stückchen freier.

Und man fragt sich sofort: Geht er, weil er kriegt, was er will, nämlich Eva   & Katharina als ihm nachfolgendes Töchtertandem? Ist's ein Kuhhandel, wie er fürs liebliche ländliche Oberfranken gar nicht untypisch wäre? Wagners Rücktritt, so beeilt sich Bayreuths Oberbürgermeister Michael Hohl (CSU) zu versichern, sei an keinerlei Bedingungen geknüpft. Und der Vorsitzende der mächtigen "Gesellschaft der Freunde", Karl Gerhard Schmidt, betont sogar, in der Nachfolgefrage würden die Karten "noch mal neu gemischt". Dass der Stiftungsrat den alten Wolfgang nun, da er endlich einlenkt, übers Ohr haut und Ende August gänzlich anders entscheidet als töchterlich, scheint jedenfalls unwahrscheinlich. Man möchte ganz offenkundig in Harmonie auseinandergehen.

Wer ist dieser Wolfgang W., der die Wagnerianer weltweit spaltet, in ehrfürchtige Bewunderer hier und Gift spritzende Feinde da, und an dem sich die Kulturpolitik in den letzten Jahren so schwer die Zähne ausgebissen hat? Eine Fotografie, Mitte der 20er Jahre aufgenommen, zeigt die vier Enkel des Komponisten Richard Wagner in voller Montur: Wolfgang, Verena, Wieland und Friedelind mit Helmchen und kleinen Hellebarden, in Kettenhemden und Bärenfell. Das Bayreuther Festspielhaus, die Fachwerk- Ikone deutscher Kunst und Kultur, als überlebensgroßes Kinderspielzimmer. Unsere Zukunft, sagt dieses Foto, ist unsere Tradition. Und das soll nicht prägen, stigmatisieren, traumatisieren?

Mäßiger Schüler und schlechter Esser

Wolfgang ist der zweite Sohn, das insgesamt dritte Kind von Siegfried Wagner und seiner Frau Winifred, geboren 1919 in Bayreuth, ein blasser Blondschopf mit dünnen Ärmchen und Beinchen. Ein mäßiger Schüler, wie es heißt, und schlechter Esser. Die sprichwörtliche Wagnernase (jenen Zinken, der der Dynastie spätestens seit ihrer Vermählung mit der Liszt-Linie ins Gesicht geschrieben steht) merkt man ihm noch nicht an. Und erst recht nicht, dass er es sein würde, der den Festspielen bis ins 21. Jahrhundert hinein eine neue Festigkeit verschaffen würde: zunächst, ab 1950, an der Seite seines Bruders Wieland, nach dessen frühem Tod und seit 1967 solistisch.

Wolfgang W., den sie seit den 90er Jahren, als seine Haare sich schlohweiß färbten, halb hämisch, halb zärtlich den "Alten" nennen: ein kampfeslustiger Hüter jener Tradition, ein Fels auch in der Brandung, ein fränkischer Trotzkopf und gern belächelter Wagner-Regisseur. An die visionäre Energie und Chuzpe Wielands, dessen Inszenierungen die Ästhetik Neu-Bayreuths formten, reichten seine Kunstversuche allesamt nicht heran - vielleicht das nächste Trauma. So mauerte Wolfgang sich ein, wurde Herrscher über eine Trutzburg, die sich für Außenstehende, für Gegner, missliebige Familienmitglieder und Kulturpolitiker als immer uneinnehmbarer erwies.

41 Jahre Sonnenkönigtum gehen an einem (öffentlich subventionierten) Festival nicht spurlos vorüber. Wobei Eitelkeit und Glanzeslust Wolfgangs Eigenschaften nie waren: eher eine exorbitante Sturheit, eine erdverwurzelte Biestigkeit. Der Mann hat irgendwann einfach nicht mehr mit sich reden lassen. Und hatte es auch nicht nötig.

An den Schraubzwingen des Machterhalts

Kritiker seines Führungsstils wie seine Nichte Nike überzog er versuchsweise mit Hügelverboten, seine eigene Tochter Eva jagte er aus dem Haus, schöngeistige Feuilletonisten kanzelte er mit unverwechselbarem fränkischen Nuschel- Idiom in legendären Pressekonferenzen ab, er stampfte eine Ausstellung zum 100. Geburtstag seiner Mutter und bekennenden Hitler-Freundin Winifred 1997 kurzerhand wieder ein, als ihm dämmerte, dass diese ideologisch unschmeichelhaft ausfallen würde, und er wachte mit Argusaugen darüber, dass sich in der Wagner-Kunst nichts Ungebührliches ereignete - zumindest nichts, was er nicht vorher abgesegnet hatte.

Mit Alter oder Altersstarrsinn hat das nicht viel zu tun, eher mit Macht und den Schraubzwingen des Machterhalts. Der bayerische Staat jedenfalls (damals in Gestalt des frisch ernannten Kultusministers Hans Zehetmair und mit Franz Josef Strauß im Hintergrund) wird sich tausendfach verflucht haben, was ihn 1987 nur dazu trieb, dem "Alten" einen Lebenszeitvertrag in die Hand zu drücken. Eine Amigo-Affäre, wer weiß das. Eine Geste des Respekts. Und nicht zuletzt die Rückversicherung fürs bajuwarisch-konservative Wahl- und Wagner-Volk, dass auf dem Grünen Hügel ästhetisch alles im grünen Bereich bleibt.

In der Summe mag dies alles schrecklich klingen, tyrannisch, borniert, böse. Die Zäsur aber, die sich mit der gestrigen Bayreuther Stiftungsratssitzung ankündigt, sie bedeutet auch: Auf eine Persönlichkeit wie Wolfgang Wagner werden die Bayreuther Festspiele in Zukunft verzichten müssen - und darum tut es einem jetzt schon leid. Überhaupt: Das sonnig in sich hinein lächelnde, mühselig am Stock humpelnde Männlein, dem man während der letzten Festspiele noch begegnen konnte, soll der wüste Berserker von einst sein? Das Alter, so scheint es, kennt seine eigene Gnade. Und Niedlichkeit. Beides hat in der nun doch überraschend glatten Befriedung des Problemhügels eine Rolle gespielt. Und warum auch nicht. Selbst Stiftungsräte sind bisweilen sentimental.

Wolfgang Wagner kann sich doppelt gratulieren

In einem Brief an den Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele kündigt der 88-Jährige nun also offiziell seinen Rücktritt an. "Sehr geehrter Herr Schmid, sehr geehrter Herr Dr. Hohl", schreibt Wagner an den Stiftungsratsvorsitzenden Toni Schmid und den Bayreuther Oberbürgermeister, "seit 59 Jahren habe ich Verantwortung für die Bayreuther Festspiele getragen, jetzt halte ich es für an der Zeit, diese abzugeben. Die Entwicklungen insbesondere der letzten Wochen bestärkten mich in meinem Entschluss ebenso wie der Umstand, dass sich für die Gestaltung der Zukunft der Bayreuther Festspiele eine einvernehmliche, von breitem Konsens getragene Lösung abzeichnet. Dem will ich mich nicht verschließen. Hiermit erkläre ich, dass ich die Leitung der Festspiele bis spätestens zum 31. August 2008 niederlegen werde."

Tags zuvor wird Wolfgang Wagner 89 Jahre alt - und kann sich doppelt gratulieren. Jene "einvernehmliche, von breitem Konsens getragene Lösung" nämlich meint eben jenes von ihm favorisierte und füchsisch durchgesetzte Halbschwesternduo aus Eva Wagner-Pasquier (63) und Katharina (29). Der Alte hat somit, was er will, die Politik wahrt ihr Gesicht - und das Geschäft bleibt bis auf Weiteres in der Familie. Am Persönlichkeitsfaktor indes werden die beiden Mädels noch arbeiten müssen. Eva, die Kultur-Managerin, ist eine Frau der zweiten Reihe und bislang wenig aufgefallen, und Katharina, die Jung-Regisseurin, hat zwar eine erstaunlich tiefe Stimme und schnelle, freche Schnauze, sehr viel mehr indes noch nicht zu bieten. Aber da ist ja auch noch der Dritte im Bunde, der Dirigent Christian Thielemann, der der kleinen Kathi den Steigbügel hält und ohne den sie nie so weit gekommen wäre …

Fazit? Die Richard-Wagner-Festspiele 2008, die am 25. Juli mit einer Neuinszenierung des "Parsifal" eröffnet werden, beschließen eine ebenso bewegte wie verdiente und bleierne Ära. Gemäß den Statuten hat der Stiftungsrat mit heutigem Datum vier Monate lang Zeit, alle eingereichten Bewerbungskonzepte zu sichten und sich auf eine neue Festspielleitung zu einigen. Der 31. August wird also ein spannender Tag. Wie weit reicht Wolfgang Wagners Arm tatsächlich? Der neue "Parsifal" übrigens soll für den Grünen Hügel und seine Geschichte politisch-ideologisch wenig Schmeichelhaftes bereithalten. Man zankt sich bereits. Das Spiel geht weiter.

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